Zum Hauptinhalt springen

Delhi und Washington gegen PekingIndien ist auf den Goodwill Joe Bidens angewiesen

Der indische Premier Modi will zusammen mit den USA die Macht Chinas eindämmen. Doch Joe Biden dürfte – anders als Donald Trump – den autoritären Stil des Inders kritisieren.

Indien ist stolz auf die künftige US-Vizepräsidentin: Kamal Harris hat familiäre Wurzeln in dem Land.
Indien ist stolz auf die künftige US-Vizepräsidentin: Kamal Harris hat familiäre Wurzeln in dem Land.
Foto: Niharika Kulkarni (Reuters)

Von den Begegnungen zwischen Narendra Modi und Donald Trump bleiben bizarre Momente in Erinnerung. Einmal griff der bärtige Inder nach der Rechten des Amerikaners und klopfte ihm auf den Handrücken und prustete los, weil der US-Präsident gerade einen Witz gerissen hatte. Trump revanchierte sich vor laufenden Kameras mit einem lässigen Stups gegen Modis Arm, es sollte so aussehen, als wären diese beiden schon ganz alte Kumpel.

Jeder hatte seine eigenen Gründe, sich so zu inszenieren. Trump wollte Modi dafür einspannen, Wählerstimmen der indischen Diaspora in den USA zu sammeln. Den Sieg Joe Bidens hat dieses Manöver nicht verhindert. Der indische Premier wiederum sah in Auftritten mit dem US-Präsidenten eine Gelegenheit, sich vor seinem Volk als ein Staatenlenker von Weltrang zu präsentieren.

Indiens Premier präsentiert sich gerne als Staatenlenker von Weltrang: Narendra Modi bei einem Besuch Donald Trumps im Februar.
Indiens Premier präsentiert sich gerne als Staatenlenker von Weltrang: Narendra Modi bei einem Besuch Donald Trumps im Februar.
Foto: Al Drago (Reuters)

Viel stärker als Trump aber erkannte Modi auch den geostrategischen Nutzen, der sich aus einer engeren Partnerschaft mit Washington ergab. Daran wird Indien anknüpfen wollen, wenn nun ein neuer US-Präsident ins Weisse Haus einzieht.

«Sowohl Joe Biden als auch sein designierter Aussenminister Antony Blinken haben den klaren und uneingeschränkten Wunsch geäussert, engere Beziehungen mit Indien aufzubauen», sagt Ashutosh Varshney, Politologe an der Brown University in den USA. Der wichtigste Grund für den Schulterschluss liegt in Fernost. Washington und Delhi eint das gemeinsame Ziel, Pekings Einfluss und Macht in der Welt einzudämmen.

Blinken kritisierte, dass Peking seine ökonomische Macht ausnutze, um andere unter Druck zu setzen.

Modi schnitt das Thema unmittelbar nach seinem ersten Telefonat mit Biden an. Neben dem Klimawandel und der Pandemie nannte er in einem Tweet «die Zusammenarbeit in der indopazifischen Region» als Priorität. Auch wenn China nicht direkt genannt ist, so ist dies doch eine Formulierung, die keinen Zweifel an der Stossrichtung zulässt.

In einer Wahlkampfrede wurde auch Blinken deutlich: Er warnte vor einem «durchsetzungsfähigen China», das unter anderem «Aggression gegenüber Indien» gezeigt habe. Der künftige US-Aussenminister zeichnete China als ein Land, das internationale Regeln ignoriere, um eigene Interessen zu befördern. Blinken kritisierte, dass Peking seine ökonomische Macht ausnutze, um andere unter Druck zu setzen. Und er beklagte sich, dass Peking «unbegründete maritime und territoriale Ansprüche» durchdrücke.

Betrachtet Indien als Schlüsselpartner: Der designierte Aussenminister Antony Blinken.
Betrachtet Indien als Schlüsselpartner: Der designierte Aussenminister Antony Blinken.

Vor diesem Hintergrund bezeichnete Blinken Indien als Schlüsselpartner, was Modi gerade in diesen Zeiten begrüssen wird. Für Indien bildet die Konfrontation mit chinesischen Truppen im Himalaja derzeit eine besonders schwer kalkulierbare Bedrohung. Zwar ist Modi innenpolitisch gefestigt, seine Dominanz unangefochten. Doch aussenpolitisch hat er gleich mehrere Rückschläge erlebt.

