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Kampf um Champions-League-FinalIhn stoppt niemand – auf jeden Fall nicht legal

Wenn PSG heute (hier live ab 21 Uhr) auf Leipzig trifft, hängt viel von Kylian Mbappé ab – dem Wunderstürmer, der mit Ball schneller ist als die meisten Gegner ohne.

Erst 21 und doch enorm wichtig für PSG: Kylian Mbappé hat sich gerade von einer Knöchelverletzung erholt.
Erst 21 und doch enorm wichtig für PSG: Kylian Mbappé hat sich gerade von einer Knöchelverletzung erholt.
Foto: Reuters

Niemand spricht mehr vom Knöchel, dem rechten Knöchel der Nation, oder wenigstens vom Knöchel von Paris. Bei Kylian Mbappé geht eben alles etwas schneller, auch die Heilung eines lädierten Fusses. Als vor ein paar Wochen im französischen Cupfinal Loïc Perrin, der 35 Jahre alte Captain von Gegner AS Saint-Étienne, das Jahrhunderttalent von Paris Saint-Germain weggrätschte, dass auch das Zuschauen am Fernsehen wehtat, da schien dieser sonderbare Sommer für die Pariser auch fussballerisch zu verdämmern.

Champions League ohne Kylian Mbappé? Das war wie Champagner ohne Geperle. Perrin war untröstlich, es war sein letztes Spiel auf diesem Niveau vor dem Ruhestand gewesen, und beinahe wäre er als Knöchelzertrümmerer in die Geschichte eingegangen, als Traumgräber.

Seine Spitze liegt bei 38 km/h

Nun, Mbappé ist ganz genesen, so jedenfalls macht es den Anschein. Man brauchte ihm nur zuzuschauen im Viertelfinal gegen Atalanta Bergamo. Da wärmte er sich ab der Pause an der Seitenlinie auf, setzte immer wieder zu demonstrativ explosiven Sprintläufen an, alles Gewicht auf dem rechten Fuss, und schaute dann ständig zur Bank, zu Trainer Thomas Tuchel: «Wann bringst du mich endlich?» Paris lag hinten, 0:1. Es drohte einmal mehr die vermaledeite Realität, der Spiegel, dass das, was in Frankreich für Titel und Trophäen en masse ausreicht, in Europa einfach nicht genügt. Obschon man ja diesmal Glück gehabt hatte und der leichteren Hälfte im Tableau des Finalturniers zugelost worden war.

In Doha, wo die Besitzer des Vereins sitzen, dachten sie wohl schon darüber nach, wie tief man in die Grundfesten eingreifen müsse. Wahrscheinlich fragte man sich auch, wo da der Return on Investment bleibt: Eineinhalb Milliarden Euro hat der Emir in neun Jahren in Angestellte und Gehälter gepumpt. Ein kleines Stück Glorie sollte damit doch zu haben sein.

Dank zweier Tore in den letzten Minuten schaffte es das Star-Ensemble von PSG das erste Mal seit 1995 in den Champions-League-Halbfinal.
Video: Teleclub

Der Rest ist bekannt. Die Einwechslungen des Jungen mit der quiekigen Stimme und den Tempoläufen im Hochfrequenzmodus, erst 21, und von Eric Maxim Choupo-Moting, dem nachmaligen Helden des Spiels ohne neuen Vertrag – sie beschleunigten das Spiel, sie drehten es, in extremis. So steht nun also PSG zum ersten Mal seit 1995 wieder im Halbfinal der Königsklasse, eine Ewigkeit später, und der rechte Knöchel von «Kyky», wie ihn auch Tuchel ruft, kann ab sofort nicht mehr als Alibi geltend gemacht werden. RB Leipzig, davor darf sich Paris doch nicht fürchten.

Kylian Mbappé ist, was man in diesem Mannschaftssport einen Unterschiedsspieler nennt, einer, der den Unterschied macht. Da stehen 22 auf dem Feld, und einer strahlt so sehr, dass zuweilen für alle anderen nur Schatten bleiben. Bei Mbappé ist es die natürliche Leichtigkeit beim schnellen Laufen, diese ansatzlose Durchmessung der Spielfläche. Gib ihm dreissig Meter, und er nimmt so viel Geschwindigkeit auf, dass ihn niemand stoppt. Nicht legal.

Manchen verblüfften Beobachtern fielen schon Vergleiche aus der wilden Tierwelt ein, aber solche Bilder sind weder politisch korrekt noch werden sie dem Phänomen gerecht. Man hat seine Laufgeschwindigkeit auch schon wissenschaftlich gemessen, die Spitze lag bei 38 Stundenkilometern. Usain Bolt lief nicht viel schneller.
Erstaunlich aber ist vor allem, dass Mbappé sein hohes Tempo auch mit dem Ball am Fuss hinbekommt. Er läuft mit Ball schneller als die meisten Gegner ohne Ball. Und wenn sich ihm jemand in den Weg stellt, dann trickst er sich durch, mit Beinschüssen und Lupfern, mit Powerdribblings. Es gibt Sammlungen davon auf Youtube, es hat darin auch sehr aufschlussreiche, wacklige Aufnahmen aus der Kindheit.

