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Start-up will die Schweiz erobernIm Hirn kommt ein Geschmack an – dabei trinkt der Mund pures Wasser

Aromatisierte Getränke, die ohne Zucker oder künstliche Süssungsmittel auskommen: Mit dieser Geschäftsidee hat das Start-up Air up im ersten Geschäftsjahr 20 Millionen Euro umgesetzt.

Das Gehirn austricksen: Air up ist eines der am schnellsten wachsenden Start-ups in Deutschland.
Das Gehirn austricksen: Air up ist eines der am schnellsten wachsenden Start-ups in Deutschland.
Foto: PD

Der Softgetränke-Markt ist hart umkämpft. Global tätige Unternehmen wie Coca-Cola, Nestlé oder Red Bull erzielen Milliardenumsätze mit ihren Markenprodukten. Hunderte von kleineren Akteuren versuchen sich jedes Jahr in Nischen zu etablieren. Mit Ausnahme der stark gezuckerten Energy-Getränke geht der Trend klar in Richtung Gesundheitsbewusstsein: Weniger Zucker, mehr natürliche Zutaten – so lautet die Devise vieler Produktneuheiten.

Doch lange nicht alles, was gut gemeint ist, schmeckt auch so: Minzenblätter und Gurkenscheiben im Wasser sind schlecht haltbar, Rhabarber, Rooibos- oder Matcha-Grüntee schwer geniessbar ohne Süssstoffe. Und bei allen Getränken fällt ins Gewicht, dass es aufwendig ist, sie nach Hause zu schleppen und die PET- oder Glasflaschen zu rezyklieren.

Das deutsche Start-up Air up hat es geschafft, sich in diesem schwierigen Markt im Rekordtempo zu etablieren. 2020, im ersten kompletten Geschäftsjahr, erzielte das Münchner Unternehmen in Deutschland und Österreich bereits einen Umsatz von 20 Millionen Euro. Seit Anfang März ist Air up auch in der Schweiz auf dem Markt.

Geschmackserlebnisse ohne negative Konsequenzen

Die Belegschaft ist innert 18 Monaten von 5 auf über 100 Angestellte gewachsen. Ein wichtiger Teil der Erfolgsgeschichte ist, dass die Gründer zunächst gar keine unternehmerischen Ambitionen hatten. Produktdesignstudentin Lena Jüngst und ihr Studienkollege Tim Jäger suchten bloss ein Thema für ihre Bachelorarbeit und gingen der Frage auf den Grund, wie man gute Geschmackserlebnisse ohne negative Konsequenzen für Gesundheit und Umwelt erzeugen könnte.

Sie fanden heraus, dass der Duft bei der Geschmackswahrnehmung zentral ist und dass beim Essen und Trinken auch Aromen über die Nase in den Rachenraum gelangen. Fachleute sprechen von retronasalem Riechen. Wäre es demnach möglich, Leitungswasser ausschliesslich durch Düfte zu aromatisieren und die Sinne so zu überlisten, dass man den Eindruck hat, man trinke eine Cola oder ein Passionsfruchtwasser?

Liess die Karriere im Grosskonzern für ihr eigenes Start-up stehen: Lena Jüngst.
Liess die Karriere im Grosskonzern für ihr eigenes Start-up stehen: Lena Jüngst.
Foto: PD

Die ersten Laborversuche gelangen erstaunlich gut, und hier würde die Geschichte enden, wenn nicht weitere Personen dazugestossen wären, um die Idee zur Marktreife zu bringen: Fabian Schlang, ein Koch und Lebensmitteltechnologe, machte sich daran, aus natürlichen Zutaten wie Waldbeeren, Zitronen, Äpfeln oder Gurken Duftessenzen zu extrahieren. Jannis Koppitz, ein anderer alter Schulfreund von Jüngst, brachte betriebswirtschaftliches Wissen mit. Und der Zürcher Simon Nüesch war gerade mit seiner Idee, ein Weissbier to go zu lancieren, gescheitert und wusste entsprechend, was man im Umgang mit Investoren und ersten Kunden besser machen kann.

Und so entschied sich Jüngst, die zu dieser Zeit längst einen seriösen Job als Produktdesignerin bei Philips in Amsterdam angetreten hatte, die Karriere erst mal bleiben zu lassen und alles auf die Karte Unternehmertum zu setzen.

«Am Anfang wurden wir belächelt. Niemand in der Branche nahm uns wirklich ernst.»

Lena Jüngst, Gründerin Air up

Weil das Gründerteam kaum eigenes Kapital aufbringen konnte, brauchte es ein Gründerstipendium der Universität München und Geld aus dem EU-Programm Climate KIC für die ersten Schritte: die Entwicklung der Trinkflasche, der Aroma-Pads, die oben auf die Flasche aufgesetzt werden, sowie den Patentschutz der Technologie. Doch schon vor der Produktlancierung im August 2019 stiegen namhafte Investoren ein, darunter zwei Juroren der TV-Sendung «Höhle der Löwen», ein Investor aus der Getränkebranche und Beteiligungsfirmen.

«Am Anfang wurden wir belächelt», erinnert sich Jüngst, «niemand in der Branche nahm uns wirklich ernst.» Doch als der Absatz über den eigenen Webshop, Amazon und den Detailhandel rasant in die Höhe schoss und immer mehr Medien über die Innovation berichteten, änderte sich das rasch.

Schon 20 Millionen aufgenommen

Vorläufiger Höhepunkt der Geschichte: Rund ein Jahr nach der Markteinführung in Deutschland klopften Manager des Getränke-Multis Pepsi an, um sich an Air up zu beteiligen. Insgesamt hat die junge Firma im letzten Jahr rund 20 Millionen Euro Kapital aufgenommen. «Unser Vorteil ist, dass wir eine sehr junge, gesundheitsbewusste Zielgruppe ansprechen», sagt Jüngst, die selber erst 28-jährig ist.

Lesen Sie hier, warum viele innovative Jungunternehmen in ihrer Existenz bedroht sind.

Mit dem neuen Kapital im Rücken sollen nun rasch weitere Märkte erschlossen werden. Nach Frankreich, den Niederlanden, Belgien und der Schweiz rücken Grossbritannien und weitere Länder in Nordeuropa in den Fokus, stets mit dem Doppelargument: Air-up-Kundinnen und -Kunden trinken mehr und schonen die Umwelt. «Wir verbrauchen bis zu 50-mal weniger Plastik als traditionelle Getränkehersteller und sind 1000-mal CO2-effizienter, weil es keine Flugzeuge, Frachtschiffe, Lastwagen oder Autos braucht, um unser Produkt zu transportieren», sagt Jüngst.

So wurde Air up innert kürzester Zeit zu einem der am schnellsten wachsenden Start-ups in Deutschland. Und Jüngst, die anfänglich keine unternehmerischen Ambitionen hatte, ist inzwischen buchstäblich auf den Geschmack gekommen. «Nun wollen wir die Idee ganz gross machen», sagt die Designspezialistin. Mit anderen Worten: Überall dort, wo das Leitungswasser Trinkqualität hat, sind weitere potenzielle Märkte.

* Mathias Morgenthaler war Wirtschaftsredaktor bei Tamedia und ist heute als Autor, Coach und Referent tätig. Er ist Autor der Bestseller «Aussteigen – Umsteigen» und «Out of the Box» und Betreiber des Portals www.beruf-berufung.ch

33 Kommentare
    C. F. Abel

    80'000 Plastikpartikel gelangen zusätzlich zu den sonstigen 2000 in die Physiologie wöchentlich bei Vieltrinkern aus PET - Flaschen.