Beim asiatischen Handelspakt Regional Comprehensive Economic Partnership, kurz RCEP, zog Delhi nicht mit, um die heimische Wirtschaft vor Konkurrenz zu schützen. Dafür aber zahlt Delhi einen hohen Preis. Indien schottet sich ab von seinen Nachbarn, obwohl es seinen Einfluss dort eigentlich ausweiten wollte.

Risiko eines Zwei-Fronten-Krieges

Am schwersten aber wiegt, dass China Indien mit seinem Vorstoss im Himalaja überrumpelt hat, die Allianz Pekings mit Pakistan birgt zudem das Risiko eines Zwei-Fronten-Krieges im Norden und Westen. Im Falle einer militärischen Eskalation wäre Modi bald auf den Beistand der USA angewiesen, so wie einst Jawaharlal Nehru schon John F. Kennedy zu Hilfe rief, als Delhi im indisch-chinesischen Krieg 1962 immer stärker unter Druck geraten war. Zur US-Intervention kam es schliesslich nicht, weil Peking seine Truppen zurückzog.

Inzwischen ist China viel mächtiger, und die zwei Länder sind angesichts ihrer geopolitischen Interessen stärker aufeinander angewiesen denn je. Doch anders als Trump dürfte die Biden-Regierung sich für einige Themen interessieren, die Modi lieber umschiffen würde. Indiens Minderheiten sehen sich stärkerer Verfolgung ausgesetzt, seit die hindu-nationalistische Partei BJP regiert, die Toleranz schwindet, Presse- und Meinungsfreiheit leiden unter dem zunehmend autoritären Klima. Blinken hatte es schon als «echte Sorge» bezeichnet, wie die indische Regierung Freiheiten in Kashmir beschnitt.

Kamala Harris könnte für Modis Lager eine unbequeme Gesprächspartnerin werden.

«Indien kann es sich nicht leisten, Amerika zu verprellen», sagt Südasien-Experte Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Das Land wird sich Kritik aus Washington nicht ganz entziehen können, wenn es um Menschenrechte und die Diskriminierung von Minderheiten geht. «Man darf allerdings gespannt sein, wie das aus Washington gespielt wird», sagt Wagner.

Für den Indien-Experten Varshney ist klar: «Wenn der Streit um Menschenrechte öffentlich geführt wird, versauert das die Beziehungen.» So herrscht unter Experten die Einschätzung vor, dass die Amerikaner versuchen werden, diese Reibungspunkte in Verhandlungen hinter verschlossener Tür zur Sprache zu bringen. «Das wird sicher geschehen», glaubt Varshney, denn das unterscheide die Demokraten schliesslich von Donald Trump, der sich um solche Prinzipien niemals kümmerte.

Hat eine indische Mutter: Die designierte Vizepräsidentin Kamala Harris.
Hat eine indische Mutter: Die designierte Vizepräsidentin Kamala Harris.
Foto: Tom Brenner (Reuters)

Womöglich wächst dabei der designierten Vizepräsidentin Kamala Harris, die eine indische Mutter hat, eine besondere Rolle zu. Für Modis Lager könnte sie eine unbequeme Gesprächspartnerin werden. Ähnlich wie Blinken hat sie sich kritisch zur Kashmir-Politik Modis geäussert. Offen bleibt, wie viel das bewegen kann, um Minderheiten zu schützen, Freiheitsrechte zu fördern und die Menschenrechtslage in Indien zu verbessern. Zumal das übergeordnete Interesse geostrategisch ist.

«Die Notwendigkeit, eine gemeinsame Strategie im Umgang gegenüber China zu verfolgen, könnte dazu führen, dass die USA auch über manche innenpolitischen Hässlichkeiten der Modi-Regierung hinwegsehen», sagt Experte Wagner. Ein solches Szenario würde dann an Zeiten des Kalten Krieges erinnern, in denen sich die Vereinigten Staaten an autoritären Regimen nicht störten, solange sie als Bollwerk gegen Moskau dienten. Nur dass der Rivale nun eben China ist.