Schweizerinnen haben eine Vorliebe für Südländer

Eine exklusive Analyse der Statistik gemischt-nationaler Ehen zeigt: Schweizerinnen und Schweizer haben ihre eigene Präferenz, wenn sie ausländische Partner ehelichen.

Schweizer Frauen sind bei der Wahl ausländischer Ehepartner «vielfältiger, sogar hypervielfältig»: Hochzeitspaar beim Fotoshooting mit Traumwetter am Zürichsee. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Schweizer Frauen sind bei der Wahl ausländischer Ehepartner «vielfältiger, sogar hypervielfältig»: Hochzeitspaar beim Fotoshooting mit Traumwetter am Zürichsee. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Die Zahl gemischt-nationaler Ehen ist ein Hinweis darauf, wie gut Migrantinnen und Migranten in der hiesigen Gesellschaft integriert sind. Schaut man die entsprechenden Daten der vergangenen zehn Jahre des Bundesamtes für Statistik (BFS) genauer an, zeigt sich, dass sich die Geister oder Geschmäcker von Herrn und Frau Schweizer bei einigen Nationalitäten besonders deutlich (unter)scheiden.

Zum Beispiel bei Ehepartnern aus Thailand: Schweizer Männer heiraten laut unserer Analyse fast 40-mal öfter eine Thailänderin, als Schweizer Frauen zu einem Thai-Mann «Ja» sagen. Auch Frauen aus Ostblockländern wie Russland, der Slowakei, Rumänien oder Tschechien gingen in der letzten Dekade verhältnismässig häufig eine Ehe mit einem Schweizer-Pass-Träger ein, während deren Landsmänner von hiesigen Frauen deutlich weniger begehrt wurden.

Dass sich einheimische Männer häufig für Frauen aus dem Ostblock entscheiden, hat laut dem Zürcher Paartherapeuten Guy Bodenmann nicht zuletzt mit der zunehmenden Partnersuche auf Online-Datingplattformen zutun: «Männer werden auf diesen Plattformen häufig auf Frauen aus Osteuropa aufmerksam und verbinden mit ihnen charakteristische traditionelle Partnerschaftsvorstellungen.» Dasselbe treffe auf Asiatinnen zu.

«Traditionell gibt es bei Schweizer Männern das bekannte Drei-Regionen-Phänomen. Sie haben eine Vorliebe für Latinas, Thailänderinnen und Frauen aus Osteuropa», bestätigt der Basler Soziologe und Sozialmediziner Ganga Jey Aratnam den Befund. Er forscht derzeit zum Heiratsverhalten im deutschsprachigen Raum.

Viele Schweizer Männer seien stark verunsichert wegen der Emanzipation der Frauen, sagt Jey Aratnam: «70 Prozent der Scheidungen in der Schweiz werden von Frauen eingereicht und jede fünfte ist kinderlos, während in Osteuropa noch 90 Prozent der Frauen Kinder haben. Viele Männer suchen deshalb in andern Ländern nach vertrauten Rollenbildern.» Zu meinen, dass eine solche Ehe länger halte, sei indes ein Trugschluss: «Auch diese Frauen emanzipieren sich. Emanzipation ist eine internationale Sache.»

Schweizer Frauen seien bei der Wahl ausländischer Ehepartner im Vergleich dazu «vielfältiger, sogar hypervielfältig»: «Angesichts dieser zunehmenden Vielfältigkeit ist es nur eine Frage der Zeit, bis in der Schweiz die Mehrheit einen Migrationshintergrund haben wird», sagt der Soziologe.

