In San Fernando geht ein Serienvergewaltiger um

Krimi der Woche: Detective Harry Bosch wurde zwar in Rente geschickt, doch Michael Connelly lässt ihn im brillanten Roman «Die Verlorene» weiter ermitteln.

Packend verwebt Connelly verschiedene Handlungsstränge und streut wie beiläufig Fakten aus Geschichte und Gegenwart  ein, vom Vietnamkrieg bis zur Gentrifizierung.

Packend verwebt Connelly verschiedene Handlungsstränge und streut wie beiläufig Fakten aus Geschichte und Gegenwart ein, vom Vietnamkrieg bis zur Gentrifizierung. Bild: Philippe Matsas/Agence Opale

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Der erste Satz

«Sie stürmten aus dem Schutz des Elefantengrases auf die Landezone zu.»

Das Buch
Es gibt Romanserien, die sich mit der Zeit totlaufen. Die Reihe von Michael Connelly mit Detective Harry Bosch gehört nicht dazu, wie der inzwischen 21. Band, «Die Verlorene», beweist. Man hat immer wieder mal das Gefühl, der amerikanische Autor wolle es mit einem anderen Protagonisten versuchen. So schuf er 2005 den «Lincoln Lawyer» Mickey Haller. Der sich dann aber schon bald als Halbbruder von Bosch erwies und nach fünf Romanen nur noch als Nebenfigur in den Bosch-Geschichten auftaucht. Im letzten Jahr schuf Connelly eine neue Protagonistin, die Detektivin Renée Ballard vom Los Angeles Police Department. Doch in Connellys neuestem Roman, der in den USA soeben erschienen ist, tritt sie neben Bosch auf.

Dabei ist Bosch längst im Rentneralter. Nachdem er erfolglos gegen seine Pensionierung durch die Polizei von Los Angeles geklagt hat, arbeitet er teils als selbstständiger Ermittler und teils als ehrenamtlicher Reservist beim Police Department in der Kleinstadt San Fernando. Dort ist man von Budgetkürzungen geplagt und froh um den engagierten Vollprofi. In San Fernando versucht er mit einer Kollegin, einem unheimlichen Serienvergewaltiger auf die Spur zu kommen. Parallel dazu sucht er privat für einen alten Milliardär aus Pasadena einen Nachkommen, den er im jugendlichen Alter gezeugt hatte.

Spielerisch leicht wirkt die Art, wie Connelly nicht nur die verschiedenen Handlungsstränge zu einer packenden Story verbindet, sondern wie beiläufig auch Fakten aus Geschichte und Gegenwart des Landes einfliessen lässt. Der Krieg in Vietnam ist eines dieser Nebenthemen; sowohl der Nachkomme des Milliardärs als auch Harry Bosch waren in den 1960ern als Soldaten dort. Als Boschs Tochter ihn des Rassismus bezichtigt, weil er nicht vietnamesisch essen gehen mag, muss er ihr erklären, weshalb. Er war als sogenannte Tunnelratte in den berüchtigten unterirdischen Gängen des Vietcong im Einsatz. Und da die Gegner ihn gerochen hätten, wenn er amerikanisch gegessen hätte, musste er sich zwei Jahre lang von lokaler Kost ernähren. Sparmassnahmen im öffentlichen Dienst und Gentrifizierung sind aktuelle Themen, die Connelly streift.

Der Roman «Die Verlorene», der im Original den schönen Titel «The Wrong Side of Goodbye» trägt, zeigt eindrücklich, wieso der 62-jährige Michael Connelly zu den Grossen der amerikanischen Kriminalliteratur zählt. Der brillante Erzähler hat in den letzten 26 Jahren 32 Romane veröffentlicht; seit 24 Jahren erscheinen diese auch auf Deutsch. «Ach, schon wieder ein Connelly», habe ich in all diesen Jahren nie gedacht, sondern mich jedes Mal auf ein neues Werk gefreut. Und ich wurde nie enttäuscht.

Die Wertung

Der Autor
Michael Connelly, geboren 1956 in Philadelphia, entdeckte während seiner Highschool-Zeit in Florida die Romane von Raymond Chandler und wollte daraufhin auch Autor werden. Er studierte Journalismus und Kreatives Schreiben an der University of Florida in Gainesville und arbeitete dann als Reporter in Florida. 1986 publizierte er mit zwei Kollegen eine Serie über die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes in Florida, für welche die Autoren für den Pulitzer-Preis nominiert wurden. Als Folge davon wurde Connelly Polizeireporter bei der renommierten «Los Angeles Times». 1992 publizierte er den ersten Roman um den LAPD-Detective Hieronymus «Harry» Bosch, woraus eine höchst erfolgreiche Serie wurde, die inzwischen 22 Bände umfasst; zudem tritt Bosch auch in zwei Romanen der fünfteiligen Serie um Rechtsanwalt Mickey Haller («The Lincoln Lawyer») auf. 2017 führte Connelly mit der LAPD-Detektivin Renée Ballard eine neue Protagonistin ein. Mit «Der Poet» schuf Connelly 1996 einen herausragenden Serienkillerroman, bevor dieses Sujet populär wurde; die FBI-Ermittlerin Rachel Walling aus diesem Roman trat in der Folge als Nebenfigur auch in mehreren Bosch-Romanen auf. Connelly wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet. Zwei seiner Romane wurden fürs Kino verfilmt: «Blood Work» 2002 von Clint Eastwood und «The Lincoln Lawyer» 2011 mit Matthew McConaughey als Mickey Haller. Seit 2014 produziert Amazon die TV-Serie «Bosch», die auf Connellys Romanen basiert. Michael Connelly lebt mit seiner Familie in Kalifornien und Florida.

Michael Connelly: «Die Verlorene» (Original: «The Wrong Side of Goodbye», Little, Brown and Company, New York, 2015). Aus dem Englischen von Sepp Leeb. Droemer, München, 2018. 444 S., ca. 33 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2018, 11:39 Uhr

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