No Smokers!

Unternehmen in den USA stellen vermehrt nur noch Nichtraucher ein. Nun diskutieren Wissenschaftler, ob dies legal, ethisch vertretbar und medizinisch sinnvoll ist.

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Raucher brauchen sich gar nicht erst zu bewerben. Die Spitäler und Forschungszentren der University of Pennsylvania haben beschlossen, ab Juli nur noch Nichtraucher einzustellen. Diese «Non-Nicotine Hiring Policy» soll laut einer Mitteilung der Unternehmensleitung die «Gesamtgesundheit» der rund 16 000 Beschäftigten verbessern sowie die Krankenversicherungskosten im Betrieb senken. Bereits angestellte Raucherinnen und Raucher werden nicht entlassen, müssen allerdings mit höheren Versicherungsprämien rechnen, wenn sie keine Entwöhnungstherapie in Anspruch nehmen.

Kontrolle per Urintest

Es sind harte Zeiten für Tabakfreunde in den USA. Nachdem das Rauchen an praktisch allen Arbeitsplätzen verboten worden ist, beginnen immer mehr Firmen, ihren Angestellten die Zigarette und die Pfeife auch im Freien und daheim zu verbieten. Vor allem Spitäler und Gesundheitsdienstleister, aber auch Betriebe wie die Alaska Airlines oder der Pflanzenschutzmittel-Hersteller Scotts Miracle-Gro verlangen von ihren Belegschaften den totalen Rauchverzicht. Offene Stellen schreiben sie explizit mit dem Vermerk «Nur Nichtraucher» aus. Zur Durchsetzung des Verbots führen manche Firmen regelmässige Urintests durch, andere verlassen sich auf das Ehrenwort der Angestellten.

Begründet wird der Raucherausschluss vor allem wirtschaftlich: Laut einer 2009 im «Journal of Tobacco Policy & Research» erschienenen Studie fehlen Raucher öfter krankheitshalber am Arbeitsplatz als ihre nicht rauchenden Kollegen. Und selbst relativ gesunde Tabakkonsumenten verursachen in einem Zeitraum von drei Jahren gemäss Studie höhere Gesundheitskosten als Nichtraucher. Die US-Regierung geht davon aus, dass jeder rauchende Arbeitnehmer betriebliche Mehrkosten von 4000 Dollar pro Jahr verursacht. Wer also eine Belegschaft von Nichtrauchern beschäftigt, müsste unter dem Strich produktiver und kostengünstiger sein. Langzeitstudien gibt es hierzu allerdings noch nicht. Nichtraucherbetriebe sind ein junges Phänomen.

Nicht wenige Arbeitgeber argumentieren überdies mit der Gerechtigkeit: «Wir fanden es unfair, dass jene Angestellten, die einen gesunden Lebenswandel pflegen, ihre ungesunden Kollegen subventionieren mussten», äusserte sich etwa Steven Bjelich, der Chef des seit kurzem raucherfreien St. Francis Medical Center in Cape Girardeau, Missouri. Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern müssen in den USA risikogepoolte Krankenversicherungen haben. Wer also keine Raucher einstellt, muss für deren Erkrankungen keine Nichtraucher mehr bezahlen lassen.

Spätestens hier aber stellt sich die Frage, weshalb von allen ungesund lebenden Arbeitnehmern nur die Raucherinnen und Raucher ins Visier genommen werden. Schliesslich belasten auch andere ihre Kollegen mit willentlicher Selbstschädigung. Müssten nicht auch Alkoholkonsum, Fettleibigkeit und der Hang zu Risikosport bestraft werden?

John Mackey, der Gründer der teuren Bio-Supermarktkette Whole Foods, lässt erahnen, wie die Zukunft aussehen könnte. Er gewährt seinen Angestellten unterschiedlich hohe Rabatte auf Selbsteinkäufe im Supermarkt – je nach deren Blutdruckwerten, Body-Mass-Index und Rauchgewohnheiten. Wo immer es rechtlich möglich ist, stellt auch Whole Foods keine Raucher mehr ein.

