Zum Hauptinhalt springen

TV-Kritik «Tatort»Ihre Leiche ist beste Propaganda

Im Göttinger «Tatort» «National feminin» wird eine junge Frau ermordet. Ausgerechnet die falsche.

Marie Jäger war ein hübscher Star einer intellektuellen rechten Szene und Aushängeschild der «Jungen Bewegung».
Marie Jäger war ein hübscher Star einer intellektuellen rechten Szene und Aushängeschild der «Jungen Bewegung».
Foto: NDR / Frizzi Kurkhaus

«Wann ich aufhöre, für eine bessere Welt zu kämpfen? Wenn ich tot bin», sagte die Rechtsaktivistin Marie Jäger zu den Fans ihres Videoblogs «National feminin». Ja, und tot war sie dann auch kurz darauf: ermordet durch einen Stalker, der ihr im Wald die Kehle aufgeschlitzt hat.

Kommissarin Charlotte Lindholm schlussfolgerte schnell: «Dieser Fall ist extrem heikel.» Denn die hübsche Bloggerin war eine patriotische Feministin und Star einer jungen rechten Szene gewesen, die faschistisches Gedankengut betont intellektuell verbreitet statt mit Glatzen und Springerstiefeln. Eine attraktivere Leiche hätten sich ihre Mitstreiter gar nicht wünschen können.

So harmlos können Rechtsfeministinnen aussehen: Das spätere Mordopfer Marie Jäger.
So harmlos können Rechtsfeministinnen aussehen: Das spätere Mordopfer Marie Jäger.
Foto: NDR / Frizzi Kurkhaus

Diese nutzen ihre Ermordung umgehend für rechte Hetze im Netz. Ist ja klar, wer Marie umgebracht hat. Ein Ausländer wars, ein Migrant, ein Schwarzer. Und wer ist daran schuld? Der laxe Staat, der die frauenverachtenden Kulturen ins Land gelassen hat, und die unfähige Polizei.

Als nettes dramaturgisches Element wurden immer wieder Posts aus diesem Twitter-Gewitter eingeblendet, #Messereinwanderung, #Remigration. So schnell und so viele, dass man kaum nachkam mit Lesen. Das vermittelte einen guten Eindruck darüber, wie schnell Dinge ausser Kontrolle geraten, wenn sie vom Netz beschleunigt werden, die Behörden immer einen Schritt hinterher.

Alltagsrassismus. Uniprofessor Noll im Gespräch mit Kommissarin Anaïs Schmitz: «Ich bevorzuge Kaffee aus Afrika, ich nehme an, Sie auch?»
Alltagsrassismus. Uniprofessor Noll im Gespräch mit Kommissarin Anaïs Schmitz: «Ich bevorzuge Kaffee aus Afrika, ich nehme an, Sie auch?»
Foto: NDR / Frizzi Kurkhaus

Die Entrüstung ergoss sich schnell auch auf das Kommissarinnen-Duo. Während Anaïs Schmitz aber selbst bei Affronts wie «Afrika braucht dich, hau ab» cool blieb, liess sich Charlotte Lindholm immer wieder vom Fremdenhass und fehlgeleiteten Feminismus jener provozieren, die sich erst dann für die Rechte von Frauen interessieren, wenn ein Ausländer als Täter involviert ist, und ansonsten selber ein patriarchales Weltbild pflegen.

Wichtige Botschaft zu plump vermittelt

Die klare Haltung gegen die Unterdrückung von Frauen und rechtes Gedankengut ist richtig und wichtig, aber die Art, wie der Göttinger «Tatort» die Botschaft vermittelte, war oft zu plump, schwarzweiss. So, als hätte man unbedingt sichergehen wollen, dass auch wirklich jeder Zuschauer begreift, dass die Herkunft noch nichts aussagt über Gut und Böse.

Hier die deutschen Ordnungshüter, von denen die Hälfte einen ausländischen Namen trägt, dort die schwangere Rechtsfeministin, die artig die Meinung ihres Partners nachplappert. Und selbstverständlich war der Mörder kein Ausländer. Auch die Kamera bemühte sich, reduzierte Bilder und symmetrische Perspektiven einzufangen – was hier aber prima funktionierte und ein attraktiver Höhepunkt dieses «Tatorts» war.

In der letzten Folge küsste Nick Schmitz noch Charlotte Lindholm, diesmal zur Abwechslung wieder seine Ehefrau Anaïs.
In der letzten Folge küsste Nick Schmitz noch Charlotte Lindholm, diesmal zur Abwechslung wieder seine Ehefrau Anaïs.
Foto: NDR / Frizzi Kurkhaus

Was man vom Versuch, Charlotte Lindholms Liebesleben in die Handlung einzuflechten, nicht behaupten kann. Wir erinnern uns: Sie ist verknallt – in den Ehemann ihrer Kollegin, der sie in der letzten Folge geküsst hat. Damit das auch ja alle zu Hause mitbekamen, analysierte ihr Sohn die Situation: «Du hast Parfüm aufgetragen. Das tust du nur, wenn du verliebt bist.» Sie hätte es sich sparen können.

Kritik, Rating, Diskussion

Lesen Sie stets nach dem «Tatort»-Film die Kritik und das Rating der Kulturredaktion – und beurteilen Sie den Film selbst.

26 Kommentare
    Deva Abhiyana

    Solche guten Filme gibt es in der Schweiz nicht, der Fremdenhass wurde total gut gezeigt, gratuliere den 2 weiblichen Darstellerinnen, von Anfang bis Ende sehr emotional !!!!!!!