Tempo und Technik. Kein Stürmer der Gegenwart, so viel Absolutheit sei mal gewagt, greift die Tiefe aggressiver und versierter an als Kylian Mbappé. Bei PSG trägt er die 7, als wäre er ein klassischer Flügel, die Nummer 10 des Unterschiedsspielers ist da für den Brasilianer Neymar reserviert. Im französischen Nationalteam ist Mbappé der Zehner, er ist schliesslich Weltmeister. Doch auch bei PSG spielt er längst alle offensiven Rollen: Neuner, falscher Neuner, rechter Flügel, linker Flügel – wie es gerade passt.

Gegen Leipzig könnte ihn Tuchel in die Spitze stellen, flankiert von Neymar und Ángel Di María, der nach seiner Sperre zurück ist. Obschon: Im Eins-gegen-eins im Korridor gegen die offensiven Aussenverteidiger des Gegners wäre er wohl effizienter, gegen Atalanta war das ein Schlüssel zum Sieg. «L’Équipe» meint gar, RB sei deshalb der ideale Gegner für Mbappé, nachgerade ein Glücksfall. Möglich wäre auch eine noch offensivere Formation, ein 3-4-2-1 mit dem Argentinier Mauro Icardi ganz vorne und Neymar als Playmaker im zentralen Mittelfeld hinter Mbappé und Di María. Doch Icardi, im Winter von Inter geholt und gleich erfolgreich, ist seit der langen Pause wegen Corona in lamentabler Kondition. Am Ende stünde auch Choupo-Moting ganz gut, mindestens für eine Weile.

Er gibt dem Club Bodenhaftung und Identität

Mbappé macht auch aus einem anderen Grund den Unterschied bei PSG, diesem Hors-sol-Gewächs: Er verleiht dem Verein etwas Bodenhaftung und Identität. Mbappé wuchs in Bondy auf, einer sogenannt schwierigen Pariser Banlieue, Département 93. Für die Chancen im Sport muss das kein Nachteil sein, aus Pariser Vorstädten waren schon viele Fussballer gekommen, die dann ansehnlich Karriere machten: Thierry Henry etwa oder Paul Pogba.

«Kyky» ist der Sohn des früheren Fussballers und Nachwuchstrainers Wilfried Mbappé Lottin, regionale Kreisklasse, ursprünglich aus Kamerun, und von Fayza Lamari, einst Handballerin von AS Bondy, erste Liga, sie kommt aus Algerien. Mit 14 beschloss die Familie, dass es für den begabten Sprössling das Beste wäre, wenn er in der gelobten Nachwuchsakademie des AS Monaco gross würde – im Fürstentum der Reichen und der Pensionierten unten an der Côte d’Azur, weit weg von den Versuchungen der grossen Stadt. Nike nahm ihn schon mit 14 unter Vertrag.

Mit knapp 17 gab er seinen Einstand in der Ligue 1, bald wollte ihn Real nach Madrid holen – für 180 Millionen Euro. Mbappé aber träumte davon, in Paris zu spielen, im Prinzenpark, vor seinen Freunden. Und die Katarer erkannten wohl, dass sie mit einer Verpflichtung des Jungen aus Bondy nur gewinnen konnten. An Sympathie und Echtheit, daran mangelte es besonders. Sehr sympathisch lief die Operation aber nicht ab, das weiss man mittlerweile auch aus geleakten Dokumenten. Um Steuern zu sparen und das Financial Fairplay der Uefa zu düpieren, einigte man sich mit Monaco auf einen fragwürdigen Transfer mit vielen Ungereimtheiten, eine Farce war das, die Summe aber blieb dieselbe: 180 Millionen. Bekannt wurde auch, dass der «Clan Mbappé», wie die Familie und ihre Berater nun genannt wurden, einige Ansprüche stellte, die nicht so gut zur schönen Geschichte des heimkehrenden Vorstadtbuben passten.

Mbappé verdient so viel wie kein anderer französischer Sportler: rund 30 Millionen.

Unter anderem war da die Forderung nach fünfzig Stunden Flug im Privatjet pro Jahr und eine Sonderprämie, sollte PSG wegen der Verletzung der Budgetregeln aus der Champions League ausgeschlossen werden. Und: Für den Fall, dass er den Ballon d’Or des weltbesten Fussballers gewänne, würde er mindestens gleich viel verdienen wollen wie der Topverdiener im Verein – wie Neymar also, und der soll 30 Millionen Euro kassieren. Alle drei Wünsche wurden ausgeschlagen. Aber so schlimm konnte das nicht sein: Mbappé verdient mittlerweile so viel wie kein anderer französischer Sportler, mit Sponsorengeld sind es etwa 30 Millionen Euro.

«Kyky» ist ja auch unverzichtbar, sein Verkauf ins Ausland, so unvermeidbar er irgendwann wohl sein wird, ist ein Tabu. In Bondy träumen die Kinder von ihm. «Bondy Dreams», Nike machte eine Werbekampagne daraus. Das Magazin «Time» hob Kylian Mbappé auf sein Cover, er sei ein Leader der nächsten Generation, was man darunter auch immer verstehen mag. Zunächst reicht Paris schon, wenn der Knöchel des jungen Mannes die Last des Vereins wieder trägt, schnell, über rechts, über links, durch die Mitte, egal.