Vorgehen ist in Ordnung

Grundsätzlich ist das Nichteinstellen von Tabakkonsumenten legal. Die ­US-Verfassung schützt die Raucher nicht als Minderheit, also können Raucher auch nicht diskriminiert werden. Anders als Übergewichtige, die aufgrund der Gesetze zum Schutz der Behinderten nicht aufgrund ihrer Leibesfülle gegängelt oder entlassen werden dürfen, können Raucher nach Belieben geschasst oder eben nicht engagiert werden. «Wir sprechen keinem Raucher das Recht auf Tabak ab. Aber wir nehmen uns die Freiheit, diese Leute nicht einzustellen», erklärte eine Sprecherin der Spitalkette Geisinger Health System in Danville, Pennsylvania.

Das geht allerdings nicht mehr überall: die Tabaklobby und die für Bürgerrechte eintretende American Union of Civil Liberties haben dafür gesorgt, dass in immerhin 29 der 50 US-Bundesstaaten sowie in der Hauptstadt Washington nun auch Raucher am Arbeitsplatz einen gewissen Schutz vor Diskriminierung geniessen. Die Universität Pennsylvania etwa muss bei ihrem anstehenden Raucherstopp deshalb alle Mitarbeiter in den Dépendancen von New Jersey ausnehmen.

«Paradoxes» Raucherverbot

Neben juristischen wirft die Ausgrenzung der Raucher aber auch ethische Fragen auf. In der Fachzeitschrift «New England Journal of Medicine» schreiben drei Gesundheitswissenschaftler der Universität McGill in Montreal sowie der eben raucherfrei werdenden Universität Pennsylvania, es sei gerade für Gesundheitsbetriebe «paradox», Rauchern die Anstellung zu verweigern. Schliesslich seien Spitäler dazu da, alle Kranken zu pflegen, auch jene, die ihr Leiden mit eigenem Verhalten befördert hätten. Es sei «gefühllos und widersprüchlich», Patienten mit «chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen, Herzproblemen, Diabetes oder durch ungeschützten Sex übertragenen Infektionen» zu behandeln, jedoch keine Raucher mehr zu beschäftigen.

Zudem sei es sozialpolitisch falsch, ausgerechnet Rauchern den Broterwerb zu erschweren. Denn die Bevölkerungsgruppe der Tabakkonsumenten ist in den USA – wie in den meisten westlichen Ländern – laut der Statistik sowieso bereits benachteiligt. Mehr als 36 Prozent der Amerikaner, die unterhalb der Armutsgrenze leben, sind auch Raucher. Von den Arbeitslosen rauchen sogar 48 Prozent. Oberhalb der Armutsgrenze hingegen rauchen nur 22,5 Prozent. Die nikotinfreie Personalpolitik treffe deshalb, so die Wissenschaftler, in disproportionaler Weise jene, die am dringendsten einen Job benötigten. In raucherfreien Spitälern seien denn auch vor allem Reinigungspersonal und Hausdienst betroffen. Die Autoren empfehlen den US-Arbeitgebern, ihren Angestellten statt mit Sanktionen besser mit finanziellen Anreizen zu begegnen.

Ein Experiment in der Belegschaft von General Electric zeigte, dass eine Belohnung von 750 Dollar dreimal mehr Menschen zum Rauchstopp bewog als jede Informationskampagne. Doch die Sache hatte einen Haken. Als General Electric das Anreizsystem implementieren wollte, protestierten die Nichtraucher. Da sie nie geraucht hätten, sei die Prämie für sie unerreichbar. Das Unternehmen sah das ein und schwenkte zurück auf Sanktionen. Raucher müssen bei General Electric höhere Versicherungsprämien bezahlen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2013, 11:00 Uhr

US-Raucherkampagne:
Keine Option für die Schweiz

Das Vorgehen verschiedener US-Unternehmen, keine Raucher mehr anzustellen oder die Versicherungsprämien für Raucher zu erhöhen, wäre in der Schweiz keine Option, ist von der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz zu erfahren. Der «Kampf» richte sich primär nicht gegen den Raucher, sondern für rauchfreie Arbeitsplätze. Der Schritt, mit Rauchen aufzuhören, soll belohnt und nicht bestraft werden – jedoch in einem Ausmass, das Nichtraucher nicht vor den Kopf stosse. In diesem Sinne würden zum Beispiel bereits viele Unternehmen Raucherentwöhnungskurse anbieten. Auch der Lungenliga Schweiz ist kein Fall einer Firma bekannt, die ausdrücklich eine Anstellung von Rauchern verbietet. Allerdings gebe es vermutlich keine Rechtsgrundlage, so die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention, um ein solches Vorgehen in der Schweiz zu verhindern. (ml)

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