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«Es ist einfach das Richtige»Irisches Lacrosse-Team verzichtet auf Turnier zugunsten von Indigenen

Eigentlich würde die irische Nationalmannschaft bei den World Games teilnehmen. Weil dem Team der Irokesen aber die Teilnahme verweigert wurde, beschloss sie: Nehmt unseren Platz.

Hier zu sehen: Der Irokese Lyle Thompson aus dem Nationalteam. Er darf sich freuen, dürfen er und sein Team nun doch bei den World Games 2022 antreten.
Hier zu sehen: Der Irokese Lyle Thompson aus dem Nationalteam. Er darf sich freuen, dürfen er und sein Team nun doch bei den World Games 2022 antreten.
Foto: Keystone
Eigentlich ist das Team nämlich ausgeschlossen worden. Dies, weil sie keinen souveränen Staat vertreten und auch kein olympisches Komitee besitzen.
Eigentlich ist das Team nämlich ausgeschlossen worden. Dies, weil sie keinen souveränen Staat vertreten und auch kein olympisches Komitee besitzen.
Foto: Lax Magazine
Das indigene Volk der Irokesen bewohnt Territorien im nordöstlichen Teil der USA und im Osten Kanadas. Lacrosse ist ihr Nationalsport. Als Bürger besitzen sie eigene Ausweise.
Das indigene Volk der Irokesen bewohnt Territorien im nordöstlichen Teil der USA und im Osten Kanadas. Lacrosse ist ihr Nationalsport. Als Bürger besitzen sie eigene Ausweise.
Foto: Lax Magazine
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Es war eine Meldung, die in den deutschsprachigen Medien gänzlich unterging. «Irische Nationalmannschaft verzichtet auf Start bei Weltturnier, sodass indigenes Team starten kann», schrieben im September mehrere englische und US-amerikanische Medien. So zogen sich die Iren von den World Games 2022 zurück, um Platz für das Lacrosse-Team der Irokesen zu schaffen.

Doch von Anfang an.

Sie vertreten keinen souveränen Staat

Lacrosse ist kein Sport für Schwächlinge. Es geht heftig zur Sache. Definitiv. Und nicht nur das. Lacrosse ist auch eigenartig. Besonders für das europäische Auge. So kennen viele hierzulande den Sport wohl nur aus dem Film «American Pie», in dem einer der Hauptcharaktere, Chris Ostreicher, den ruppigen Sport betreibt.

Ursprünglich war es ein Kriegsspiel der nordamerikanischen Ureinwohner an der Ostküste, ein Spiel der Irokesen. Sie nannten es einst «Tewaraathon» und weihten es ihrem Kriegsgott. Oft standen mehr als hundert Personen auf dem Feld, nicht selten ging es in den tagelangen Spielen mit gegnerischen Stämmen um Leben und Tod. Später taufte ein französischer Jesuitenmissionar das kriegerische Spiel «La crosse», weil ihn die Schläger an den gleichnamigen Bischofsstab erinnerten.

Und heute? Heute stellen die Nachfahren der indigenen Erfinder ihr eigenes Team. Bei der letzten Weltmeisterschaft 2018 schaffte es das Nationalteam der Irokesen sogar auf den dritten Platz. Alles gut also? Nein. Bei den World Games 2022 in Birmingham, Alabama, dürfen die Irokesen nicht teilnehmen. Der Grund: Sie vertreten keinen souveränen Staat, auch besitzen sie kein Olympisches Komitee.

«Die Irokesen haben den Platz verdient»

Als diese Begründung publik wurde, war der Aufschrei gross. Dies sei rassistisch, hiess es. Oder: Weshalb sei eine WM-Teilnahme möglich, ein Start bei den World Games (ein Turnier, an dem acht Nationen, die bei der letzten Weltmeisterschaft die vorderen Plätze belegten, teilnehmen) aber nicht? Auch das irische Team hat sich das wohl gefragt. Und – wie erwähnt – auf seinen Startplatz verzichtet. Zugunsten der Irokesen. Der Lacrosse-Weltverband nahm den Entscheid der Iren zur Kenntnis – und nahm die Irokesen als Teilnehmer auf.

«Es ist einfach das Richtige», sagte Michael Kennedy, Geschäftsführer des irischen Teams, in einer Erklärung. Und: «Wir sind ein stolzes Mitglied von World Lacrosse und erkennen die Bedeutung der World Games für das weitere Wachstum des Sports an. So sehr sich unsere Spieler auf den Wettbewerb gefreut haben, wir wissen, dass die Irokesen den Platz verdienen.»

Die Reaktion der Irokesen, die derzeit in der Weltrangliste auf Platz 3 stehen, liess nicht lange auf sich warten. Sie freuten sich über diesen Entscheid immens. Auf Twitter schrieben sie: «Sie haben alles für uns getan. Ihre Handlungen sind lauter als alle Worte und zeigen die wahre Kraft des Sports und den Geist von Lacrosse.» Und schlossen den Tweet mit den Worten: «Das werden wir nie vergessen.»

Bereits 2010 gab es Probleme

Es ist nicht das erste Mal, dass die Irokesen von einem internationalen Turnier ausgeschlossen werden. Bereits bei der Weltmeisterschaft 2010 in Grossbritannien war das der Fall. Damals gab es Passprobleme. Grossbritannien beharrte auf amerikanischen Ausweisen. Diese haben die Irokesen aber nicht, in ihrer Heimat genügen ihnen ihre eigenen Pässe. Selbst die Obama-Regierung mischte sich ein – was aber auch nichts nützte.

Was 2010 kein positives Ende fand, ging jetzt gut. Dank den grosszügigen Iren. Und die Pässe? Darüber müssen sich die Indigenen keine Sorgen machen. Da die World Games in Alabama stattfinden, reicht den Irokesen ihr eigener Pass vollkommen. Ende gut, alles gut also. Zumindest für den Moment.

3 Kommentare
    Efraim Litvak

    An diesem Beispiel sieht man wie bescheuert es ist, wenn man den Begriff der Nation an einen Staat bindet. Wenn man das für sich richtig findet, ok (im Fall der Schweiz geht es ja wohl nicht anders), kein Problem. Aber es wäre schön, wenn man (z.B. grosse Teile der Schweizer Bevölkerung) endlich verstehen würde, dass der Begriff und die Idee der Nation ursprünglich nichts mit einem Staat zu tun hat oder haben muss. Diese gab es ja gar nicht als die Bewegung entstand, deshalb war ein Staat allenfalls ein zu erschaffendes Ziel einer Nation.

    Bravo Iren! Ich bin kein Nationalist (in hundert Jahren wird man über den Nationalismus lachen und sich dafür schämen). Ich finde es einfach nicht respektvoll oder gerecht Leute als etwas zu bezeichnen, das sie in Wirklichkeit nicht sind (und oft auch so nicht genannt werden wollen!). Die amerikanischen Einwanderungsbücher des 19./20. Jhd. von Ellis Island sind voll von Italienern, Russen/Polen oder Österreichern, die eigentlich Kroaten (Venezisches Reich), Juden (Russisches Reich oder Polen) und Ungarn waren.

    Dabei denke ich immer an einen katalanischen Schriftsteller, der gemäss eigenen Aussagen gegen seinen Willen im Ausland als spanischer Schriftsteller vorgestellt wird. Er schreibt nicht mal auf spanisch (Kastillisch)!