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Coup bei der Tour de France Im 3. Anlauf fährt Hirschi allen davon

Nach zwei knappen Niederlagen gewinnt der Berner bei seinem Grand-Tour-Debüt die 12. Etappe solo. Es ist der erste Sieg eines Schweizers seit Fabian Cancellara 2012.

Der Berner darf sich freuen. Er gewinnt die 12. Etappe der diesjährigen Tour de France.
Video: SRF

Am Donnerstagmorgen tönt noch nichts danach, dass das einer der grossen Tage im Leben von Marc Hirschi werden könnte. Der 22-Jährige hört sich noch etwas verschlafen an, als er im Teambus sitzt, unterwegs zum Start der nächsten Etappe. Am Telefon erzählt er von einem Kratzen im Hals, dass jetzt, nach elf Renntagen, diese erste Grand Tour seiner Karriere langsam Spuren hinterlasse. «Das ist wohl von den Klimaanlagen. Da muss ich aufpassen», sagt er.

So tönt nicht unbedingt einer, der einige Stunden später der ganzen Konkurrenz davonfährt. Zumal Hirschi zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal genau weiss, was ihn auf der 12. Etappe erwartet. Hirschi hat es sich zur Gewohnheit gemacht, die Tagespensen jeweils erst am Morgen im Bus genauer anzuschauen. Es ist einer der wichtigsten Tipps, den erfahrene Rennfahrer einem Tour-Debütanten geben. Tag für Tag nehmen, sodass diese enorme Zahl von 21 Etappen etwas von ihrem Schrecken verliert.

Zweimal verpasste Marc Hirschi den Etappensieg knapp, jetzt hat er es geschafft.
Zweimal verpasste Marc Hirschi den Etappensieg knapp, jetzt hat er es geschafft.
Foto: Stephane Mahe (Keystone)

Nun soll er mit den «Big Guns» mitfahren

«Ich habe mir die Etappe noch nicht genau angeschaut. Aber wir werden sicher angreifen. Mit allen acht Fahrern», sagt Hirschi noch, dann verabschiedet er sich. Später im Briefing wird der Sportliche Leiter des Teams Sunweb deutlicher. Der Berner ist nicht mehr nur einer von acht. «Ich sollte mit den Grossen angreifen», erzählt Hirschi im Ziel. Genauer sagt er «Big Guns».

So schnell kann es gehen: Innerhalb von eineinhalb Tour-Wochen hat sich der 22-Jährige zum Mann entwickelt, der gegen die «grossen Geschütze» kämpft. Zweiter wurde er in Nizza, im Sprint nur gerade von Julian Alaphilippe geschlagen. Dritter in Laruns, erneut im Sprint bezwungen, von den Anwärtern auf den Gesamtsieg.

Und nun, in Sarran, diesem Minidörfchen mit weniger als 300 Einwohnern, irgendwo im Nirgendwo auf dem Weg der Tour vom Atlantik Richtung Alpen? Ist Hirschi am letzten Berg des Tages den verbliebenen Konkurrenten einfach davongefahren. Als wäre nichts dabei. Was natürlich nicht stimmt.Bis zum Ziel fehlen noch knapp 30 Kilometer. Es braucht schon eine gehörige Portion Mut und Selbstbewusstsein, in dem Moment einfach loszufahren, in der Hoffnung, dass es schon gut kommen wird.

Und das tut es. Im dritten Versuch gewinnt Hirschi, solo. «Ich war zwei Mal so knapp dran. Das gab mir das Selbstvertrauen, es wieder zu versuchen», sagt er später. Es hört sich so nüchtern und logisch an.

«Das hat etwas von Hollywood-Kitsch»

22 Jahre und 18 Tage alt ist Hirschi am Tag seines Sieges – es ist sein erster überhaupt als Profi. Die sporthistorische Einordnung macht den Coup deutlich: Nur gerade 32 Fahrer waren in 117 Jahren Tour de France noch jünger bei ihren Etappensiegen. Wobei die allermeisten aus den Anfängen stammen. Seit 1950 waren noch zehn Fahrer jünger als der Ittiger, in den vergangenen 30 Jahren gar nur zwei.

Und natürlich wäre da noch die lokale Verbindung: Der erste Schweizer Etappensieger seit 2012 kommt wieder aus demselben Berner Vorort. Fabian Cancellara, Vorgänger und als Manager Hirschis enger Vertrauter, sagt dazu: «Das hat etwas von Hollywood-Kitsch.» Cancellara hebt Hirschi aber nicht auf ein Podest, so sehr ihn dessen Sieg auch beeindruckt hat: «Er soll es geniessen. Aber nun geht es weiter.»

Vielleicht ist das ganz gut, so bleibt etwas weniger Zeit für die grossen Gedanken. Der Interviewer von France Télévision, der nach der Siegerehrung die Ausgezeichneten zum ersten Gespräch abfängt, kann es sich gerade mal zwei Fragen lang verkneifen, dann fragt er Hirschi, ob er sich als künftigen Tour-Sieger sehe. «Das ist meine erste Grand Tour», hält dieser fest. «Und das erste Mal, dass ich bei den Profis an den grossen Pässen nicht abgehängt werde.»