Sepp Blatter zügelt sein Fussballmuseum in die Enge

Das seit langem geplante Fussballmuseum der Fifa entsteht nicht am Zürichberg, sondern in Rekordzeit im Enge-Quartier. Der Präsident des Fussballverbandes will es im Frühling 2015 eröffnen.

Symbolischer Baubeginn: Swiss-Life-Chef Rolf Dörig und Fifa-Präsident Sepp Blatter gestern im Haus zur Enge. Foto: Doris Fanconi

Symbolischer Baubeginn: Swiss-Life-Chef Rolf Dörig und Fifa-Präsident Sepp Blatter gestern im Haus zur Enge. Foto: Doris Fanconi

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Zürich – Das Tempo ist fast unschlagbar. Die Fifa hat innerhalb von nur sechs Wochen einen neuen Standort für ihr Fussballmuseum gefunden. Geplant war die Wallfahrtsstätte für Fussballfans ursprünglich am Zürichberg beim Zoo. Doch jetzt soll sie auf der anderen Seeseite errichtet werden, beim Bahnhof Enge. Dort will der Weltfussballverband das seit drei Jahren leer stehende Haus zur Enge renovieren und dann darin das Museum errichten. «Es soll eine Begegnungsstätte für den Fussball und seine Millionen von Fans weltweit werden», sagt Fifa-Präsident Sepp Blatter gestern vor den Medien und betont ausdrücklich: «Das Vorhaben ist ein klares Bekenntnis der Fifa zum Standort Zürich.»

Die Lage des Hauses zur Enge bezeichnete Blatter als absoluten Glücksfall. Sie könnte tatsächlich nicht besser sein. Das Gebäude befindet sich direkt gegenüber dem Bahnhof Enge und in unmittelbarer Nähe der Tramhaltestelle. Auf der anderen Seite liegt der Tessinerplatz, den die Stadt vor wenigen Jahren komplett neu gestaltet hat. Und selbst an den See gelangt man zu Fuss in wenigen Minuten.

Das in den 70er-Jahren von Architekt Werner Stücheli (1916–1983) erstellte ­Gebäude gehört dem Versicherungs­konzern Swiss Life. Die einst asbest­verseuchte Liegenschaft soll tüchtig umgestaltet werden. Die dazu nötige Baubewilligung liegt bereits vor. Sacha Menz von Sam Architekten und Partner wird den Umbau leiten. Allen Unkenrufen zum Trotz rühmt er das Gebäude. Die «Qualität des Bauwerks ist gut, und es verfügt über vier Meter hohe Räume und eine grosszügige Terrasse.» Stücheli habe den Traum eines jeden Büro­menschen verwirklicht und viele Arbeitsplätze mit eigenem Fenster gebaut. «Es wäre schade, eine so spezielle Struktur zu zerstören.»

Menz will aber nicht nur renovieren, er will mehr. Er stellt sich ein verschiedenartig genutztes Gebäude vor, wie das zum Beispiel in Hongkong üblich sei. Das Fussballmuseum soll sich dabei über vier Stockwerke erstrecken, zwei davon unterirdisch. Darüber sind Büros für etwa 150 Leute vorgesehen, aber auch 28 Wohnungen mit Südausrichtung. Geplant ist weiter ein Restaurant, aber nur wenige Parkplätze: 38 insgesamt, die Hälfte davon ist für Museumsbesucher reserviert. Gründlich aufgemöbelt wird die Aussenfassade. «Ich stelle mir auberginefarbene Keramikplatten vor, wie sie für das Quartier typisch sind.»

Umbau kostet 75 Millionen

Wie wird das Fussballmuseum gestaltet? Die Vorstellungen dazu sind noch vage. «Der Vertrag ist erst vor wenigen Tagen unterzeichnet worden», sagte Sepp Blatter. Inhaltlich liege noch kein definitives Konzept vor. Man habe aber einige Ideen. Geplant sind etwa eine Hall of Fame, wo die Namen der ganz grossen Fussballstars verewigt werden. Dazu kommen 3‑D-Shows und interaktive Spiele. Auch eine Kollektion von Trophäen und Trikots von Fussballikonen soll präsentiert werden. Blatter will aber auch, dass im Museum auf die Schattenseiten des Fussballs aufmerksam gemacht wird. «Wir werden Rassismus, Hooliganismus, Doping und Wettskandale thematisieren», verspricht er.

