«Ich habe vor allem als Sportler gedacht, nicht als Mensch»

Schwingerkönig Matthias Glarner hat sich durch den Gondelsturz verändert. Zwei Jahre nach dem Schicksalsschlag ist der Berner auf seiner letzten Mission.

Matthias Glarner, 33: «Ich bin ein hoffnungsloser Optimist.»

Matthias Glarner, 33: «Ich bin ein hoffnungsloser Optimist.» Bild: Christian Pfander

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Welchen Tag in Ihrem Leben möchten Sie nochmals erleben?
Mein erstes Mal auf dem Brünig, 2003, ich war 17. Dass ich als Meiringer dort oben den Kranz holte, war in emotionaler Hinsicht grosses Kino. Und natürlich den Sonntag am «Eidgenössischen» 2016 in Estavayer, als ich König wurde.

Würden Sie etwas anders machen?
Der Tag an sich war perfekt. ­Danach aber würde ich bestimmte Dinge anders gestalten. Ich würde nicht mehr nur sechs Wochen pausieren, sondern vielleicht gleich ein halbes Jahr. Ich hätte mir genug Zeit nehmen sollen, um alles zu verarbeiten, zu reflektieren, zu ­geniessen. Einiges ging fast ein ­wenig unter. Ich habe vor allem als Sportler gedacht, nicht als Mensch.

Hinderte Sie Ihr Ehrgeiz?
Ich bin der Typ, der nie ein Training auslässt. Das verbietet mir mein Charakter. Andere stemmen Gewichte, ich tue nichts – das wäre ein Stress für mich. Ich realisierte früh, dass ich viel trainieren muss, um einigermassen mithalten zu können, habe mich nie für ein riesiges Talent gehalten. Rückblickend aber würde ich mich zur Pause zwingen, um die Folgen des ­Titels bewusster erleben und ­verarbeiten zu können.

Dauerte der Prozess des Verarbeitens bis in die Zeit nach Ihrem Unfall?
Eigentlich kam er erst nach dem Gondelsturz in die Gänge. Bis dahin befand ich mich im Hamsterrad: Training, Schwingfest, Anlässe, immer Vollgas. Es griff ein Mechanismus, ich ging von einem Event weg, legte alles ad acta und ging zum nächsten hin. Ich nahm das einfach mit, auch spannende Treffen, aber verarbeitete das Ganze nicht. Das war intensiv und beschäftigte mich.

Die Zeit vor den Unfall zurückspulen möchten Sie nicht?
Nein, einmal erleben reicht (lacht). Im Ernst: Nach dem Sturz lief ­alles perfekt, die Bergung, die Behandlung in der Insel, das Schweizer Rettungs- und Krankenpflegesystem ist schlichtweg sensationell.

Wie verarbeitet man solch einen Schicksalsschlag?
Die erste Nacht war schwierig. In meinem Kopf drehte es wie wild, ich dachte an den möglichen Tod, dass ich behindert sein könnte, fragte mich, weshalb es mich getroffen hatte, mich als vorsichtige Person. Doch dann zog ich bald den Schlussstrich, sonst hätte ich mich kaputt gemacht. So absurd es klingt, aber das Schwingen hat mir geholfen. Es war wie nach einem verlorenen Gang, ich musste die Niederlage abhaken. Die Arbeit mit dem Sportpsychologen hat sich gelohnt.

Sie stürzten vom Dach einer Gondel – ist bei der Verarbeitung eines solchen Unfalls nicht mehr als sportpsychologische Unterstützung notwendig?
Ich hätte Behandlungen in ­Anspruch nehmen können. Aber ich hatte das Werkzeug zusammen, um mit allem umzugehen. Ich bin ein positiv eingestellter Mensch, ein hoffnungsloser Optimist. Das half mir, schnell vorwärtszuschauen.

«Mir ist bewusst geworden,
dass ich vor dem Karriereende keine Angst zu haben brauche»

Sehen Sie sich in Gedanken manchmal noch immer runterfallen?
Manchmal, vielleicht fünf Sekunden lang vor dem Einschlafen. Aber Panik kriege ich nie; wieder da rauf zu gehen, ist für mich die Challenge des Alltags. Als ich das erste Mal wieder auf die Seilbahnstützen stieg, klebte ich wie Spiderman daran. Ich war schon vorher vorsichtig, jetzt bin ich noch vorsichtiger geworden. Ich sage den Mitarbeitern: Nehmt Rücksicht auf mich. Ab und zu erschrecke ich oben auf den Stützen, zucke zusammen. Das ist eine Folge des Unfalls, die noch spürbar ist.

