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Blerim Dzemaili über seine Ziele«Ich spekuliere auf einen weiteren Titel mit dem FCZ»

Blerim Dzemaili erklärt, warum ihn die Einsamkeit in China zum FC Zürich zurückgebracht hat. Und wieso die Verhandlungen mit Ancillo Canepa so einfach waren.

Vorhang auf für den Rückkehrer: Blerim Dzemaili posiert im Museum des FC Zürich.
Vorhang auf für den Rückkehrer: Blerim Dzemaili posiert im Museum des FC Zürich.
Foto: Urs Jaudas

Er ist mit Abstand die grösste Nummer, die in diesem Winter in die Super League gewechselt hat. Blerim Dzemaili, dessen Name beim FC Zürich mit spektakulärem Fussball und Titelgewinnen verbunden ist, soll dem FCZ wieder mehr Glanz verleihen. Bei den Zürchern hat er zwei Meistertitel und einen Cupsieg gefeiert, ehe er sich 2007 aufmachte, sein Glück auf ausländischen Fussballplätzen zu suchen und zu finden.

Zwölf Tage vor dem Wiederbeginn gegen den FC Basel redet der 34-Jährige über …

… seine Liebe zu Zürich:

«Zürich ist meine Heimatstadt. Als ich meinen Vertrag in China auflöste, wollte ich nach Hause. Da war mir zu 99 Prozent klar, dass ich nur zum FCZ wechseln würde. Hätte das nicht geklappt, hätte ich mich umschauen müssen. Aber noch einmal ins Ausland, das wollte ich nicht. Irgendwann kommt der Moment, in dem du spürst, dass noch ein Jahr im Ausland nichts mehr an deiner Karriere verändern würde. Und dieser Moment ist für mich gekommen.

Ich gebe zu, dass ich mir auch mal überlegt habe, ob ich nach meiner Karriere in Italien leben soll, wo ich so viele Jahre gespielt habe. Schliesslich leben mein Sohn und meine Ex-Frau in Italien.

Aber wenn du sechs Monate allein in China bist … Das ist doch noch einmal eine andere Kultur als Italien, wo du von deinen Teamkollegen aufgenommen wirst. Kaum ein chinesischer Spieler redet Englisch.

In dieser einsamen Zeit wurde mir klar: Ich will wieder dorthin, wo ich aufgewachsen, wo ich daheim bin. Und das ist Zürich. Zu Hause zu sein, das ist für mich unbezahlbar.

Dreizehneinhalb Jahre weg zu sein, das ist keine kurze Zeit. Meine Familie, meine Freunde, mein Umfeld waren weit weg. Ich habe meinen alten Lebensrhythmus vermisst. Es ist sehr schön, wieder hier zu sein.»

… seinen Vertrag beim FCZ:

2019 ist Dzemaili noch Captain von Bologna und Torschütze gegen Napoli. Er glaubt, dass er wieder an diese starke Phase anknüpfen kann.
2019 ist Dzemaili noch Captain von Bologna und Torschütze gegen Napoli. Er glaubt, dass er wieder an diese starke Phase anknüpfen kann.
Foto: Keystone

«Also wenn du als Fussballer nach fast vierzehn Jahren im Ausland wegen des Geldes zurück in die Schweiz kommst, hast du etwas falsch gemacht. (lacht) Die Verhandlungen waren sehr einfach. Präsident Ancillo Canepa hat mir gesagt, wie viel er mir bieten kann. Ich konnte akzeptieren oder ablehnen. Und ich habe akzeptiert.

Ich habe mir auch gedacht, dass es gut wäre, mir in Zürich etwas aufzubauen für nach meinem Karrierenende. Mich zieht es derzeit in Richtung Management und nicht in Richtung Trainerjob. Ich habe bei einigen meiner Ex-Mitspieler gesehen, wie parat du sein musst, um als Trainer arbeiten zu können.

Ich habe bereits ein Onlinestudium in Sportmanagement absolviert. Und ich werde während meiner Zeit beim FCZ weitere Ausbildungen machen, die sich mit dem Fussball vereinbaren lassen. Vielleicht kann ich so direkt nach meinem Rücktritt als Fussballer umsteigen.

Im Moment aber will ich beim FCZ nur Fussballer sein. Für andere Gedanken haben wir noch Zeit. Der FCZ weiss, was er an mir hat. Und ich weiss, was ich am FCZ habe. Wenn eine Zusammenarbeit nach meinem Rücktritt als Spieler klappt, schön. Wenn nicht, schauen wir weiter.»

… seine Ziele mit dem FCZ:

«Ein paar graue Haare weniger wären auch schön»: Blerim Dzemaili und die Leiden des Alters.
«Ein paar graue Haare weniger wären auch schön»: Blerim Dzemaili und die Leiden des Alters.
Foto: Urs Jaudas

«Erst einmal muss ich fit werden, das ist das Wichtigste. Und danach will ich so viele Spiele mit dem FCZ gewinnen wie möglich. Diese Saison wird es schwierig mit einem Pokal. Aber es wäre schön, wenn ich hier noch meinen insgesamt zehnten Titel gewinnen könnte. Darauf spekuliere ich ein wenig. Im ersten Testspiel habe ich gesehen, dass die Mannschaft das Potenzial für einen der drei ersten Plätze hat.

