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Gedopter Schwinger«Ich bin doch kein Riesenarsch, der diese Geschichte verdient»

Zwei Jahre nach seinem positiven Dopingtest beteuert Martin Grab seine Unschuld. Er kritisiert Antidoping Schweiz und den Schwingerverband scharf.

«Manchmal möchte ich ins Fernsehstudio rennen und mich erklären», sagt Martin Grab. Erstmals seit seiner positiven Dopingprobe nimmt er nun Stellung.
«Manchmal möchte ich ins Fernsehstudio rennen und mich erklären», sagt Martin Grab. Erstmals seit seiner positiven Dopingprobe nimmt er nun Stellung.
Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Martin Grab ist der ungekrönte Ausnahmekönner. Nur dem 41-jährigen Schwyzer ist es gelungen, alle sechs Bergfeste für sich zu entscheiden, mit dem Expo- (2002) und dem Unspunnen-Schwinget (2006) triumphierte er an zwei Anlässen mit eidgenössischem Charakter. Den Königstitel hat er nie gewonnen, 2010 in Frauenfeld unterlag er im Schlussgang Kilian Wenger.

Doch Martin Grab ist auch bei einem Dopingtest hängen geblieben – 2018 war bei ihm Tamoxifen nachgewiesen worden. Der Wirkstoff gilt als erfolgversprechend in der Bekämpfung von Brustkrebs. Die Substanz wird jedoch auch häufig im Zusammenspiel mit Anabolika verwendet, um dessen Nebenwirkungen zu minimieren. Im August 2019 wurde der Schwyzer dann für zwei Jahre gesperrt, es ist erst der sechste Dopingfall im Schwingen.

Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?

Ratlosigkeit und Unverständnis. Ich frage mich: Wieso ich? Wieso ist mir das passiert? Ich habe ein soziales Projekt mit einem Arbeiter, unterstütze Jugendliche, habe ehrenamtlich viel geleistet. Ich bin doch kein Riesenarsch, der diese Geschichte verdient. Es ist wie als Bub, als der Pfarrer kam und sagte, der Vater sei verunglückt. Meine Mutter fragte immer wieder: wieso? Darauf kriegt man keine Antwort.

Was sehen die Leute in Ihnen?

Viele sind mir gut gesinnt. Aber es gibt andere, da muss ich nicht weit suchen, die glauben mir nicht.

Sie sind nicht mehr der frühere Seriensieger, sondern einfach ein Doper.

Ich stehe auf der Stufe der überführten Spitzenvelofahrer. Aber ganz ehrlich: Ich habe auch so gedacht. Hörte ich von einem Dopingfall und den Erklärungen, war ich meistens sicher: Ausreden, Quatsch! Bitter ist, dass die Meinungen gemacht sind. Daran würde nicht einmal mehr etwas ändern, sollte ich doch noch alles beweisen können. Der Dopingfall beschäftigt mich jeden Tag – seit über zwei Jahren.

«Ich habe Rekorde gebrochen. Aber klar, andere denken jetzt: Der war immer geladen.»

Wie gehen Sie damit um?

Mir wurde psychologische Hilfe angeboten, doch ich lehnte ab. Gleichzeitig realisierte ich, was die Geschichte auslösen könnte. Die ganze Schweiz urteilte über mich. Keiner hat so viele Bergfeste gewonnen wie ich, das sage ich mir immer wieder. Aber klar, andere denken: Der war immer geladen. Dieser Schatten liegt über mir. Doch ich weiss: Ich habe nichts Unrechtes getan.

Ich bin unschuldig – das sagen 95 Prozent der überführten Sportler...

...sicher, und das macht es für mich nicht einfacher. Aber Fakt ist, dass keine leistungsfördernde Substanz in meinem Körper gefunden worden ist. Im Gegenteil, der eruierte Wirkstoff Tamoxifen macht eher schläfrig.

Sie haben die zweijährige Sperre akzeptiert. Macht das ein Unschuldiger?

Ich hatte keine andere Wahl. Es war hoffnungslos, und ein Rekurs hätte hohe Kosten verursacht.

Versuchten Sie nicht verzweifelt, Ihre Unschuld zu beweisen?

Manchmal möchte ich in ein Fernsehstudio rennen und drauflosreden, mich erklären. Mir wurde vorgeworfen, ich hätte mich zu stark zurückgezogen, mich zu wenig verteidigt. Aber wäre ich in die Offensive gegangen, hätte vieles gegen mich verwendet werden können.

Was denn?

