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Stromimport aus EUSchweizer Windenergie deckt schon die Hälfte des Atomstroms

Zürcher Stromversorger bauen bei der Windenergie im Ausland aus. Für die Versorgungssicherheit im Inland hat das aber auch Risiken.

Bau der Windanlage Pesma II in Portugal, welche den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich gehört.
Bau der Windanlage Pesma II in Portugal, welche den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich gehört.
Foto: PD

Wenn Schweizer Energieversorger neue Energiekapazitäten verkünden, geht es vielfach um Windstrom im Ausland. Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) meldete Anfang Februar die Übernahme des Windparks Makaknuten im Südwesten Norwegens. 22 Windturbinen werden jährlich etwa 350 Gigawattstunden (GWh) Strom produzieren. Damit steigt gemäss EWZ die jährliche Windstromproduktion im Ausland von 700 auf 1050 GWh: Das entspricht dem durchschnittlichen jährlichen Stromverbrauch von fast 380’000 Zürcher Haushalten.

Auch die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) haben ihre Stromproduktion ausgebaut. Seit November produziert der grösste Windpark der EKZ in Portugal, Pesma II, circa 70 Gigawattstunden Energie, was für rund 17’000 durchschnittliche Schweizer Haushalte reichen würde. «Die Anlage bei Fátima – eine gute Autostunde von Lissabon entfernt – könnte theoretisch alle Privathaushalte der Stadt Dietikon und sogar einige kleine Gemeinden zusätzlich mit Strom versorgen», schreibt der Energieversorger. Pesma II ist der fünfte Windpark der EKZ in Portugal.

Schweizer Energieversorger und Anleger investierten in den letzten Jahren stark in erneuerbare Energie – aber vor allem in unseren Nachbarländern. Es flossen 2019 gemäss einem Bericht des Schweizer Energieberatungsunternehmens «Energie Zukunft Schweiz» 11,5 Terawattstunden Strom aus Anlagen, an denen Schweizer Unternehmen mit teilweise bis zu 100 Prozent beteiligt sind. Die Strommenge entspricht etwa der Hälfte dessen, was die Schweizer Kernkraftwerke im letzten Jahr produziert haben.

Die Kapazität ist seit 2016 um über 5 Terawattstunden angewachsen. Der Strom wird zu 85 Prozent durch Windkraftwerke produziert. Der Rest stammt aus Sonnen- und Wasserkraftwerken sowie aus der Verbrennung von Biomasse wie zum Beispiel Holz. Das Wachstum an Windstrom ist höher, als der Bund in den «Energieperspektiven 2050+» für die inländische Windkraft für das Jahr 2050 vorsieht. Die Präferenzen der Energieversorger sind eindeutig im Ausland: Das Wachstum an neuer erneuerbarer Energie betrug gemäss dem Bericht von «Energie Zukunft Schweiz» im Inland zwischen 2016 und 2019 gegen 9 Prozent, in der gleichen Zeit stieg die Produktion in Anlagen mit Schweizer Beteiligung in der EU um 74 Prozent. In absoluten Zahlen sind das 5 TWh im Ausland und nur 0,5 TWh im Inland.

Wie profitiert die Schweiz vom ausländischen Windstrom in Schweizer Händen? «Unabhängig davon, wo die Anlagen an das europäische Verbundnetz angeschlossen sind, tragen sie grundsätzlich zur Stabilität unseres Stromnetzes bei», sagt Hanspeter Fuchs, Leiter erneuerbare Energien bei den EKZ. Das Schweizer Stromnetz ist ins europäische eingebunden. «Es bringt für die Versorgungssicherheit nichts, wenn die inländische Nachfrage jederzeit durch in der Schweiz produzierten Strom abgedeckt werden kann», sagt Fuchs. Ein europäischer Blackout würde sich auch auf die Schweiz auswirken. Fuchs will damit nicht sagen, dass in der Schweiz keine Produktion zugebaut werden soll. «Aber der finanzielle Aufwand für eine Autarkie wäre enorm hoch», sagt er. Ein starker europäischer Verbund sichert die Schweizer Stromversorgung mit wesentlich geringeren Kosten.

