AboInterview zum Ferienverkehr«In Italien kann es vier Stunden dauern, bis Hilfe kommt»
Mehr Autos als je zuvor werden im Juli und August Richtung Mittelmeer fahren. TCS-Direktor Jürg Wittwer warnt vor überlasteten Pannendiensten – und gibt Tipps, wann und wie man am sichersten unterwegs ist.

Herr Wittwer, der TCS bereitet sich auf einen herausfordernden Sommer vor. Was ist dieses Jahr speziell?
Die Schweizerinnen und Schweizer wollen endlich wieder reisen. Gemäss unserer aktuellen Umfrage sind 70 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass es heute trotz Corona sicher ist, die Ferien im Ausland zu verbringen. Aber noch werden die öffentlichen Verkehrsmittel eher gemieden. Unter anderem wegen des Chaos an zahlreichen Flughäfen und den gestrichenen Flügen entscheiden sich viele fürs Auto. Wir gehen davon aus, dass Ferien mit dem Auto diesen Sommer populärer sind denn je.
Welche Länder werden besonders vom Reiseverkehr betroffen sein?
Italien, Frankreich, Spanien und Portugal. Probleme wird es wohl auch in Kroatien geben. Zudem besteht in unseren nördlichen Ländern derselbe Trend; all dieser Verkehr sammelt sich dann an der Mittelmeerküste.
Was macht dem TCS am meisten Sorgen?
Je länger die Fahrt, desto grösser ist die Möglichkeit einer Panne. Derzeit verfügen Garagen und Abschleppdienste im Ausland jedoch über zu wenig Personal, um den Ansturm zu bewältigen. Zudem funktionieren die internationalen Lieferketten nicht, das heisst, es mangelt an Ersatzteilen und an Mietwagen für die Weiterfahrt.
Wo wird die Situation vor allem prekär?
Ganz klar in Italien. Wir erwarten, dass es zu Spitzenzeiten sehr schwierig sein wird, einen lokalen Pannendienst aufzubieten. Es kann locker bis zu vier Stunden dauern, bis Hilfe kommt. Deshalb mein Rat: Unbedingt genug Flüssigkeit und Spielsachen für die Kinder mitnehmen. Sorgen macht uns auch, dass wir in Italien und Spanien mit hoher Wahrscheinlichkeit Mühe haben werden, Ersatzautos zu beschaffen.
In welchem Zeitraum rechnen Sie mit dem grössten Verkehrsaufkommen?
Mitte Juli bis Mitte August ist sicher die verkehrsreichste Zeit. Aber in einigen deutschen Bundesländern beginnen die Ferien dieses Wochenende, und in ganz Frankreich am Wochenende darauf. Mein Tipp: Die Website des Montblanc-Tunnels (www.atmb.com) konsultieren, die anzeigt, wie lange man auf die Durchfahrt warten muss. Sie ist ein guter Indikator dafür, was auf europäischen Strassen los ist, denn durch diesen Tunnel fahren alle, Franzosen, Deutsche und Holländer.

Raten Sie davon ab, diesen Sommer gewisse Regionen mit dem Auto zu bereisen?
Grundsätzlich kommt man überall mit dem Auto hin, man muss sich einfach vorbereiten.
Das heisst?
Vor allem sollte man Pannen verhindern, indem man das Auto checkt, insbesondere den Ölstand, die Batterie und das Reserverad prüfen lässt. Unterwegs sollte man nicht bis zum letzten Tropfen warten, bevor man eine Tankstelle sucht – fehlender Treibstoff ist ein häufiger Pannengrund. Und man soll generell nicht schnell unterwegs sein, enge Parkplätze meiden und, was leider oft passiert, nicht mit Tempo 50 über Betonschwellen auf Strandstrassen fahren.
«Eine Autopanne im Ausland ist enorm stressig, das darf man nicht unterschätzen.»
Welche Tage oder Zeiten eignen sich am besten für die Fahrt in den Süden?
Es reicht nicht, am Freitag zwei Stunden früher aus dem Büro zu gehen und dann loszufahren – spätestens am Gotthard stellt man fest, dass man nicht als Einziger diese Idee hatte. Wenn man wirklich zügiger reisen möchte, sollte man die Ferien zum Beispiel von Mittwoch bis Mittwoch nehmen.
Wie kann der TCS bei einer Panne im Ausland helfen?
Eine Autopanne im Ausland ist enorm stressig, das darf man nicht unterschätzen. Autos hupen, die Sonne brennt, man versteht die Sprache nicht – da ist man froh, wenn man auf Schweizerdeutsch Hilfe holen kann. Wir organisieren alles, auch das Hotel, wenn kein Ersatzwagen verfügbar ist. Und wenn nötig verhandeln wir mit dem Pannendienst vor Ort in der jeweiligen Landessprache.
Viele Schweizer fahren mittlerweile ein Elektroauto. Sind die Länder im Süden auf den E-Boom vorbereitet?
Sicher verfügen die südlichen Länder über ein weniger dichtes Ladenetz. Mit einer guten Planung kommt man jedoch überall hin. Der TCS hat eine App mit 35’000 Ladestationen, zudem kann ein kleiner Ratgeber für Reisen mit dem E-Auto bei uns bestellt oder an den Kontaktstellen abgeholt werden.
Muss man im Süden eigentlich nach wie vor befürchten, das Auto werde ausgeräumt?
Tatsächlich ist Italien noch immer das Land mit den meisten Autodiebstählen in Europa. Allgemein sind Gelegenheitsdiebe überall dort, wo Touristen sind. Deshalb soll man vernünftig und vorsichtig sein und keine Wertsachen im Auto liegen lassen.
Sie haben sich neu einen Camper angeschafft, wohin führt Ihr Roadtrip im Sommer?
Ich habe einen Mercedes Sprinter 4x4, und ich liebe ihn. Die Campingbusse, die in den letzten Jahren zu Tausenden angeschafft wurden, sorgen nun natürlich für zusätzlichen Verkehr. Diesen Sommer möchte ich den Balkan runterfahren, nicht der verkehrsreichen Küste nach, sondern im Hinterland von Slowenien über Kroatien, Bosnien, Kosovo, Mazedonien bis nach Griechenland.
Für all jene, die auf Sommerferien im Ausland verzichten: Wie ist die Situation auf den TCS-Campingplätzen, findet man noch einen Platz?
Die Anlagen an Seen oder Flüssen und jene mit grossen Pools sind ausgebucht. In den Bergen gibt es jedoch noch freie Plätze, ebenso in den Campings an Durchgangsstrassen Richtung Süden. Ob man dort Ferien verbringen möchte, ist eine andere Frage. Wir haben jetzt schon 90 Prozent mehr Buchungen als 2019, das ebenfalls ein gutes Jahr war – es ist unglaublich.

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