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Vom Sieger zum Süchtigen«Ich bin verzweifelt»

Petter Northug war der Superstar des Langlaufs. Jetzt hat sich der Norweger als alkohol- und drogenabhängig geoutet. Warum Sportgrössen besonders anfällig für Abstürze sind.

Petter Northug an der Pressekonferenz, in der er erklärt: «Ich habe Angst vor der Zukunft.»
Petter Northug an der Pressekonferenz, in der er erklärt: «Ich habe Angst vor der Zukunft.»
Foto: Keystone

Wie ein Roboter liest Petter Northug vor versammelter norwegischer Presse von einem Zettel ab, was kurz zuvor durchsickerte: Er ist süchtig – nach Alkohol, Kokain und Schlafpillen. Er sagt mit monotoner Stimme: «Ich bin verzweifelt, habe den Tiefpunkt meines Lebens erreicht.» Und: «Ich brauche professionelle Hilfe.»

Northug, mittlerweile 34-jährig, war bis zu seinem Rücktritt im Dezember 2018 der erfolgreichste Langläufer seiner Generation – und damit im langlaufverrückten Norwegen ein Superstar. Darum passt dieses öffentliche Entblössen. Er ist dank seiner Titel und Sprüche zu einer derart bekannten Figur geworden, dass er nun selbst seinen Absturz als Ex-Athlet noch mit allen teilen muss. Oder zumindest glaubt, ihn teilen zu müssen.

Selbstunfall im Suff

Und Northug liefert. Die TV-Quoten stimmen einmal mehr, wie ein Kommentator hämisch anmerkt. Einst jubelte ihn fast ganz Norwegen hoch, jetzt ergötzt sich das Land an seinem Fall, als würde es gespannt dabei zusehen, wie sich ein besonders exotisches Tier gerade selber zerlegt.

Der Fall von Northug (und anderer Grössen) hat darum auch damit zu tun, wie er im eigenen Land präsentiert und wahrgenommen wird. Northug wurde dank seiner Siege überhöht und fast schon für göttlich erklärt, selbst dann noch, als er 2014 im Suff einen schweren Selbstunfall mit seinem Sportwagen verursachte und sich feige vom Unfallort davonschlich. Eine Masterarbeit befasste sich konsequenterweise mit dem damaligen Krisenmanagement des Teams Northug. Kann man grösser sein im eigenen Land?

Im Mai 2014 demolierte Northug seinen Audi im Suff – und schlich sich von der Unfallstelle.
Im Mai 2014 demolierte Northug seinen Audi im Suff – und schlich sich von der Unfallstelle.
Foto: Keystone

So viel Aufmerksamkeit hat seine Folgen: Mit dem Rücktritt schrumpfte der Übermensch Northug zum Mitbürger, den zwar weiterhin tout Norwegen kennt, der aber seinen ikonenhaften Status eingebüsst hat. In seiner Causa kommt hinzu, dass er keineswegs freiwillig mit dem Spitzensport aufhörte. Nach Jahren mit Verletzungen und Krankheiten war er schlicht nicht mehr schnell genug, seine dominanten Sprints in die Loipen zu zaubern.

Northug wurde zum Rücktritt also eher gepusht, was in der Sportpsychologie als negativer Faktor beim Übergang ins Leben nach dem Sport bewertet wird. Denn im Grundsatz beenden Tausende von Athleten pro Jahr ihre Karriere. Und die grosse Mehrheit findet relativ problemlos in den nächsten Abschnitt.

«Je erfolgreicher die Karriere eines Athleten verlief, desto höher ist sein Risiko zu fallen.»

Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann

Gerade Stars aber sind gefährdet. Sportpsychologe und ETH-Dozent Hanspeter Gubelmann sagt gar: «Je erfolgreicher die Karriere eines Athleten verlief, desto höher ist sein Risiko zu fallen.» Gubelmann hat viele Sportler bei diesem diffizilen Übergang begleitet. Denn an ihren Körpern haben sie jahrelang arbeiten können. Der Rücktritt aber lässt sich nicht trainieren – vorbereiten hingegen schon.

Doch Grössen sind diesbezüglich oft im Nachteil. Während sich ein durchschnittlicher Athlet stets bewusst ist, dass für ihn das Sportlerleben bloss eine Etappe darstellt, er also danach Geld verdienen muss und quasi im Alltag aufgeht, definieren sich Stars über ihren Status und verfügen damit oft über eine Identität, die sich ausschliesslich auf ihr Sportlersein bezieht.

