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Krimi der WocheIn der Wüste von Utah verschwinden Kinder

Voller Gewalt, aber gleichzeitig poetisch ist die Geschichte von James Anderson. Der Autor von «Lullaby Road» liess sich von Goethe und Rilke beeinflussen.

Schafft es Trucker Ben, den Kindern zu helfen?
Schafft es Trucker Ben, den Kindern zu helfen?
Foto: Getty Images

Der erste Satz

Eine vorübergehende Stille war alles, was den Übergang von Sommer zu Winter markierte.

Das Buch

Es ist Winter geworden in der Wüste von Utah. Doch eisige Stellen auf dem Highway 117 sind noch das kleinste Problem des Truckdrivers Ben Jones. Die Schwierigkeiten beginnen schon frühmorgens an der Tankstelle, wo ihn ein Kind mit Hund erwartet. In der Nachricht auf einem Zettel bittet ihn Pedro, ein Bekannter, seinen Sohn Juan heute in Obhut zu nehmen, da er «Riesenärger» habe. «Ich traue nur dir. Sag keinem was.» Um Bens Truck vollends zur rollenden Kita zu machen, taucht auch noch seine Nachbarin mit ihrem Kleinkind auf, zu dem er heute schauen soll, da sie andere Pläne hat.

Der neue Roman «Lullaby Road» von James Anderson wird dadurch weder kindisch noch harmlos. Denn es geht in einem Handlungsstrang um das Verschleppen und den Missbrauch von Kindern. Dann wird auch noch der Prediger, der mit einem grossen Kreuz auf dem Rücken den Highway entlang unterwegs ist, angefahren und schwer verletzt liegen gelassen. Und mittendrin der einfache Trucker Ben, der zu helfen versucht, wo er kann.

Seine zuweilen poetische Sprache verharmlost die brutale Gewalt der Geschichte keineswegs, sondern verstärkt ihre Wirkung noch.

Wie schon in «Desert Moon» (2018) faszinieren neben dem für einen Krimi aussergewöhnlichen Setting auch die Figuren, die in dieser Wüstengegend leben und die Ben mit lebensnotwendigen Gütern beliefert. Wer hier lebt, hat Gründe dafür, und Besucher werden schon mal mit der Waffe im Anschlag begrüsst. Hier ist jeder sich selbst der Nächste. «Die einzige Person, der man in der Wüste absolut nicht entkommen kann, ist man selbst», sagt James Anderson im Interview. Menschen würden zuweilen hierherkommen, «weil sie irgendetwas suchen», heisst es im Roman einmal, «und es manchmal sogar finden, obwohl es gar nicht da ist».

«Nicht nur durch das Setting, die Figuren und die Plots heben sich Andersons Romane markant von konventionellen Krimis ab, sondern auch durch ihre Sprache», schrieb ich im Nachwort zu «Lullaby Road». Tatsächlich erweist sich der Amerikaner, der auch Lyrik schreibt und als wichtigste literarische Einflüsse Goethe und Rilke nennt, erneut als herausragender Erzähler. Seine zuweilen poetische Sprache verharmlost die brutale Gewalt der Geschichte keineswegs, sondern verstärkt ihre Wirkung noch.

«Lullaby Road» ist ein harter Roman, der dunkle Seiten in den Menschen beleuchtet. Desert Noir. Und immer wieder stösst man bei der Lektüre auf beiläufige Aussagen, die einem, oft auch mit einem Augenzwinkern, unaufdringlich Einsichten oder Lebensweisheiten mit auf den Weg geben. Ein Lieblingssatz dieser Art: «Was dich nicht umbringt, macht dich nicht stärker oder gar schlauer, es wartet nur auf die zweite Chance.»

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★★
  • Spannung: ★★★★☆
  • Realismus: ★★★★☆
  • Humor: ★★★★☆
  • Gesamtwertung: ★★★★★

Der Autor

Erst mit 60 veröffentlichte Anderson seinen ersten Roman.
Erst mit 60 veröffentlichte Anderson seinen ersten Roman.
Foto: PD

James Anderson, geboren 1955 in Seattle im US-Bundesstaat Washington, ist in Oregon und im pazifischen Nordwesten der USA aufgewachsen. Er machte seinen Bachelor in Amerikanistik am Reed College in Portland, Oregon, und den Master in Creative Writing am Pine Manor College in Boston, Massachusetts.

Mit 19 veröffentlichte er zum ersten Mal ein Gedicht in einer Literaturzeitschrift; in der Folge publizierte er weitere Gedichte, Kurzgeschichten, Essays, Rezensionen und Interviews in verschiedenen Zeitschriften. 1974, noch während des Studiums, gründete er den Verlag Breitenbush Books, den er bis 1991 als Verleger und Cheflektor leitete.

Von 1995 bis 2002 war er Co-Produzent von Dokumentarfilmen, darunter der preisgekrönte Film «Tara’s Daughters» über tibetische Flüchtlingsfrauen mit Susan Sarandon als Erzählerin. Er arbeitete unter anderem auch als Holzfäller, Steinmetz, Fischer und kurz als Trucker.

Mit 60 veröffentlichte Anderson seinen ersten Roman, «The Never-Open Desert Diner» (Deutsch: «Desert Moon», 2018); er erschien 2015 im Kleinverlag Caravel Mystery Books und wurde 2016 vom Grossverlag Crown Publishers übernommen.

«Lullaby Road» (2018) ist sein zweiter Roman um den Truckdriver Ben Jones in der Wüste von Utah. Derzeit arbeitet er an einem dritten Band mit dem Arbeitstitel «The Red Highway Home». Er sieht die Reihe selbst eher als ein Triptychon denn als Trilogie.

Anderson lebt in Ashland, Oregon, und er hält sich immer wieder am Schauplatz seiner Romane in der «Four Corners»-Region im Südwesten der USA auf, wo die Bundesstaaten Utah, Colorado, New Mexico und Arizona aufeinandertreffen – übrigens das einzige Vierländereck in den USA.

James Anderson: «Lullaby Road» (Original: «Lullaby Road», Crown, New York 2018). Aus dem Englischen von Harriet Fricke. Mit einem Nachwort von Hanspeter Eggenberger. Polar-Verlag, Stuttgart 2020. 374 S., ca. 33 Fr.

1 Kommentar
    Daniel Vuilliomenet

    Das Wahnsinnige daran: Der Autor beschreibt fiktiv, was täglich wirklich passiert!