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«Viele Leute haben die Nase voll»

Das Alter sei bloss einer von mehreren Risikofaktoren für Arbeitslosigkeit, sagt Experte Pascal Scheiwiller. Einen verschärften Kündigungsschutz lehnt er ab.

Eine Mitarbeiterin des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) berät am Schalter eine Frau. (Gestellte Szene)
Eine Mitarbeiterin des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) berät am Schalter eine Frau. (Gestellte Szene)
Peter Klaunzer, Keystone

Bereits das fünfte Jahr in Folge steigt die Zahl der registrierten Arbeitslosen über 50: von 30'000 auf rund 40'000. Sind Sie alarmiert?

Nein. Ich orientiere mich seit jeher nicht an den vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) veröffentlichten Arbeitslosenzahlen. Damit ist das Seco nur in der Lage, die konjunkturelle Arbeitslosigkeit zu erfassen. Denn die Arbeitslosenstatistik beinhaltet nur die von den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldeten Arbeitslosen. Über die strukturelle Arbeitslosigkeit lässt sich keine Aussage machen. Das ist ein grosses Problem. Ich schätze, dass die reale Altersarbeitslosigkeit bis zu dreimal höher ist.

Welche Menschen fehlen in der Statistik?

Zu den offiziellen Arbeitslosenzahlen müsste man auch die nicht gemeldeten Arbeitssuchenden und Ausgesteuerten hinzuzählen. Diese Daten gibt es nur bei den Gemeinden und Sozialämtern. Statt 3 bis 4 Prozent hätten wir dann nach unseren Schätzungen eine Arbeitslosenquote von 8 bis 9 Prozent in der Schweiz. Diese Zahl alarmiert mich. Damit wären wir nur noch besseres europäisches Mittelmass.

Während das Eidgenössische Wirtschaftsdepartement von einem «insgesamt positiven Bild» spricht, macht sich in den Leserkommentarspalten Empörung breit. Übertreiben die Medien die Altersarbeitslosigkeit?

Ja und nein. Viele Leute haben die Nase voll, fast jeden Tag in der Zeitung über den Fachkräftemangel zu lesen, während sie trotz ihres akademischen Abschlusses keine Anstellung finden. Dies gilt für Ingenieure oder IT-Leute, deren Profil nicht mehr den Anforderungen der Unternehmen entspricht. Dass sich da der Frust entlädt, verstehe ich.

Das Beispiel eines Arbeitssuchenden: Seit bald zwei Jahren bekommt der 50-jährige Stephan Leuthold nur Absagen, obwohl er viel Erfahrung mitbringt. (Video: sda)

Und was missfällt Ihnen?

Die aktuellen Diskussionen rund um die Altersdiskriminierung sind teils übertrieben. Bei unserem Unternehmen haben wir eine grosse Mehrheit Ü-50, die gut positioniert sind und auch sofort wieder einen neuen Job finden. Gleichzeitig gibt es auch jüngere Arbeitslose, die grosse Mühe damit hatten. Das Alter ist bloss einer von mehreren Risikofaktoren, welche die Arbeitsmarktfähigkeit bestimmen.

Heute fand bereits zum dritten Mal unter der Leitung von Bundesrat Johann Schneider-Ammann die nationale Konferenz zum Thema ältere Arbeitnehmende statt. Kommt Ihnen eine Massnahme in den Sinn, die etwas bewirkt hat?

Nein – und das ist auch gut so. Ich halte nicht viel von staatlichen Massnahmen. Diese sind meist gut gemeint, bewirken aber aus Erfahrung das Gegenteil und viel Bürokratie. Ein verschärfter Kündigungsschutz wäre das Dümmste, weil er höchstens kurzfristig wirkt: Er senkt die Arbeitsmarktfähigkeit und Attraktivität älterer Mitarbeiter massiv. In erster Linie müssen die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber selber aktiv werden.

Nun, nicht nur Linken, sondern auch Bürgerlichen ist der Geduldsfaden gerissen: FDP-Ständerat Philipp Müller sagte kürzlich dem «Tages-Anzeiger», dass sich Arbeitgeber nicht wundern müssten, wenn mangels Taten Mehrheiten für eine Verankerung eines besseren Kündigungsschutzes im Gesetz entstehen würden.