In der Mannschaft will ich für das respektiert werden, was ich auf dem Rasen zeige. Und nicht für meinen Namen. Ich will auch nicht mit grossen Worten neben dem Platz auffallen. Und ob ich Captain werde oder nicht, ist mir auch nicht wichtig. Aber klar ist, dass ich eine Leaderrolle einnehmen muss. Ich will den Jungen bei ihrer Entwicklung helfen.

Viele Leute fragen mich, ob es für mich kein Risiko ist, nach einer guten Karriere im Ausland noch einmal in der Schweiz zu spielen. Aber das empfinde ich gar nicht so. Ich sehe es so, dass ich dem FCZ etwas zurückgeben kann. Ohne FCZ hätte ich nie diese Auslandkarriere starten können. Ich bin dem Club sehr dankbar. So wie ich auch der Schweiz ewig dankbar sein werde, dass ich hier aufwachsen durfte.»

… seine Leistungsfähigkeit:

«Natürlich brauche ich noch meine Zeit, bis ich wieder spritzig bin. Das ist klar nach einem Jahr ohne Spiel und vier Monaten ohne Mannschaftstraining.

Als ich zu Montreal Impact nach Nordamerika wechselte, sagte mir mein damaliger Trainer: ‹Der grösste Fehler, den du machen kannst, ist die Stärke der Liga zu unterschätzen.› Das darf ich jetzt auch in der Schweiz nicht machen, sonst werde ich Mühe haben. Gegen Luzern habe ich bemerkt, dass in der Super League schnell gespielt wird. Klar werden einige Fehler gemacht. Aber die Intensität ist da.

Ich weiss, welche spielerischen Fähigkeiten ich habe. Ich bin mir sicher, dass ich wieder auf ein gutes Niveau komme.»

… seine Entwicklung seit dem Abgang aus Zürich 2007:

Ja, so hat er mal ausgesehen: Blerim Dzemaili (2. v. l.) jubelt 2004 im FCZ-Dress mit Franco Di Jorio.
Ja, so hat er mal ausgesehen: Blerim Dzemaili (2. v. l.) jubelt 2004 im FCZ-Dress mit Franco Di Jorio.
Foto: Eddy Risch (Keystone)

«Letzte Woche hat mir ein Freund ein Foto aus alten Tagen geschickt. Ich habe gedacht: Wow! So habe ich also mal ausgesehen! (lacht)

Letzten Februar habe ich noch einmal jenes legendäre Cupspiel gegen die Grasshoppers geguckt, das wir leider 5:6 verloren (das war 2004, Red.). Ich war damals ein komplett anderer Spieler, nicht nur vom Aussehen her. Ich habe mir zugeschaut und gedacht, dass ich irgendwie scheu wirke. Ich habe mich nicht getraut, alles zu machen.

Das ist heute definitiv anders. Ich weiss, was ich kann. Und ich traue mir zu, die Zügel im Spiel in die Hand zu nehmen.

Ich werde bald 35. Aber ich darf mich glücklich schätzen, dass ich seit meinem Kreuzbandriss 2007 keine schwereren Verletzungen mehr hatte. Gut, manchmal wünschte ich mir, ich hätte etwas weniger graue Haare. (lacht) Aber sonst habe ich körperlich keine Probleme.»

… seinen schnellen Abgang aus China:

Ich habe im Januar bei Shenzhen unterschrieben, konnte aber wegen des Coronavirus und wegen Visaproblemen lange nicht einreisen. Kaum war ich da, entliessen sie den Trainer, der mich geholt hatte. Da hiess es dann schnell: ‹Der Trainer ist weg, du kannst auch gleich gehen.› (lacht)

Die Zeit dort hat mir trotzdem gefallen. Shenzhen ist eine sehr schöne, sehr moderne Stadt mit vielen guten Restaurants und einem tollen Klima. Und ich habe Leute kennen gelernt, die mich in meinem Leben weitergebracht haben.»

… seine Beziehung zu den FCZ-Fans:

So haben ihn die Zürcher Fans in Erinnerung: Blerim Dzemaili feiert 2007 im Kaufleuten den Meistertitel mit dem FCZ.
So haben ihn die Zürcher Fans in Erinnerung: Blerim Dzemaili feiert 2007 im Kaufleuten den Meistertitel mit dem FCZ.
Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

«Ich kenne ja noch einige Jungs, die in der Südkurve stehen. Schade, dass es keine Menschen im Stadion haben wird, wenn ich wieder für den FCZ spiele. Aber ich hoffe, dass wir gegen Ende der Saison diese Pandemie so weit in den Griff bekommen haben, dass vielleicht für die letzten paar Matchs doch noch Fans ins Stadion kommen dürfen.»