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Reportage aus ItalienIn Corona gibt es keinen einzigen Corona-Fall

Dass ihr Dorf plötzlich in aller Munde ist, nehmen die Bewohner des malerischen 500-Seelen-Dorfes Corona in Venetien gelassen. Stattdessen punktet der Ort mit Gaumenfreuden und viel Italianità.

Name ist nicht Programm: Corona in Italien blieb von der Pandemie verschont.
Name ist nicht Programm: Corona in Italien blieb von der Pandemie verschont.
Foto: Silvia Mettler

Es ist Ende Januar, als die Nachricht das kleine Dorf Corona im Nordosten von Italien erreicht. Man wundert sich, dass das Virus aus China ausgerechnet den eigenen Ortsnamen trägt. «Wir witzelten darüber, dass man das Virus mit dem lokalen Corona-Wein runter­spülen sollte. Oder dass sich dieser wohl als Desinfektionsmittel bestens eignen würde», erzählt Luca Sartori, Bürgermeister der 1500-Einwohner-Gemeinde Mariano del Friuli, zu der der Weiler Corona gehört.

Das Lachen ist dem 52-jährigen Immobilienhändler, wie auch den Bewohnern von Corona, längst vergangen. Die Ernsthaftigkeit der weltweiten Pandemie ist auch im friedlich-verschlafenen Örtchen täglicher Gesprächsstoff. Jedoch, und darauf ist man stolz, gab es in Corona bisher keinen einzigen Fall von Corona.

Luca Sartori, Bürgermeister der 1500-Einwohner-Gemeinde Mariano del Friuli.
Luca Sartori, Bürgermeister der 1500-Einwohner-Gemeinde Mariano del Friuli.
Foto: Silvia Mettler

Heimat von guter Küche und weltbekanntem Torhüter

Ein Wort mit vielen Vokalen löst positive Assoziationen aus, sagt man. Das hat wohl auch bei der Namensfindung für C-o-r-o-n-a in der Region Friaul-Julisch-Venetien mitgespielt. Friedlich liegt das etwas verschlafen wirkende Dorf zwischen sanften Hügeln eingebettet. Den Ort umrundend, sehen diese aus wie eine Krone – und gaben dem Dörfchen damit seinen Namen.

In Corona gibt es ein halbes Dutzend Bars und Restaurants. In der lokaltypischen Trattoria Al Piave (ein italienischer Familienbetrieb wie aus dem Bilderbuch) munden das zarte Hirsch-Carpaccio, die hausgemachte Lasagne und das Tiramisù. In Corona ist man auf Dino Zoff stolz; einer der besten Torhüter aller Zeiten ist hier aufgewachsen.

Die Gegend rund um Corona lässt sich auch prima per Vespa erkunden.
Die Gegend rund um Corona lässt sich auch prima per Vespa erkunden.
Foto: PD

Die Einwohner arbeiten als Bauern und Weinproduzenten. Touristen besuchen Corona und seine lieblich-rustikale Umgebung des guten Weins und Essens wegen. Übernachten können sie in ebenso rustikalen wie schmucken Agriturismi. Der bekannte, luftgetrocknete San-Daniele-Schinken wird hier in der Region hergestellt und gepflegt. Es heisst, sein Geheimnis liege im Zusammentreffen frischer Bergluft aus den Dolomiten und der salzhaltigen Winde von der Adria. In der Altstadt von San Daniele del Friuli wird ihm gar alljährlich am letzten Juli-Wochenende mit dem grossen Schinkenfestival gehuldigt.

Avanti gehen

«Wir denken nicht, dass unser Ort wegen Covid-19 nun negativ geprägt ist», erklärt der freundliche Bürgermeister selbstbewusst. «Wir gehen avanti und denken positiv. Wir wohnen in einer besonderen Region und können Touristen viel bieten.»

Um das zu belegen, bringt er uns persönlich zu einem der Highlights von Corona: zum Tenuta Luisa. Im herrschaftlichen Weingut werden in nunmehr vierter Generation jährlich rund 400‘000 Flaschen edle Tropfen gekeltert. Diverse Traubensorten wie etwa Merlot, Pinot grigio und Cabernet Sauvignon werden in den alten Gewölbekennern veredelt – und vorwiegend in Italien verkauft. Wenig überraschend, wirkt die Krone auch
auf den Flaschenetiketten prominent.

Die Region rund um Corona hat viel zu bieten: Weinberge, so weit das Auge reicht.
Die Region rund um Corona hat viel zu bieten: Weinberge, so weit das Auge reicht.
Foto: Silvia Mettler
Patron Eddi Luisa vom Weingut Luisa.
Patron Eddi Luisa vom Weingut Luisa.
Foto: Silvia Mettler
Im Weingut Tenuta Luisa: Hier wird Corona-Wein hergestellt.
Im Weingut Tenuta Luisa: Hier wird Corona-Wein hergestellt.
Foto: Silvia Mettler
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Patron Eddi Luisa, ein charmanter Grandseigneur wie aus vergangenen Zeiten, ist stolz auf seine Krone. «Wir glauben nicht, dass wir nun Nachteile davontragen», erklärt auch er. Und ist überzeugt, dass wegen des vielen Schönen und Sehenswerten in der Gegend auch die Touristen die Region wieder besuchen werden. Bürgermeister Sartori ergänzt schmunzelnd: «Wir wurden wegen unseres Ortsnamens ja nicht von der Weltpresse belagert.» Er gibt uns einige Empfehlungen mit auf den Weg Richtung Süden. Tipps, was man seiner Meinung nach in der Region Friaul-Julisch-Venetien auf keinen Fall verpassen darf.

Gipfel und Adriaküste

In der Tat, Friaul-Julisch-Venetien ist abwechslungsreicher Beweis dafür, dass Italien immer wieder für neue Überraschungen gut ist. Von den schroffen Gipfeln der Dolomiten bis zum goldenen Sandstrand der Adriaküste. Mit ihren eleganten Städten und malerischen Dörfern, eingebettet – wie Corona – in sanfte Hügellandschaften, sprüht diese Region förmlich von der sprichwörtlichen «Italianità». Sie zeigt alle Facetten, die Italien berühmt und zum ausgewählten Reiseziel von Schriftstellern, Dichtern und Poeten gemacht haben.

Wir fahren Richtung Küste mit einem Zwischenhalt in Gradisca d’Isonzo. Der Bürgermeister hat nicht zu viel versprochen: Ein mächtiges Kastell aus dem 15. Jahrhundert dominiert den Ort. Hier treffen auf engstem Raum italienische, slawische und germanische Kultureinflüsse aufeinander. Sie bilden ein betörendes Kaleidoskop aus Traditionen, Sprachen und Religionen.

Endstation der Reise ist die Isola del Sole Grado an der Adria. Die Sonneninsel war schon bei der österreichisch-ungarischen Kaiserin Sissi als Thermalbad und Entspannungsort beliebt. Heute kommen die Gäste wegen des goldfarbenen, acht Kilometer langen Sandstrands, des ruhigen Meers und der jodhaltigen Luft. Aufgrund von Corona-Begrenzungen jedoch vorerst vor allem Italiener. Auch damit hatte Luca Sartori recht: Es lohnt sich, an die Küste zu fahren.

Corona hatte also trotz allem auch ihr Gutes. Denn wer weiss, ob wir sonst je diese Region besucht hätten.