Ich bin teilweise einverstanden. Als die Ü-50-Arbeitslosigkeit vor etwa fünf Jahren zunehmend in die Öffentlichkeit rückte, wurde das Thema anfangs von der Arbeitgeberseite komplett negiert. Und jetzt, da sich Anzeichen für die wachsende Altersarbeitslosigkeit mehren und der öffentliche Druck steigt, haben die Unternehmen ein wirtschaftliches Interesse zu handeln. Ich kenne Konzerne, die aus Angst vor einem Reputationsschaden alles unternehmen, möglichst keine älteren Angestellten zu entlassen, und dafür interne Alternativen für sie suchen. Gleichzeitig steht die Förderung der Agilität der Mitarbeiter auf der Agenda der Konzerne. Es geht darum, die Beweglichkeit der Mitarbeiter so zu fördern, dass sie flexibel neu eingesetzt werden können.

Trotzdem: Die Tatsache, dass sich das Wirtschaftsdepartement dagegen entschieden hat, den Kündigungsschutz überhaupt an der heutigen Konferenz zu traktandieren, ist doch ein schlechtes Signal?

Ja, aber man muss auch verstehen, dass die Arbeitgeberverbände und das Departement von Bundesrat Johann Schneider-Ammann grosse Angst vor dieser Diskussion haben. Nach der Debatte um eine Lohndeckelung, der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative und nun der Ablehnung der Unternehmenssteuerreform III ist die Unternehmenswelt in der Schweiz sehr verunsichert. Wenn jetzt hochoffiziell über eine Verschärfung des Kündigungsschutzes diskutiert würde, wäre das Gift für die Rechtssicherheit und den Wirtschaftsstandort.

Es geht ja nicht um den absoluten Kündigungsschutz. Zum Beispiel kennt der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Basler Chemie- und Pharmaindustrie ab 45 eine Kündigungsfrist von sechs statt drei Monaten.

Einheimische Unternehmen können zwischen diesen Abstufungen unterscheiden, aber eine ausländische Konzernzentrale würde dies sofort als Angriff auf die liberale Marktordnung des Schweizer Arbeitsmarktes verstehen. Klar kann man noch kündigen, aber es macht Strukturanpassungen langsamer und teurer. Und ausserdem machen solche Massnahmen auf freiwilliger Basis für gewisse Branchen und Unternehmen Sinn, für andere nicht.

Teilen Sie die Hoffnung, dass der Inländervorrang light zu einer Verbesserung der Lage der Ü-50 führen wird?

Nein, die Situation wird sich damit grundsätzlich nicht ändern. Die Unternehmen werden sich darauf einstellen und wie früher Lösungen finden, um diese Hürden zu umgehen.

... und wie lösen wir uns das Problem der Altersarbeitslosigkeit? Jeder für sich alleine?

Genau, die Eigenverantwortung ist der wichtigste Schlüssel zum Erfolg. Weniger Staat bedeutet ja nicht komplette Schutzlosigkeit. Der Einzelne darf nicht den Eindruck bekommen, dass der Staat ihm alle Sorgen abnimmt. Denn damit wird die wichtigste Energie, um wieder eine Stelle zu finden, neutralisiert. Es braucht also Hilfe zur Selbsthilfe.

Das wird ja seit Jahren von den Bürgerlichen gepredigt. Haben Sie einen konkreten Lösungsansatz, damit künftig auch ältere IT-Fachleute nicht ihren Job verlieren?

Die Firmen sollten laufend Mitarbeiter darin unterstützen, kontinuierlich Standortbestimmungen durchzuführen, und ihnen Informationen zur Entwicklung von Markt, Branche und Unternehmen zur Verfügung stellen. In einer offenen Kommunikationskultur kann die Arbeitsmarktfähigkeit damit laufend mit Vorgesetzten besprochen werden. Ausserdem brauchen Mitarbeiter Mittel, allfällige Bildungs- und Erfahrungslücken zu schliessen.

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