Tatsächlich sind die Schweizerinnen bezüglich Herkunft ihrer Ehemänner etwas ausgeglichener. Nebst dem Charme von Männern aus Mitteleuropa erliegen die Schweizer Frauen verhältnismässig öfter als ihre Landsmänner südländischem Temperament. So schipperten sie mehr als doppelt so oft mit einem Italiener oder Portugiesen in den Ehehafen, als Schweizer Männer Frauen aus Südeuropa ehelichten. Diese Vorliebe hat laut dem Paartherapeuten Bodenmann Tradition: «Schon länger fällt die Wahl vieler Schweizerinnen auf südländische Männer. Sie stehen häufig für das Stereotyp der Verbindung von Emotionalität mit Männlichkeit».

Am grössten ist das Ungleichgewicht bei den afrikanischen Ländern: Schweizerinnen heirateten fünfmal so oft einen Ägypter und dreimal häufiger einen Nigerianer, als Schweizer Männer Afrikanerinnen zur Frau nahmen. Ein Grund dafür seien die vermehrten Reisen, von denen Schweizer Frauen oft verliebt zurückkehrten, sagt der Soziologe Jey Aratnam: «Wir sehen hier das Phänomen, dass Frauen sehr verbindlich sind und sich verantwortlich fühlen für den Mann, mit dem sie eine Beziehung eingegangen sind. Wenn sie ihn aus Liebe hierher bringen, entsteht zwecks Bleiberecht ein faktischer Heiratszwang.»

Viele Schweizerinnen sähen in der Ehe mit einem Schwarzafrikaner zudem eine Aktion gegen weissen Rassismus. Sie wollten eine Art historische Gerechtigkeit walten lassen und mit einer Heirat etwas wieder gutmachen, so der Soziologe: «Hier treffen Eros und Ethik zusammen. Und Freundschaft. Die Schweizer Frau will heute einen humorvollen Mann.»

Dass auch Kosovaren und Türken verhältnismässig weit oben rangieren, mag überraschen. «Diese Zahl trügt», sagt Ganga Jey Aratnam. «Hier handelt es sich hauptsächlich um Ehen von Schweizerinnen mit kosovarischem Hintergrund und Türkinnen mit Schweizer Pass, die sich – anders als die Männer dieser Länder – in ihrem Herkunftsland aus traditionellen Gründen mit Landsmännern verheiraten. Das sind also genau genommen endogame Heiraten, die im Amt für Statistik aber als binationale Ehen gezählt werden, was einen falschen Eindruck erweckt.»

Unserer Analyse zugrunde liegen die absoluten Zahlen der Ehepartner gemischt-nationaler Heiraten. Hier findet sich ein deutlich ausgeglicheneres Bild: Schweizerinnen und Schweizer heirateten hauptsächlich Partner aus Europa. Die einheimischen Männer und Frauen wählten am häufigsten Ehepartner aus Deutschland. Bei den Schweizerinnen folgen dann Männer aus Italien – vor den Kosovaren, wobei bei letzteren eben ein grosser Anteil endogame Heiraten sind.

Insgesamt war im Zuge der allgemeinen Heiratsmüdigkeit der letzten Jahre auch bei den gemischt-nationalen Heiraten ein leichter Rückgang zu verzeichnen: Ehelichte im Jahr 2016 noch 15’100-mal ein Ehepartner mit Schweizer Pass einen Partner mit anderer Nationalität, waren es im letzten Jahr noch 14’400. Das entspricht einem Anteil von rund 36 Prozent – einem Wert, der seit Jahren stabil ist.

Etwa 10 Prozent aller verheirateten Personen leben heute in einer gemischt-nationalen Partnerschaft oder Familie. Werden noch die Ehen unter Ausländerinnen dazugezählt, dann hat bei der Mehrheit (knapp 52 Prozent) mindestens eine Person keinen Schweizer Pass. Schon heute leben 56 Prozent aller Kinder zwischen 0 und 6 Jahren in einem Haushalt mit gemischtem oder Migrationshintergrund. Ganga Jey Aratnam. «Die Migrationsvielfalt lässt sich nicht mehr aufhalten – ob man will oder nicht.»

Erstellt: 08.11.2019, 11:23 Uhr

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