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Vater-Sohn-DebatteIst Jordan grösser als Federer? Niemals! Doch!

Taugt Michael Jordan als Vorbild? Und stellt er Federer in den Schatten? Die Netflix-Doku über den Basketballer führt zu Grundsatzdiskussionen.

Basketballer Michael Jordan wurde immer wieder als «übermenschlich» bezeichnet. Hier sieht man, wieso.
Basketballer Michael Jordan wurde immer wieder als «übermenschlich» bezeichnet. Hier sieht man, wieso.
Foto: Reuters

Über Auffahrt guckte ich mit meinem Sohn «The Last Dance». Die Doku über Basketball-Legende Michael Jordan ist ein Grosserfolg mit hymnischen Kritiken (hier gehts zu unserer Besprechung): «Einblick in ein Jahrhunderttalent!», «Sportereignis des Jahres!», «Auch Sportmuffel sind begeistert!».

Ich empfand die Doku, die Jordan mitproduziert hat, von Anfang an als Lobhudelei. Das geht in Ordnung, schliesslich war Jordan tatsächlich der Shakespeare des Basketballs. Was mich ein bisschen irritierte: Sein unbändiger Siegeswille stammt vor allem aus Ressentiments und Rachsucht. Mit Whisky und Zigarre in der Hand berichtet Jordan über die Defizite von Gegnern und Mitspielern und blufft mit dem Schreckensregime, das er damals im Team der Chicago Bulls errichtete.

«Jordan macht den Fussball-Unsympathen Sergio Ramos zu einem zwägen Typen!» sagte ich zum Sohn.

«Ich finde ihn cool», erwiderte der 12-Jährige.

Meine Irritation nahm zu. Einer der Werte, die ich glaube, meinem Sohn vermittelt zu haben, ist: dass man respektvoll miteinander umgeht, und ja, dass im Misserfolg auch eine gewisse selbstironische Würde liegt. Mir ist Jordans ruhiger Sidekick Scottie Pippen, den die Bulls bei Vertragsverhandlungen über den Tisch zogen, sympathischer als der Über-Basketballer.

«Pippen ist nett, aber Jordan ist der Beste», befand der Sohn.

«Aber er ist ein Ego.»

«Jordan ist der grösste Sportler ever. Grösser als Federer und Ronaldo», bilanzierte mein Sohn, der vor ein paar Tagen noch nie von Michael Jordan gehört hatte.

«Federer? Niemals!»

«Doch. Jordan hat zwei Milliarden Vermögen. Federer nur eine. Hab ich gegoogelt.»

Ich seufzte und dachte über den Unterschied zwischen mir und meinem Sohn nach. Bin ich einer jener Schweizer, denen zu viel Erfolg suspekt ist? Vielleicht ist es auch eine Art intellektueller Neid. Wie bei Mani Matter, wo im Lied «Ds Heidi» eine Sportskanone und ein Dichter um eine Frau buhlen. Natürlich macht die Sportskanone das Rennen.

1000 Slam Dunks später war mir Jordan zwar immer noch nicht sympathisch, aber irgendetwas liess mich dranbleiben. Seine Leichtfüssigkeit, die fast balletthaften Bewegungen waren wie Hypnose. Wie er gleitet, wie er abhebt

«Papa?», fragte der Sohn nach der letzten Episode, «kann ich ein Michael-Jordan-Trikot haben?»

«Mal schauen», brummelte ich.

Spätabends, als er schlief, bestellte ich das Trikot bei Amazon. Nach dem Zahlvorgang hielt ich inne. Dann klickte ich mich zum Angebot zurück, um mir die XL-Modelle anzuschauen.

«The Last Dance» ist auf Netflix streambar.

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