Das Fussballmuseum soll nicht nur ein Ort des Bewahrens und Ausstellens sein. Vorgesehen sind Lesungen oder Autogrammstunden mit jenen Fussballstars, die im Fifa-Haus am Zürichberg ein und aus gehen.

Mit Swiss Life konnte die Fifa für das ganze Haus einen Mietvertrag für 40 Jahre aushandeln. Für den Umbau rechnet sie mit Kosten von 75 Millionen Franken. Die Ausstellungsinhalte sind mit zusätzlichen 30 Millionen Franken veranschlagt. Für den Verband kommt diese Variante eindeutig günstiger zu stehen als der ursprünglich geplante 180 Millionen Franken teure Neubau am Zürichberg. Gleichzeitig wird die Fifa mit dem Haus zur Enge auch das Verkehrsproblem los. Beim Zoo sind die Parkplätze ständig hoffnungslos besetzt, und eine Seilbahn ab Dübendorf auf den Zürichberg ist bisher bloss eine kühne Idee. Zudem hatte auch der Kanton keine Freude an einem Neubau am Zürichberg. Er hat das Projekt wegen der im letzten Sommer angenommenen Kulturlandinitiative blockiert. Diese sieht vor, dass die verbliebenen 1000 Hektaren Fruchtfolgeflächen im Kanton Zürich nicht überbaut werden dürfen.

Die Stadt Zürich und die Fifa ver­bindet eine lange Freundschaft. Deshalb begrüsst Norbert Müller, Stabschef des Stadtrats, die Lösung mit dem Haus zur Enge. «Das Fussballmuseum der Fifa ist die Chance, um Zürichs Namen in die Welt hinauszutragen. Etwas Besseres hätte uns nicht passieren können.» Die Stadt habe zwischen Swiss Life und Fifa vermittelt.

Blatter in Zeitnot

Das Haus zur Enge wirkt derzeit noch geisterhaft leer. Doch bald wird wieder Leben einkehren. Sepp Blatter ist bereits im Besitz einer Rückbaubewilligung. Einzig eine Nutzungsänderung liegt noch nicht vor. Sie ist nötig, weil sich im ehemaligen Bürogebäude im Erdgeschoss früher eine Ladenstrasse befand. Blatter macht nun mächtig Druck. Er steht unter einer gewissen Zeitnot, denn er will auf jeden Fall, dass die Eröffnung des neuen Fussballmuseums noch in seine Amtszeit als Fifa-Präsident fällt, die 2015 ausläuft. Wird die Zeit reichen? Architekt Sacha Menz ist zuversichtlich, sowohl was den Rückbau als auch die Bauzeit betrifft. «2015 können wir das Museum eröffnen.» Für die Wohnungen und die Büros ist die Zeit allerdings zu knapp bemessen. «Sie werden allerdings kaum auf diesen Zeitpunkt hin fertig sein.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2013, 10:12 Uhr

So soll sich das Haus zur Enge ab 2015 präsentieren. Visualisierung: Sam Architekten

ÄrgernisHaus zur Enge steht seit Jahren leer
Seit drei Jahren ist das Haus zur Enge ein Ärgernis. Es steht leer an einer prominenten Lage der Stadt und verlottert zusehends. Als «Schandfleck» bezeichnete Architektur­kritiker und Stadtwanderer Benedikt Loderer das Gebäude schon in den 90er-Jahren. Es war nach Ansicht von Architekturkennern nie ein besonders gelungener Wurf gewesen, obwohl der stadtbekannte Architekt Werner Stücheli die Liegenschaft entworfen hatte. Swiss Life wollte es aber stehen lassen, auf dem Sockel etwas Neues bauen und das Gebäude aufstocken. Das hat zu Verzögerungen geführt. Wegen seiner exponierten Lage nimmt das Haus zur Enge eine Sonderstellung ein. Die Baueingabe für das erste Projekt hatte die Qualitätskriterien der Stadt nicht erfüllt. Swiss Life reichte ein zweites, nachgebessertes Projekt ein – und blitzte nochmals ab. Laut Urs Spinner, Sprecher des Hochbaudepartements, gelten beim Haus zur Enge strengere Massstäbe, weil es sich um ein Hochhaus an einem öffentlichen Platz handelt. Beim dritten Anlauf hat es nun geklappt, und die Fifa kann hier ihr lange geplantes Fussballmuseum realisieren. (mq)

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