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Stefan Bissegger siegt bei Paris–NizzaIn einer Bruchbude bereitete er sich auf seinen Coup vor

Der erst 22-jährige Thurgauer gewinnt das Zeitfahren der Rundfahrt Paris–Nizza. Ob es am Fremdenzimmer, der Fahrtechnik oder an seiner Windschlüpfrigkeit lag?

Lag es an seiner Windschlüpfrigkeit? So schmal wie Stefan Bissegger kann sich laut seinem Teamchef Jonathan Vaughters kein anderer Fahrer machen.
Lag es an seiner Windschlüpfrigkeit? So schmal wie Stefan Bissegger kann sich laut seinem Teamchef Jonathan Vaughters kein anderer Fahrer machen.
Foto: Keystone

Wenn ein Franzose in Frankreich eine Fremdsprache bemüht, ist etwas Ausserordentliches vorgefallen. Genau dies geschieht an diesem Nachmittag in Gien, einem schmucken Städtchen an der Loire. «Vielen Dankeschön, Stefan!» sagt der Speaker im Ziel an die Adresse von Stefan Bissegger. Es ist das Kommando für den 22-Jährigen, um wieder vom Podium herunterzusteigen. Denn der Thurgauer ist gleich doppelt gefordert. Erst wird er mit mehreren Preisen für seinen Etappensieg bei Paris–Nizza geehrt. Um dann mit dem nächsten Aufruf erneut auf die Bühne zu steigen, nun im gelben Leadertrikot und dem gelben Plüschlöwen des Hauptsponsors. Und erneut: «Vielen Dankeschön, Stefan!»

Ein Schweizer Etappensieg bei Paris–Nizza, der ersten wichtigen Rundfahrt im europäischen Rennkalender, ist nicht etwas, das alle Tage eintritt. In den vergangenen 20 Jahren passierte es vier Mal: 2013 siegte Michael Albasini, 2006 Markus Zberg, 2005 Fabian Cancellara und 2001 Alex Zülle.

Bisseggers Erfolg im Zeitfahren kommt nicht völlig überraschend, zumindest nicht für sein näheres Umfeld. «Er hat gewonnen? Das war das Ziel», lautet die erste, ziemlich abgeklärte Reaktion seines Trainers Marcello Albasini auf die frohe Botschaft. An der UAE-Tour vor zwei Wochen war Bissegger in der Prüfung gegen die Uhr einzig Weltmeister Filippo Ganna unterlegen – der Italiener ist nun bei Paris–Nizza nicht dabei. Hingegen lässt Bissegger Grössen wie Primoz Roglic oder den zweifachen Weltmeister Rohan Dennis klar hinter sich. Einzig im Duell mit dem Franzosen Rémi Cavagna benötigt er Glück: Dieses geht um 83 Hundertstelsekunden zu Gunsten von Bissegger aus.

«Du gehörst technisch zu den Besten»

Was da die Differenz ausmacht? Da gibt es viele Möglichkeiten. Vielleicht war es das Fremdenzimmer, das sein Team EF Education-Nippo für ihn für den Renntag bei einer Familie in Gien reserviert hat. So kann sich Bissegger in Ruhe auf seine Aufgabe vorbereiten, auf dem Bett liegend und ein paar Folgen von «House of Cards» schauend. «Das Haus war zwar etwas eine ‹Bruchbude› und ziemlich kalt. Aber ich konnte abschalten», sagt Bissegger.

Vielleicht ist es sein Strömungswiderstandskoeffizient (CdA), der die Windschlüpfrigkeit ausdrückt. EF Education-Nippo-Teamchef Jonathan Vaughters twittert nach dem Sieg, dass ihm kein Fahrer mit einem tieferen CdA bekannt sei, der also windschlüpfriger ist als Bissegger.

Vielleicht ist es aber auch seine brillante Fahrtechnik auf dem sehr technischen Parcours. «Du gehörst technisch zu den Besten. Da kann dir niemand Paroli bieten», hat ihm Trainer Albasini mit auf den Weg gegeben.

Zwei Spitzenzeitfahrer, beides Thurgauer, beide mit Vornamen Stefan

Neben den herausragenden physischen Voraussetzungen ist es dieser enorme Rennfahrerinstinkt, der Albasini beeindruckt. «Ich kenne seine Leistungsdaten, von da her überrascht mich der Sieg nicht», sagt der 63-Jährige. «Aber du musst die Leistung auch erst noch abliefern. Er hat einen enorm starken Kopf. Unglaublich.»

Erfolgreicher Arbeitstag: Stefan Bissegger präsentiert sich als neuer Leader von Paris–Nizza.
Erfolgreicher Arbeitstag: Stefan Bissegger präsentiert sich als neuer Leader von Paris–Nizza.
Foto: A.S.O./Fabien Boukla

Mit 22 einen Worldtour-Sieg, damit stösst Bissegger, wenn auch sachte, in Sphären vor, die man in der Schweiz zuletzt nur von Marc Hirschi kannte, der nur einen Monat älter ist als der Thurgauer. Und natürlich drängt sich auch der Vergleich mit dem anderen grossen Zeitfahrer auf, Thurgauer wie er, ebenfalls auf Stefan getauft. Albasini, der Stefan Küng und Bissegger gut kennt, sagt: «Bissegger ist aggressiver, ein junger Draufgänger, fährt einfach Velo, Punkt. Küng dagegen ist für mich nicht ein reiner Zeitfahrer, mehr der Classique-Fahrer.»

«Wenn ich in Flandern oder Roubaix gewinnen könnte, wäre das genial»

Wobei sich auch Bissegger so ähnlich sieht. Es gehört zu dieser neuen Rennfahrergeneration, dass sie nicht klein denkt, dass sie ihren Zielen keine Schranken setzt. Bissegger wird nach Paris–Nizza, wo er das Leadertrikot auf der Bergetappe am Mittwoch kaum wird verteidigen können, alle Frühjahrsklassiker bis und mit Paris–Roubaix bestreiten.

«Ich versuche, für diesen Monat in Topform zu kommen. Die Flandernrundfahrt und Roubaix sind megaschön und megagross. Wenn ich eines von den Rennen gewinnen könnte, wäre das genial», sagt er. Nachfrage: Also Sie meinen irgendwann in Ihrer Karriere? «Egal wann – der Sieg ist immer das Ziel. Möglich ist es immer.»

Was wohl die französische Steigerungsform von «Vielen Dankeschön» ist?