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Kopf des TagesIhr Lebensanliegen steht auf dem Spiel

Die Hongkonger Anwältin Margaret Ng unterstützt verhaftete Hongkonger Demonstranten. Und wurde dafür selber verhaftet.

Ein Leben für den Rechtsstaat: Die scharfzüngige und scharfsichtige Hongkonger Anwältin Margaret Ng.
Ein Leben für den Rechtsstaat: Die scharfzüngige und scharfsichtige Hongkonger Anwältin Margaret Ng.
Foto: David Wong (Getty)

In Hongkong ballen sich die heiklen Jubiläen. Am Donnerstag gedachten Tausende des blutigen Endes der Demokratieproteste vor 31 Jahren auf dem Tiananmen-Platz in Peking. Sie taten es illegal. Die Hongkonger Regierung hatte das traditionelle Gedenken mit Verweis auf Corona verboten.

Nächsten Dienstag jährt sich der jüngste lokale Demokratieprotest. Am 9. Juni 2019 strömten über eine Million vor allem junge Hongkonger friedlich auf die Strassen, um sich gegen ein neues Gesetz zur Auslieferung nach China zu wehren. Sieben Monate dauerten die Kundgebungen, die Polizei griff brutal durch, es kam zu Ausschreitungen.

Am Dienstag werden weitere Demonstrationen erwartet. Ob Margaret Ng, eine Ikone der Demokratiebewegung, mitmacht, ist unklar. Die 72-jährige Anwältin wurde am 15. April verhaftet, zusammen mit vierzehn weiteren prominenten China-Kritikern. Der Vorwurf: Sie hätten letztes Jahr illegale politische Versammlungen organisiert. Den Angeklagten drohen bis zu fünf Jahre Haft, vorläufig sind sie auf Kaution freigekommen.

Die Verhaftung von Ng und ihrer Mitstreiter wird als Einschüchterung aus China gedeutet. Der Staat könne jeden erwischen, laute die Botschaft. Grossbritannien, die EU und die UNO verurteilten die Aktion als illegal.

Schon früh mit China angelegt

Margaret Ng hat eine bewegte politische Vergangenheit. Ende der 60er-Jahre machte sie in der Hongkonger Studentenbewegung mit, später legte sie sich mit der britischen Regierung an. Nach der Übergabe von Hongkong an China im Jahr 1997 wechselte ihr Gegner. Ng kämpfte dafür, dass der Hongkonger Rechtsstaat unabhängig blieb von chinesischer Politik. Von 1995 bis 2012 sass Ng im lokalen Parlament. Dazu gehört sie mehreren Gruppierungen an, die sich für Freiheit und Demokratie einsetzen. Schon 1999 bestrafte China sie mit einem Einreiseverbot.

Margaret Ng, die akzentfreies Oxford-Englisch spricht, gilt als brillant und scharfzüngig. Erst studierte sie Philosophie, doktorierte in Boston. Später hängte sie ein Jus-Studium an. Sie arbeitete als Anwältin für eine amerikanische Grossbank, schrieb für wichtige Hongkonger Zeitungen, verfasste Bücher in Chinesisch und Englisch.

Zusammen mit den Regenschirm-Demonstranten

Ihrem Engagement blieb sie treu. 2015 stellte sie sich auf die Seite der Regenschirm-Demonstranten. «Die Studenten kämpfen für eine Zukunft in Freiheit, dafür riskieren sie viel», sagte sie damals. Auch 2019 stand sie bereit, um die mehrheitlich jungen Demonstranten zu unterstützen. Sie gründete einen Fonds mit, der für die hohen Rechtskosten der insgesamt über 7000 Verhafteten aufkommt.

Wegen der Corona-Gefahr waren die Hongkonger Demonstrationen über den Winter unterbrochen. Als Peking im Mai bekannt gab, die Stadt mit einem neuen Sicherheitsgesetz enger kontrollieren zu wollen, gingen die Kundgebungen wieder los. Die Polizei hat bereits über 500 Demonstranten verhaftet.

Margaret Ng hat sich in der Öffentlichkeit zurückgehalten während der letzten Wochen. Aufgeben wird sie kaum, ihr Lebensanliegender Rechtsstaatsteht auf dem Spiel. Bei ihrer Verhaftung trug sie gut sichtbar ein Buch unter dem Arm. Dessen Titel lautet: «Gefährdet Chinas nationale Sicherheit die Herrschaft des Rechts in Hongkong?»