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Kopf der Woche: Anna SternIhre Worte machen glücklich

Die Zürcher Schriftstellerin Anna Stern legt mit «das alles hier, jetzt» einen aussergewöhnlichen Roman vor.

Isabel Hemmel

Anna Sterns vierter Roman wurde soeben für den Schweizer Buchpreis nominiert.
Anna Sterns vierter Roman wurde soeben für den Schweizer Buchpreis nominiert.
Foto: Florian Bachmann

Da steht diese Frau mit den raspelkurzen Haaren und der markanten Brille und liest. Ihre Stimme sanft, die Pausen, die sie macht, lang, die Worte so stark, dass sie nachhallen. Und schliesslich überzeugen. Das war vor zwei Jahren, als Anna Stern sich beim Bachmann-Preis eine der begehrten Auszeichnungen holte.

Die Schriftstellerin wurde 1990 in Rorschach geboren, sie doktoriert am Institut für Integrative Biologie an der ETH, schreibt und lebt in Zürich. Damals, 2018, beeindruckte Stern mit Auszügen aus ihrem Roman «Wild wie die Wellen des Meeres» (2019). Schon damals standen die Worte «found you / lost myself» über dieser berührenden Geschichte eines Paares.

In «das alles hier, jetzt» sind die Worte wieder da und umschreiben mehr denn je das Schicksal der Hauptfigur. Diese steht vor dem plötzlichen Tod eines befreundeten Menschen. «ananke stirbt an einem montag im winter, nachmittags zwischen sechzehn und siebzehn uhr.», steht in Kleinbuchstaben auf der ersten ansonsten leeren Seite des neuen Romans. Woran, erfahren wir nicht, es lässt sich später nur erahnen.

Ein radikaler Befreiungsschlag

Es geht vielmehr um den Umgang mit dem, was war, und dem, was bleibt. Die Form, die Stern dafür wählt, ist so ungewöhnlich wie spannend: Erzählt wird in zwei koexistierenden Strängen, aufgeteilt auf die linken und rechten Buchseiten. Der eine beschreibt den Versuch der Hauptfigur, das Hier und Jetzt zu bewältigen, der andere ist den Erinnerungen an die innige Freundschaft gewidmet: gemeinsame Kindheitserlebnisse, später auch kleine und grosse Krisen.

Im Verlauf der Handlung wachsen Vergangenheit und Gegenwart langsam zusammen. Bis der Roman in einen radikalen Befreiungsschlag mündet. Ein Umgang mit Anankes Tod scheint endlich möglich. Stern begreift Freundschaft in ihrem Roman als schmerzhaft schöne Symbiose. Die Worte, die sie für die Trauer und die Leere findet, sind weder sentimental noch kitschig. Sie vermögen einen zu tragen.

Buchpremiere: Mo, 21.9., 19.30 Uhr. Literaturhaus, Limmatquai 62. «das alles hier, jetzt» ist bei Elster & Salis erschienen, 248. S., 24 Fr.