Hadern Sie damit, dass Sie kaum einmal zeigen konnten, wie gut der Schwingerkönig ist?
Seit Estavayer habe ich 6 Kränze gewonnen, die Ausbeute ist schon gering im Vergleich zu vorher. Es wird öfter vom Gondelsturz gesprochen als vom Königstitel. Wobei mir rasch klar wurde, dass der Unfall einen zentralen Abschnitt in meiner Geschichte beanspruchen wird. Mir ist einfach wichtig, dass daraus keine Heldengeschichte à la Hermann Maier gemacht wird. Ich befinde mich nun in der zweiten Karriere, es geht um den Kampf, wieder halbwegs ans frühere Niveau zu gelangen. Aber klar, ich hätte gern andere Schlagzeilen über mich gelesen.

Schauen Sie sich ab und zu Bilder an von 2016, als Sie besser schwangen denn je?
Häufig sogar. Aber nicht zur persönlichen Befriedigung, sondern um zu schauen, was ich jetzt besser machen muss, weshalb es damals funktionierte. Ich schaue es mit einem technischen Auge an, nicht mit einem emotionalen.

Sie sagten einmal, der Unfall habe auch etwas Gutes gehabt.
Die Situation war verschissen. Aber ich konnte im Training ganz unten anfangen, einen totalen physischen Aufbau vornehmen. Zudem hatte ich Zeit für mich, ich las viel, ging in mich, warf den Grill an. So wurde ich wieder heiss aufs Schwingen. Gleichzeitig ist mir bewusst geworden, dass ich vor dem Karriereende keine Angst zu haben brauche.

Sind Sie weiter als vor einem Jahr?
Physisch geht es mir hervorragend, letzte Woche machte ich Kniebeugen mit mehr Gewicht denn je. Es ist ein Zeichen, dass vieles gut ist. Das Selbstvertrauen im Sägemehl aber fehlt noch ein wenig; es wird zu einem Wettrennen mit der Zeit, ich weiss nicht, ob ich es gewinne.

Setzen Sie sich einer Gefahr aus?
Der Chirurg hat es gut zusammengefasst: Das Fussgelenk ist kaputt, es kann nicht mehr kaputt gehen. Zusätzliche Spätfolgen muss ich nicht befürchten.

Mit Verlaub: Sie gehen nicht gerade wie ein Balletttänzer . . .
. . . sicher nicht. Aber mal ehrlich: War ich vorher eleganter unterwegs? Ich glaube nicht. Schön anzuschauen war das nie (lacht).

Hat sich Ihr Schmerzempfinden geändert?
Schwinger sind hart im Nehmen. Durch den Unfall sind meine Sensoren sensibler geworden, ich nehme den Schmerz anders wahr. Es kann sein, dass ich irgendwann ein künstliches Fussgelenk brauche. Vielleicht will ich das gar nicht, es kommt auf die Schmerzresistenz an. Ich kann einiges aushalten.

Spielten Sie nie mit dem Gedanken, es sein zu lassen?
Das wäre nicht «Mätthel-Glarner-Style» gewesen. Mein Vater hat immer gesagt: Wenn du was anfängst, dann bringst du es zu Ende. So war es in der Schule, im Studium. Nach dem Titel in Estavayer sprach ich von einem Dreijahresplan. Ich sehe eine Chance, darum trainiere ich so hart. Den Bettel hinschmeissen – das hätte ich mir nie verziehen.

Der Dreijahresplan ist zu Ende. Was danach kommt? Keine Ahnung.

Aber der Brünig-Sieg, ein zweiter Königstitel – das ist doch illusorisch.
Diese Sichtweise stört mich. Viele Leute funktionieren so, sie glauben nicht an sich, suchen Ausreden – das regt mich auf. Ich werde in Zug sehen, ob sich alles gelohnt hat oder nicht. Wer nichts versucht, kriegt nichts zurück. Und ich hätte mich wohl mein Leben lang gefragt, was möglich gewesen wäre. Der Gedanke daran hätte mich aufgefressen.

Wie gut muss es auf dem Brünig funktionieren?
Ich kann gegen die Cracks schwingen, das wird mir Aufschlüsse geben. Ich hoffe, nicht meilenweit von der Spitze entfernt zu sein. Aber ich erwarte keine Wunder. Und ich werde am «Eidgenössischen» sicher nicht den Clown spielen, sondern nur nach Zug reisen, wenn ich mithalten kann.

Wer sind Ihre Favoriten?
Giger, Orlik, Wicki, Reichmuth, jene, die von den Medien gepusht werden. Ich staune, wie wenig über die Berner gesprochen wird. Wir haben viele gute Junge, das breiteste Kader, eine starke Spitze. Stucki wird ausgeruht sein, Wenger weiss, wie es geht. Kämpf ist in Form. Ein Berner wird das Ding schaukeln.

Und für Sie wird in einem Monat alles zu Ende sein?
Der Dreijahresplan ist zu Ende. Was danach kommt? Keine Ahnung. Gut möglich, dass danach Schluss ist. Vielleicht aber packt es mich nochmals. Ich weiss nur, dass ich erstmals seit 15 Jahren länger als eine Woche lang Ferien geniessen und eine Zusatzausbildung in Betriebswirtschaftslehre beginnen werde.



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Erstellt: 27.07.2019, 21:04 Uhr

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