Windpark Pesma II der EKZ, eine Autostunde von Lissabon entfernt.
Windpark Pesma II der EKZ, eine Autostunde von Lissabon entfernt.
Foto: EKZ

Ein vom Ausland total unabhängiges Stromnetz gehört wohl eher zu den theoretischen Überlegungen. Aber Energiepolitiker und Organisationen wie die Schweizerische Energiestiftung befürchten eine beträchtliche inländische Stromknappheit in 15 Jahren, wenn die Kernkraftwerke in der Schweiz allmählich vom Netz genommen werden und der Zubau an Fotovoltaik und Wind den Ausfall des nuklearen Stroms nicht entsprechend kompensiert. Die Schweiz sei dann auf stärkeren Import angewiesen, ausgerechnet in einer Zeit, in der die Stromnachfrage in Staaten wie Deutschland deutlich ansteige und fossile Kraftwerke und die Kernkraft ausser Betrieb gingen. Im schlimmsten Fall werde der Stromexport in den Nachbarländern beschränkt.

«Wenn Deutschland den Export einschränkt, gilt das für alle Produzenten im Land, unabhängig davon, in wessen Besitz sie sind.»

Aeneas Wanner, Geschäftsleiter «Energie Zukunft Schweiz»

In diesem Fall wäre doch eine grosse ausländische Stromkapazität in Schweizer Händen ein willkommener Garant für eine Produktionssicherheit, könnte man meinen. «Wenn Deutschland den Export einschränkt, gilt das für alle Produzenten im Land, unabhängig davon, in wessen Besitz sie sind», sagt Aeneas Wanner, Geschäftsleiter von «Energie Zukunft Schweiz». Dass Deutschland die Leitungen zur Schweiz kappt, sei unwahrscheinlich, da das Schweizer Höchstspannungsnetz für Europa wichtig sei – und der Strom bekanntlich von selbst dorthin fliesse, wo er gebraucht wird, meint Hanspeter Fuchs von den EKZ.

Abhängig von der EU

Es geht also um Leitungskapazitäten im europäischen Stromnetz, aber auch um den europäischen Strommarkt, zu dem die Schweiz heute – ohne Stromabkommen – keinen gleichberechtigten Zugang hat. Das Bundesamt für Energie erklärt dazu auf Anfrage: «Mit den neuen EU-Regulationen werden die grenzüberschreitenden Übertragungskapazitäten der Schweiz und damit auch die Importmöglichkeiten beschnitten.» Konkret heisst das: Schon heute könnten EU-Staaten bei internen Netzengpässen zeitweise die Leitungskapazität für den Export in Nicht-EU-Staaten wie die Schweiz zur Entlastung limitieren. Im Klartext: Die EU bestimmt, wie viel Strom die Schweiz vom Ausland importieren kann. Das könnte im Winter in Zukunft zum Problem werden. Dieses Regulierungsrisiko durch das Ausland sei jedoch entschärft, sobald ein Energierahmenabkommen zwischen der Schweiz und der EU, in dem auch der Stromhandel geregelt wird, abgeschlossen sei, sagt Aeneas Wanner. Die Verhandlungen über das Stromabkommen sind allerdings seit Jahren blockiert.

Die Furcht vor einer zu starken Abhängigkeit vom Ausland ist also nicht ganz unbegründet. Der Branchenverband Suisse Éole sieht in der Schweiz ein grosses Potenzial in der Windenergie, vor allem im Winter. Zwei Drittel des Windstroms werden in der kalten Jahreszeit produziert. Doch sind die Aussichten nach wie vor nicht rosig. «Seit über einem Jahrzehnt stagniert die Entwicklung der Windenergie, und die Projekte haben mit komplexen Planungs- und Gerichtsverfahren zu kämpfen», heisst es in der aktuellen Windstrategie von Suisse Éole.

Was das konkret heisst, zeigt das aktuelle Beispiel des geplanten Windparks der EKZ im thurgauischen Thundorf. Die Elektrizitätswerke haben bereits 2015 Windmessungen am vorgesehenen Standort durchgeführt, um abzuklären, ob sich dieser für einen Windpark eignet. Die Potenzialstudie zeigt, dass man mit sieben Windrädern Strom für 7000 bis 8000 Vierpersonenhaushalte produzieren könnte.

Elf Jahre Verfahren

Obschon der Kanton Thurgau das Thema Windenergie aktiv angegangen und schon im November 2014 eine Windpotenzialstudie veröffentlicht hatte, dauerte der politische Prozess aufgrund von Widerstand an einzelnen im Richtplanentwurf bezeichneten Standorten relativ lange. Fünfeinhalb Jahre später, im Mai 2020, hat das thurgauische Parlament der Richtplanänderung zugestimmt. Die EKZ können nun das Projekt weiterführen, welches zwischenzeitlich auf Eis gelegt wurde.

