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Theaterpreisträger im Interview«In der Kunst muss es um Inhalt, nicht Correctness gehen»

Jossi Wieler, gefeierter Schauspiel- und Opernregisseur, erhält den Schweizer Grand Prix Theater. Und kritisiert Corona- wie PC-Regeln am Theater.

Jossi Wieler kann mit Jelinek-Inszenierungen fesseln und Opern neu denken.
Jossi Wieler kann mit Jelinek-Inszenierungen fesseln und Opern neu denken.
Foto: BAK/Gneborg 2020

Jossi Wieler, herzlichen Glückwunsch zum Schweizer Grand Prix Theater / Hans-Reinhart-Ring 2020!

Vielen Dank! Ich war sehr überrascht, zumal ich ja meinen Tätigkeitsfokus schon lange in Deutschland habe. Den Reinhart-Ring haben grosse Künstler wie Bruno Ganz oder Lisa della Casa erhalten, auch der jüngst verstorbene Werner Düggelin, den ich sehr verehrte. Dass ich in dieser Reihe stehen darf, macht mich dankbar und stolz. Eines darf man aber nicht vergessen: Das Theater, vor allem das Musiktheater, ist die kollektivste aller Künste; der Preis geht ebenso an alle Wegbegleiter. Es ist die Kunst des Live-Moments, in dem man gemeinsam etwas zum Klingen bringt.

Wie stehen Sie da zu den digitalen Theatermöglichkeiten in Zeiten der Pandemie?

Ich bewundere, was viele an digitalen Formen entwickelt haben. Aber für mich bleiben Sprech- und Musiktheater analoge Künste. Von Moment zu Moment entsteht ein Gesamtkunstwerk. Ein falscher Ton, ein ungenauer Einsatz kann ein stimmiges Gesamtgefüge kippen lassen. Es ist ein Hochseilakt wie im Zirkus, und der Zuschauer pulsiert mit. In jedem Augenblick ist Scheitern auch eine Möglichkeit; Künstler und Publikum fesselt eine gemeinsame Spannung. Ganz ehrlich: Ich tue mich schon sehr schwer mit den Corona-Restriktionen fürs Theater. Vor allem, wenn ich sehe, dass mangelnder Abstand anderswo toleriert wird. Dreierreihen im Flieger, aber nur halb besetzte Theatersäle?

Sie beginnen in zwei Wochen mit den Proben für das neue Handke-Stück «Zdeněk Adamec» am Deutschen Theater Berlin.

Wir haben bestimmte Auflagen, die fürs Theatermachen nicht gerade beglückend sind. Künstlerische Arbeit im Schauspiel und in der Oper braucht Freiheit – im Kopf und im Körper. Vieles, was derzeit auf Bühnen als Ersatzform gesucht werden muss, wirkt verzweifelt. Ich ziehe den Hut vor all diesen Versuchen: Man will der momentanen Lähmung entkommen. Aber auf Dauer werden die Einschränkungen dem Theater nicht guttun. Je freier und grenzüberschreitender es sein darf, desto existenzieller wird es – und desto relevanter für die Gesellschaft. Theaterregie bedeutet für mich immer auch, durch eine szenische Erzählung Fragen an die Gegenwart zu stellen.

Ist der Text ein Sprungbrett?

So würde ich es nicht sagen. Der Begriff «Regietheater», der in diesem Kontext oft fällt, hat einen negativen Beigeschmack – völlig ungerechtfertigt, finde ich, denn Theater ist Regie, ist die szenische, spielerische Interpretation eines Texts, eines Librettos oder einer Musikpartitur für die jeweilige Gegenwart. Aus der Art, wie ein Regisseur in seiner Zeit verwurzelt ist und sie reflektiert, entsteht der theatrale Zugriff. Er kann von scheinbarer Stückezertrümmerung bis zum sensiblen Text-Mitschwingen reichen. Ich versuche immer, in den Text, die Partitur genau hineinzuhorchen, um sie dann in der szenischen Versinnlichung zum Klingen zu bringen.

«Für uns Theatermacher stellt sich jetzt erst recht die Frage nach dem zwingenden Grund, weshalb wir ein Stück erzählen müssen.»

Prima le parole – sagt der Opernregisseur, der von 2011 bis 2018 Direktor der Oper Stuttgart war?

Davor habe ich jeweils zur einen Hälfte im Schauspiel, zur anderen in der Oper inszeniert. Die Intendanz war dann in jeder Hinsicht erfüllend, aber auch ein 25-Stunden-Job an 366 Tagen im Jahr. Ich freue mich, nun auch wieder Theaterstücke inszenieren zu können. Gehts in der Musiktheaterregie «nur» um Interpretation, so ist man als Sprechtheaterregisseur in gewissem Sinn immer auch Komponist. Allein die Länge eines Werks kann, anders als in der Oper, je nach Inszenierung extrem variieren. Entscheidend ist, dass die Interpretation aus einem existenziellen Impuls heraus entsteht und für die Gegenwart relevant erzählt wird.

