Senioren am Steuer erst ab 75 zum Arzt – trotz hoher Unfallquote

Ältere Lenker müssen künftig 5 Jahre später zur Fahrtauglichkeitsprüfung. Laut Unfallstatistik ist das keine gute Idee.

Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) sind Autofahrer ab 70 Jahren überdurchschnittlich oft in Unfälle verwickelt. (Symbolbild)

Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) sind Autofahrer ab 70 Jahren überdurchschnittlich oft in Unfälle verwickelt. (Symbolbild) Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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In der Verkehrspolitik stehen die Zeichen aktuell auf Deregulierung. Nach dem Nationalrat hat sich heute auch der Ständerat für die Aufhebung des seit über 50 Jahren geltenden Alkoholverbots in Autobahnraststätten ausgesprochen. Der Bundesrat unterstützte die Motion, weil die meisten Unfälle nicht auf Autobahnen, sondern innerorts geschähen.

Im August schlug das Bundesamt für Strassen (Astra) vor, dass Automatikfahrer künftig ohne zusätzliche Prüfung auch Gänger steuern dürfen. Begründung: Angesichts der zunehmenden Elektrifizierung der Fahrzeuge würde die Getriebefrage sowieso bald keine Rolle mehr spielen.

Senioren am Steuer sollen erst ab dem Alter von 75 Jahren zur zweijährlichen medizinischen Kontrolluntersuchung. Video: Tamedia/SDA

Zwei Wochen später entschied die ständerätliche Verkehrskommission (KVF), dass knapp fünf Jahre nach Inkrafttreten der strengeren Massnahmen gegen Raserinnen und Raser diese wieder gelockert werden sollen, der Bundesrat hat bereits seine Zustimmung signalisiert.

Als praktisch beschlossen gilt, dass Senioren am Steuer künftig erst ab 75 Jahren zur zweijährlichen vertrauensärztlichen Untersuchung gehen sollen. Heute liegt die Altersgrenze bei 70 Jahren. Nach der Zustimmung des Nationalrats zur entsprechenden parlamentarischen Initiative von Maximilian Reimann (SVP, AG) hat sich heute Morgen auch der Ständerat für die Gesetzesänderung mit 34 zu 4 Stimmen bei 5 Enthaltungen ausgesprochen. Damit ist die Vorlage bereit für die Schlussabstimmung. Betroffen davon sind rund 200'000 Menschen, die im Alter zwischen 70 und 75 Jahren noch Auto fahren.

Triumph für den ältesten Bundesparlamentarier

Für den ältesten Bundesparlamentarier ist der heutige Tag ein Triumph – obwohl der Entscheid seit geraumer Zeit absehbar war. Die beiden Kammern haben bereits 2016 respektive 2015 dem Vorstoss von Reimann zugestimmt, nun ging es darum, die konkrete Revisionsvorlage zu verabschieden. Der Aargauer Nationalrat begründete seinen Vorstoss, dass «die Zahl 70 Jahre aus dem letzten Jahrhundert» stamme. «Inzwischen ist die Lebenserwartung um sechs bis sieben Jahre gestiegen, und wir sind gesünder geworden.»

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Ist es eine gute Idee, dass Senioren künftig statt mit 70 erst mit 75 zur Arztkontrolle müssen, um ihren Fahrausweis behalten zu können?




Genauso argumentierten heute die Befürworter im Ständerat. Damian Müller (FDP, LU) erklärte etwa, die geltende Regelung sei veraltet. Ältere Menschen seien heute vitaler als in früheren Generationen. Nicht umsonst heisse es heute: «60 ist die neue 40.» Auch Bundespräsidentin und Verkehrsministerin Doris Leuthard war der Meinung, dass angesichts einer höheren Lebenserwartung, einer im Vergleich zu den Siebzigerjahren besseren Gesundheit (damals wurde die obligatorische Kontrolluntersuchung eingeführt) sowie der zunehmenden technischen Unterstützung durch die Assistenzsysteme die Altersgrenze erhöht werden könne. Denn diese Entwicklung habe dazu geführt, so Leuthard, dass die Zahl der Unfälle auch bei Seniorinnen und Senioren zurückgegangen sei.

Sukkurs bekam Leuthard vom freisinnigen Glarner Ständerat Werner Hösli: «Von den 11'000 Unfällen mit Personenschaden betrafen im letzten Jahr 4 Prozent die Altersgruppe der 70- bis 74-Jährigen.» Dies im Gegensatz zu der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen, welche gerade bei den Schwerstunfällen einen extrem hohen Anteil aufweisen würden. «Das sind die Fakten.» Wenn man also die Verkehrssicherheit wirklich ernst nehmen wolle, dann müssten eigentlich alle Altersgruppen sporadisch in ärztliche Untersuchungen.

Laut BfU besonders hohes Unfallrisiko bei Senioren

Doch gerade das Argument mit der Unfallstatisik macht stutzig. So warnte der Gegner einer höheren Alterslimite, Daniel Jositsch (SP, ZH), dass man damit ein höheres Unfallrisiko in Kauf nehmen würde. «Das belegen die Zahlen.» Laut einer aktuellen Auswertung der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU), die auf Zahlen des Bundesamts für Statistik basiert, verursachen Autofahrer ab 70 Jahren überproportional viele Unfälle.

Das BfU hat dabei nicht nur die reinen Unfallzahlen verwendet, sondern diese zusätzlich in den Kontext zur Fahrleistung gesetzt. Am grössten ist die Unfallquote mit 16 Unfällen pro 100 Millionen gefahrenen Kilometern bei den 80- bis 89-Jährigen – wobei diese Altersgruppe sowieso weiterhin eine Fahrtauglichkeitsprüfung machen muss. Danach folgt die Altersgruppe der 18- bis 19-Jährigen mit 14,6 Unfällen. Aber bei Autofahrern zwischen 20 und 79 Jahren ist die Unfallquote in der Altersklasse der 70- bis 79-Jährigen am höchsten.

Auch andere Statisiken stützen die Befürworter der Heraufsetzung des Alters der periodischen vertrauensärztlichen Kontrolluntersuchung für Senioren-Autofahrer nicht: Eine Auswertung der «SonntagsZeitung» von über 210'000 Unfällen für 2014 ergab, dass Lenker ab 70 Jahren überdurchschnittlich viele Unfälle verursachen würden.

BfU untersucht Auswirkungen noch weiter

Im Gegensatz zur Aufhebung des Alkoholverbots in Autobahnraststätten, das die BfU ablehnt, wollte sich die Beratungsstelle weder für oder gegen die Heraufsetzung aussprechen, da man die Auswirkungen der gesetzlich geregelten, ärztlichen Fahreignungsabklärung für Senioren noch näher untersuche. «Wir hätten uns gewünscht, dass das Parlament die Resultate dieser Studie abgewartet hätte, bevor es eine Gesetzesänderung beschliesst», sagt Sprecher Marc Bächler.

Immerhin verlangte der Bundesrat im Gegenzug flankierende Massnahmen. Er schlägt vor, Fahrerinnen und Fahrer etwa mit 70 Jahren ein Schreiben mit Informationen und Angeboten rund um das Thema Fahreignung zuzustellen. Die Sensibilisierung soll auch dazu führen, dass die Diskussion in den Familien geführt wird. Zudem sollen Seniorinnen und Senioren ermutigt werden, den Umgang mit neueren Assistenzsystemen zu erlernen. Die Kommission des Ständerates befürwortete ausdrücklich diese flankierenden Massnahmen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2017, 16:11 Uhr

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