In diesem Frühling startet der Energieversorger mit der Umweltverträglichkeitsprüfung und technischen Abklärungen. «Die Bevölkerung und interessierte Kreise werden periodisch über unsere Erkenntnisse informiert», sagt Hanspeter Fuchs. Die EKZ rechnen, dass mindestens zwei weitere Jahre vergehen werden, bis die Gemeinde über die Zonenplanänderung und das Bauprojekt abstimmen wird. Bei einem positiven Entscheid wäre das Projekt aber noch nicht gesichert, da erfahrungsgemäss mit Einsprachen zu rechnen ist, die bis vor Bundesgericht gezogen werden könnten. Vor fünf Jahren ging der Energieversorger davon aus, dass die Windanlage in Thundorf dieses Jahr in Betrieb gehen würde, nun rechnet er mit 2026 bis 2028. In diesem Fall wären mindestens elf Jahre vergangen seit den ersten Abklärungen.

Mehr Sicherheiten im Ausland

In Portugal, beim Bau des Windparks Pesma II, vergingen von den ersten Überlegungen bis zum Betrieb der Anlage sechs Jahre. Die EKZ arbeiteten dort mit einem Projektentwickler zusammen. «Als wir das vorgelegte Projekt erwarben, lagen alle für den Bau notwendigen Bewilligungen vor, und wir waren sicher, dass die Anlage gebaut werden kann», sagt Fuchs. Zudem profitiert der Windpark während der ersten acht Jahre von einem staatlich garantierten Einspeisetarif. In Portugal ist die Erteilung der Baubewilligung durch die Gemeinde eine Formsache, sofern die gesetzlichen Bestimmungen in der Baueingabe eingehalten werden.

Ganz im Gegensatz zur Schweiz: Das Projekt muss praktisch fixfertig sein, bevor über die Baubewilligung abgestimmt wird, und die Bevölkerung der Gemeinde hat schliesslich das letzte Wort. «Das ist ein Problem, da jahrelange Projektarbeiten mit einem negativen Entscheid zunichtegemacht werden können», sagt Fuchs. Für den Leiter erneuerbare Energien bei den EKZ wäre wichtig, dass mehr Planungssicherheit geschaffen wird und eine Gemeinde ohne begründete Argumente das Projekt nicht mehr blockieren kann.

160 Kommentare
    Sacha Meier

    Alles hat nun einmal Risiken. Wenn das EKZ im im feindlichen EU-Ausland Wind- und Solarkraftwerke baut, schafft sie etwas, was wegen der ureigenen menschlichen Psychologie und Geldgier nicht geht: Erneuerbare Energie - statt über potenziell lebensgefährliche HGÜ-Stromtrassen, via Bankonten-Wire-Tranfer zu uns zu holen. So können wir guten Gewissens weiterhin fossile Energie verbrennen und daraus dem Staat auch die Mineralölsteuer zahlen. Wie auch zur Freude der Kohleindustrie Kohlestrom importieren. Eine andere Lösung haben wir gar nicht, da laut Frau Thoma, CEO der BKW, die Erneuerbaren den hochprofitablen Stromhandel samt der Kohlestromverdelung in unseren Pumpspeicherwerken behindern. Vorrang vor allem - auch vor dem Klima und Menschenleben - hat nun einmal die Wirtschaft. Corona zeigt das sogar exemplarisch. Für Notfälle sollten wir bloss einige Gaskraftwerke bauen. Die können ja stillstehen, solange nicht durch irgend ein Ereignis die EU eine Stromexportsperre verhängt. Auf dem Stromimport - angereichert mit einigen Gaskraftwerken - basiert übrigens auch die vom Volk angenommene Energiestrategie 2050. Übrigens, in Deutschland wird rasch klar wie wenig wahrscheinlich der Kohleausstieg 2038 geworden ist, nachdem die Kohleindustrie entdeckte, dass HGÜ-Windstromübertragungen starken Elektrosmog im ELF-Frequenzbereich verursachen. Sie geht davon aus, dass der tödlich ist. Darum hat sie die Anrainer der beiden Stromtrassen aufgeklärt und die kämpfen vor Gericht im ihr Leben.