Gemäss Studien der Universität Lausanne kann Tamoxifen im Wasser vorkommen. Hätte ich das gesagt, wäre ich verrissen worden. Ausgerechnet der Grab soll solches Wasser getrunken haben – das hätte lächerlich gewirkt. Nicht einmal ich glaube das. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze: Im engeren Umfeld gab es Krebspatienten, sie nahmen Mittel mit der entsprechenden Substanz ein. Vielleicht kam die Verbindung so zustande. Dann meldete sich ein Arzt, der von meinem Fall aus der Presse erfahren hatte. Er stellte ein Dossier zusammen, aber Antidoping Schweiz meinte, es sei wissenschaftlich nicht anerkannt.

«Das tönt wie im Märchen, schon klar, darum habe ich nie etwas gesagt.»

Was fand er heraus?

Mein Tamoxifen-Wert war auch ein halbes Jahr später relativ hoch. Der Arzt meinte, hohe Werte habe er schon bei mehreren Patienten beobachtet, er erwähnte die Möglichkeit der körpereigenen Produktion. Zudem schluckte ich in der Phase vor der Dopingkontrolle wegen meiner Hüftbeschwerden viele Entzündungshemmer. Der Arzt sagte, mein Körper habe sich wohl gegen eine schlimme Krankheit gewehrt. Das tönt wie im Märchen, schon klar, darum habe ich nie etwas gesagt.

Aber doch sicher gegenüber Antidoping Schweiz?

Da muss ich eines klarstellen: Diese Organisation hat sehr unprofessionell gearbeitet. Es ging viel zu lange, bis das Ergebnis da war, als hätten schon zu Beginn Zweifel bestanden. Bei der Öffnung der B-Probe war ein Mitarbeiter dabei, der das zum ersten Mal machte – er konnte viele Fragen nicht beantworten. Zuvor hatte ein ehemaliger Kontrolleur das Ergebnis in Umlauf und damit indirekt an die Öffentlichkeit gebracht. Man hat das herausgefunden, im Vernehmungsprotokoll aber wurde nichts festgehalten. Ich hätte diesen Mann anzeigen sollen. Und als ich meine Tabletten und Nahrungsergänzungsmittel mitbrachte, hiess es, eine Analyse sei sinnlos. Später wurde dieses Unterlassen gegen mich verwendet.

Aus Ihrem Umfeld wurde der Vorwurf laut, jemand könnte Ihnen die verbotene Substanz untergejubelt haben.

Der Verbandsarzt stellte diese These auf. Auch meine Frau meinte: «Martin, du bist immer so direkt zu den Leuten, vielleicht wollte dir jemand Böses.» Ausschliessen kann man es nicht, aber ich bleibe realistisch. Es gäbe einfachere Wege, jemandem zu schaden. Meine Buben sind seither hypervorsichtig. Sie schrauben jede Flasche dreimal zu, benützen nicht mal Lippenpomadenstift.

Sein schwerster Gang: Martin Grab beteuert nach wie vor seine Unschuld.
Sein schwerster Gang: Martin Grab beteuert nach wie vor seine Unschuld.
Foto: Thomas Hodel (Keystone)

Hand aufs Herz: Tamoxifen im Zusammenhang mit Anabolika wäre durchaus hilfreich für einen Schwinger.

Keiner meiner Werte ist auffällig gewesen, bei allen Dopingtests. Tamoxifen soll Nebenwirkungen von Anabolika verringern, die Änderung der Stimme, das Wachsen von Brüsten. Hätte ich tatsächlich einmal Anabolika genommen, müsste ich doch nicht Angst vor Nebenwirkungen haben. Mir würden doch nicht gleich Brüste wachsen. Ich wäre dumm gewesen, mich dem doppelten Risiko auszusetzen, erwischt zu werden.

Aber dann schwingen Sie im April 2018 am Zuger «Kantonalen» alles in Grund und Boden, sechs Jahre nach dem letzten Sieg. Verstehen Sie die Skeptiker nicht?

Doch, und wie. Ich habe bei solchen Geschichten oft die Nase gerümpft, mich sogar genervt. Bei mir müsste man aber genauer hinschauen.

«Ich habe das unterschätzt, vor allem bei den Kindern. Denen wurde das um die Ohren geschlagen in der Schule.»

Martin Grab

Auf was?

2013 war mein Knie kaputt, 2014 verpasste ich die ganze Saison. 2015 war ich mehrmals nahe an einem grossen Sieg. 2016 gewann ich immerhin den eidgenössischen Kranz. Schlecht war nur die Saison 2017. Im Winter investierte ich dann viel, die Hüfte aber schmerzte stark. Und als ich mich beim Aussteigen aus der Badewanne nochmals verletzte, sagte meine Frau: Hör auf!

Aber?

Das Schwyzer «Kantonale» fand 2018 quasi vor der Haustüre statt. Für mich war klar, dass es mein letztes Fest sein würde. Das MRI war gemacht, die Operation beschlossene Sache. Die Absicht zurückzutreten behielt ich aber für mich.