Wieso brauchen wir Peter Handkes «Zdeněk Adamec»?

Wir hatten uns vor Corona für das Werk entschieden. Jetzt ist die Welt eine andere – und der Text bekommt eine neue Dimension. Eine Beunruhigung, die das Virus begleitet, ist die brutale Erkenntnis unserer Endlichkeit. Sie ist in unsere Komfortzone eingebrochen. Handkes Stück verhandelt, wie über einen jungen Mann, eben Adamec, gesprochen wird, der sich 2003 in Prag selbst verbrannt hat. Es spiegelt Schmerz, Hilflosigkeit, aber auch eine zynische Distanz im Reden darüber angesichts dieses furchtbaren Todes. Da lässt sich ein Fenster zu unserer Gegenwart öffnen, ganz ohne billige Aktualisierungen. Unter den derzeit erschwerten Arbeitsbedingungen stellt sich für uns Theatermacher ja jeweils erst recht die Frage nach der Dringlichkeit, dem zwingenden Grund, weshalb wir ein Stück erzählen müssen.

Wird da auch die ökonomische Not, die die Pandemie verursacht, spürbar?

Es ist unübersehbar, auch in Berlin, wo ich wohne, wie die Schere zwischen den sozialen Schichten immer weiter aufgeht. Diese Spannungen sind zwar vordergründig nicht Thema von Handkes Stück. Dennoch versucht man als Regisseur, das Schmerzpotenzial des tragischen Titelhelden, aber auch der im Heute spielenden Figuren freizulegen.

Jossi Wielers Inszenierung von Elfriede Jelineks «Wolken.Heim» (1993) am Deutschen Schauspielhaus Hamburg war ein Grosserfolg.
Jossi Wielers Inszenierung von Elfriede Jelineks «Wolken.Heim» (1993) am Deutschen Schauspielhaus Hamburg war ein Grosserfolg.
Foto: Privatarchiv

Leiden Sie unter dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland?

In meinem persönlichen Alltag und direkten Umfeld ist er nicht spürbar. Im Gegenteil, ich erlebe eine grosse Solidarität gegen allen Antisemitismus. Aber natürlich beunruhigt es mich, wenn ich lese und höre, wie in Deutschland und ganz Europa solche Tendenzen wachsen.

2019 gerieten die Spannungen an den Theatern selbst in den Blick. Machtmissbrauch, #MeToo, Rassismus werden genau unter die Lupe genommen.

Das ist auch gut so. Gendergerechtigkeit, Diversität: Diese Fragen bewegen unsere Gesellschaft. Und die Bühne als Ort, wo Gesellschaft analysiert, kritisiert oder als anders imaginiert werden kann, soll sich dazu verhalten. Aber: In der Kunst muss es immer erst um Inhalt und nicht «nur» um Correctness gehen.

«Das Musiktheater läuft weniger Gefahr, sich in Diskursen der Political Correctness zu verzetteln.»

Was ist die Gefahr von PC?

Denken Sie an den schwarz bemalten legendären Othello von Ulrich Wildgruber in Peter Zadeks Inszenierung von 1976. Oder andere Normensprenger wie Fassbinder oder Schlingensief: Sie würden wohl schnell ausgebremst. Wenn der gesellschaftspolitische Inhalt dadurch in den Hintergrund rückt, dass man sich nur noch mit der «korrekten» Form, der «korrekten» Besetzung beschäftigt – was darf sein, was nicht? –, verliert die Kunst an Kraft. Das Musiktheater läuft weniger Gefahr, sich in solchen Diskursen zu verzetteln, weil für eine Besetzung meist die Qualität der Stimme das entscheidende Kriterium ist. Entsprechend divers sind denn auch Orchester und Chöre. Die Oper, die zugegebenermassen auch sehr reaktionär sein kann, war in solchen Fragen letztlich stets progressiver.

Wirklich? Brauchts nicht Regeln, um strukturelle Diskriminierung auszuhebeln?

Regeln sind wichtig und müssen, wo nötig, unbedingt nachjustiert werden. Das Theater soll ein Ort sein, wo wir verstehen, Bekanntes fremd und scheinbar Fremdes neu zu sehen. Dass dabei im Umgang miteinander weder Rassismus noch Sexismus noch andere Formen des Machtmissbrauchs vorkommen dürfen, ist für mich selbstverständlich. Theater soll ein Ort gegenseitigen Zuhörens sein – ein geradezu utopischer Raum für unsere Gesellschaft.

Und die Autorität des Regisseurs, der Regisseurin?

Sie wird in meinem Fall nicht durch Schreien erreicht. Sondern durch die Überzeugung, dass der künstlerische Dialog produktiver ist – und durch den Respekt vor der Leistung und den Kenntnissen aller Mitwirkenden. Die können so vieles, was ich nicht kann. Man muss den Mut haben, das eigene Nichtwissen oder Scheitern eingestehen zu können. Und verstehen, wie viel Verletzung jeder riskiert, der sich in der Kunst aussetzt. Die Bühne soll ein angstfreier Raum sein.