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Corona-PandemieIn Deutschland steigen die Zahlen wieder

Mehr Neuinfektionen, mehr Risikogebiete, Reproduktionszahl über 1: Kamen die ersten Lockerungen zu früh?

Aufstand gegen die deutsche Corona-Politik: In Stuttgart demonstrierten am Samstag 12’000 Menschen – trotz Versammlungsverbot und Abstandsgebot.
Aufstand gegen die deutsche Corona-Politik: In Stuttgart demonstrierten am Samstag 12’000 Menschen – trotz Versammlungsverbot und Abstandsgebot.
Foto: Getty Images

Eine Leitzahl der Virusverbreitung ist am Wochenende in Deutschland erstmals seit längerem wieder über den kritischen Wert 1 gestiegen. Die Reproduktionszahl betrage derzeit 1,10, gab das Robert-Koch-Institut (RKI) am Samstagabend an. Ein Infizierter stecke also etwas mehr als einen weiteren Menschen an. Einen höheren Wert hatte das RKI zuletzt am 13. April gemeldet. Am Mittwoch lag der R-Wert noch bei 0,65.

Der Trend ist wichtiger als eine Einzelzahl

Die Reproduktionszahl wird nicht gemessen, sondern kompliziert geschätzt, was mit einiger Unsicherheit behaftet ist. Das RKI erklärte denn auch, dass es derzeit nicht mit Sicherheit sagen könne, ob die Pandemie weiter abnehme oder bereits wieder zunehme. Eine einzelne Zahl sagt dabei weniger aus als der Trend. Der zeigte aber zuletzt nach oben: Ab Mittwoch stieg die R-Zahl von 0,71 und 0,83 auf 1,10. Am Sonntagabend lag der Wert noch höher, bei 1,13.

Ähnlich stand es um die Neuinfektionen. Während Deutschland bis Mittwoch fünfmal in Folge dreistellige Zahlen meldete – an zwei Tagen sogar weniger als 700 Fälle –, lagen diese zuletzt drei Tage lang über 1200. Am Sonntagabend wurden dann 667 Fälle gemeldet. Auch hier sagt eine einzelne Zahl wenig aus: Am Wochenende und Anfang der Woche melden die Gesundheitsämter stets weniger Fälle als Ende der Woche. Dennoch scheint der Trend auch hier beunruhigend. Derzeit überschreiten zudem fünf Landkreise die Obergrenze von 50 Neuinfektionen pro 100'000 Einwohner. Am Mittwoch war es noch einziger gewesen.

Epidemiologen sind beunruhigt

Epidemiologen nehmen die Entwicklung mit Beunruhigung wahr. Viele sehen sich in ihrer Ansicht bestätigt, dass die ersten Lockerungen vor zwei Wochen zu früh gekommen sind. Man hätte die Zahlen erst noch weiter drücken sollen, bevor man den Lockdown aufhebt.

Politik und Wirtschaft hatten aber vehement auf Lockerungen gedrängt. Wie diese sich auf die Infektionslage auswirken, bildet sich in den Zahlen erst nach etwa zwei Wochen ab. Am Mittwoch wurden jedoch bereits weitere, weitreichende Öffnungsschritte beschlossen – mit Verweis auf die damals noch erfreulichen Zahlen. Umfragen zeigen, dass die Zustimmung der Bevölkerung zu Einschränkungen zuletzt deutlich abgenommen hat. Bewegungsdaten wiederum belegen, dass die Mobilität der Menschen wieder markant zunimmt.

Proteste quer durch Deutschland

Am Samstag demonstrierten trotz Verboten quer durch Deutschland wieder Tausende gegen Corona-Beschränkungen: Zwischen 5000 und 10’000 waren es in Stuttgart, 3000 in München, 1200 in Berlin. Bürger, die mit der Politik der Regierung nicht einverstanden sind, mischten sich mit Impfgegnern, Verschwörungstheoretikern, Neonazis und Linksextremisten. «Freiheit», «Widerstand», «Wir sind das Volk» waren gängige Parolen.

«Was uns alarmiert, ist der Versuch von Extremisten, die Proteste zu kapern.»

Georg Maier (SPD), Innenminister von Thüringen

Die zunehmende Verbreitung von Verschwörungstheorien rund um die Epidemie alarmiert derweil die Behörden. Der thüringische Innenminister Georg Maier (SPD) sagte dem «Spiegel»: «Die Vorstellung, dass die Pandemie bewusst herbeigeführt wurde, um das Volk zu kontrollieren, reicht bis weit in die Mitte der Gesellschaft.» Natürlich dürften Bürger Kritik üben. «Was uns alarmiert, ist der Versuch von Extremisten, die Proteste zu kapern.»