Was nun gegen Sie verwendet wird. Warum sollte ein 38-jähriger fünffacher Familienvater und Unternehmer mit gravierenden Hüftbeschwerden für zwei eher kleine Feste einen Winter lang extrem hart trainieren?

Klar, haderte ich: Hätte ich meinen Rücktritt doch angekündigt. Als ich das Schreiben mit dem positiven Befund erhielt, war ich schon operiert worden. Das gilt nun als Märchen. Was hart ist, vor allem für meine Familie.

Hat sie gelitten?

Manchmal fühlte ich mich wie ein Aussätziger, wenn jeder hinter meinem Rücken redete. Ich war dermassen mit mir selbst beschäftigt, dass ich nicht realisierte, wie schlecht es meinen Liebsten ging. Es wird besser, aber ich spüre, dass es für die Familie noch immer ein Problem ist. Wird das Wort Doping erwähnt, wirkt das wie ein Messerstich. Ich habe das unterschätzt, vor allem bei den Kindern, denen wurde das um die Ohren geschlagen in der Schule. Berührt hat mich das Verhalten meiner Frau: Bis heute hat sie nie gefragt, ob ich es getan habe.

«Obmann Paul Vogel ist ein Schönwetterpräsident. Gibt es ein Problem, ist er total überfordert, handelt ganz schwach.»

Martin Grab

Wie reagierten die Schwinger?

Fast alle standen hinter mir. Es gab mal eine Unterhaltung mit einem Schwinger an einem Fest, da spürte ich: Dem ist es unangenehm, mit mir gesehen zu werden. Skandalös ist, wie sich der Eidgenössische Schwingerverband verhalten hat.

Inwiefern?

Der nun abgetretene Obmann Paul Vogel war ein Schönwetterpräsident. Neben den Königen stehen und in die Kameras lächeln, das konnte er. Aber gab es ein Problem, war er total überfordert, handelte ganz schwach. Bis heute hat weder der Zentralvorstand noch die Antidopingkommission des Schwingerverbandes mit mir gesprochen. Meiner Meinung nach verdient es sogar ein vorsätzlicher Täter, zumindest angehört zu werden. Ich habe mehrmals um ein Gespräch gebeten, nicht nur im totalen Schock nach dem positiven Befund.

Zu vernehmen war, dass sich die Antidopingkommission des Schwingerverbandes in der Stellungnahme gegenüber Andtidoping Schweiz negativ über sie geäussert hat.

Das Schreiben war extrem scharf. Und es wurde ohne Aufforderung ein zweites nachgereicht. Ich habe das Gefühl, dass an mir ein Exempel statuiert wurde. Dass man zeigen wollte: Der Schwingerverband schläft nicht im Dopingkampf. Da kam ein prominenter Fall gerade recht.

Ist Doping im Schwingen ein grösseres Thema, als viele meinen?

Die heile Schwingerwelt gibt es nicht. Früher gab es keine Kontrollen, da nahmen einige Mittel zu sich, die mittlerweile verboten sind – zu diesem ethischen Missbrauch stehen gewisse Schwinger heute auch. Meine Generation machte mit dem Schwingen nicht die grosse Kasse, aber nun geht es um viel Geld, da wird Doping zwangsläufig zum Thema.

«Ich wollte unbedingt raus aus dem Schlamassel. Ich hätte gern irgendeine plausible Geschichte erfunden.»

Martin Grab

Wird seitens des Schwingerverbandes genug Präventionsarbeit geleistet?

Es wird noch zu wenig gut gearbeitet. Als mein Sohn von den Jungschwingern zu den Aktiven wechselte, erhielt er erst nach drei, vier Festen ein Merkblatt mit entsprechenden Weisungen. Das ist ein No-go!

Inwiefern haben Sie sich mit der zweijährigen Sperre arrangiert?

Für Antidoping Schweiz war das Urteil eine Niederlage, auch wenn sich die Herren als Sieger darstellten. Sie wollten mich trotz fehlenden Beweisen vier Jahre lang sperren. Aber Swiss Olympic blockte ab. Noch heute habe ich Mühe, alles zu akzeptieren. Ich bin einfach froh, habe ich nicht gelogen.

Wie meinen Sie das?

Extremsituationen verleiten zum Lügen. Ich wollte unbedingt raus aus dem Schlamassel. Ich hätte gern irgendeine plausible Geschichte erfunden. Einmal sassen wir am Tisch, ich, meine Frau, der Anwalt, der Verbandsarzt. Ich fragte: Gibt es eine Möglichkeit, die Dinge zurechtzubiegen? Wäre mir ein Ausweg angeboten worden, dann hätte ich garantiert gelogen. Dann würden wir dieses Interview jetzt vielleicht nicht führen. Aber sie sagten: Martin, das bist nicht du, du bist ehrlich. Ich bin froh, bin ich nicht gekippt. Darum kann ich noch in den Spiegel schauen.