Weil sie finanziell meist ausgesorgt haben und danach als VIPs weiter in der Öffentlichkeit stehen, bereiten sie ihren Übertritt oft sehr viel seltener und mit weniger Kraft vor. Bloss fehlen nach dem Abgang dann die Ziele, eine klare Struktur – und vielfach auch ein Umfeld, das einen erdet und hilft, nicht allzu sehr zu glauben, wie wichtig und aussergewöhnlich man (weiterhin) sei.

Freude auch fern des Sports

Gubelmann betont darum, dass Sportler in ihrer Aktivzeit unbedingt ein Leben neben dem Sport führen sollten – mit Freundschaften fern des Sports. «Rückzugsmöglichkeiten sind darum so zentral», sagt er, auch damit diese oft ungesunde Fokussierung nach dem Wegfall nicht zum Problem werde.

Ansonsten droht, was Northug erlebte: Keiner soll in seinem Umfeld gemerkt haben, wie er in die Sucht glitt. Dabei begann sie rasch: Schon einen Monat nach seinem Rücktritt habe er erstmals Kokain genommen – und danach immer regelmässiger. «Ich suchte Aufregung und intensive Erlebnisse», beschrieb Northug an seiner Pressekonferenz. Es klingt wie eine Flucht aus einem Alltag, der ihn überforderte und auch langweilte.

Northug verzückte die Massen mit seinen lauten Sprüchen und harten Schlussspurts wie hier beim WM-Sieg von 2011 daheim in Norwegen über 50 km.
Northug verzückte die Massen mit seinen lauten Sprüchen und harten Schlussspurts wie hier beim WM-Sieg von 2011 daheim in Norwegen über 50 km.
Foto: Keystone

Denn als Langläufer erlebte er kapitale Sinneseindrücke vor bis zu 100’000 euphorischen Fans, wie 2011 an der Heim-WM in Oslo. Vielen Grössen fehlt nach dem Rücktritt dieser Siegesrausch, dieser Cocktail aus Emotionen und Eindrücken, wie sie in dieser Form wohl nur der Sport kreieren kann. Also versuchen einige, diese Gefühle im sehr viel drögeren neuen Alltag als Ex-Athlet auf andere Arten herzustellen. Drogen sind dafür beliebte Mittel.

Auch darum ist die Liste süchtiger (Ex-)Stars so lange. Zu den Prominentesten zählen Fussballer Diego Maradona, Boxer Mike Tyson, Radfahrer Marco Pantani oder Skispringer Matti Nykänen. Doch der Rücktritt eines Athleten kann selbst für den Partner eine grosse Zäsur bedeuten. Gubelmann weist auf einen eher unbekannten und bislang wenig thematisierten Aspekt hin: dass die Scheidungsrate von zurückgetretenen Profifussballern sehr hoch sei, weil sich ihre Frauen trennen würden.

Stets ausgestellt

Dass Stars in dieser diffizilen Phase zudem stets öffentlich beäugt und auch bewertet werden, erschwert diese ohnehin schon schwierige Suche nach neuen Lebensinhalten. Insofern findet Gubelmann, seien sie auch ein wenig «Opfer» dieses Heldensystems, das wir als Gesellschaft kreieren würden.

Egal, wo Petter Northug auftrat oder auftritt: Die Kameras sind auf ihn gerichtet.
Egal, wo Petter Northug auftrat oder auftritt: Die Kameras sind auf ihn gerichtet.
Foto: Keystone

Northugs Drogen-Bekenntnisse sind in Norwegen nun zum hitzig debattierten Anlass geworden, ob man ihn zu lange zu sehr verklärt und dabei versäumt habe, ihm immer wieder auch den Spiegel vorzuhalten und damit zu zeigen, dass er zwar besonders, aber trotzdem schlicht ein Bürger seines Landes sei.

Deshalb gehe es nun auch darum, ihm zu helfen statt ihn wie ein Zirkuspferd durch die Manege zu jagen. Indem er öffentlich um Hilfe bat, hat Northug signalisiert, dass er nach Monaten des Verdrängens bereit ist, sich seinen Dämonen zu stellen.