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GastkommentarItalien – Eine Liebeserklärung trotz allem

Nach Corona, Salvini und Berlusconi wird das Land schlecht- und abgeschrieben. Was für ein kapitaler Fehler.

Herzlich, spontan, charmant, unkompliziert, hilfsbereit, leidenschaftlich. So ist Italien.
Herzlich, spontan, charmant, unkompliziert, hilfsbereit, leidenschaftlich. So ist Italien.
Foto: Roberto Caccuri

Der Tag beginnt mit einem Ristretto: ein kleiner Schluck, fast ohne Wasser, verführerisch die Aromen. In der Bar. Um Bekannte zu treffen, ein paar Worte zu wechseln. Und gleich stellt sich die Fröhlichkeit ein. Das gefällt uns wohl am meisten: Die Lebensfreude der Italiener. Sie freuen sich an den «piccole cose della vita». Herzlich, spontan, charmant, unkompliziert, hilfsbereit, leidenschaftlich zeigen sie sich.

Dieses emotionale Knistern spüren wir, sobald wir die Grenze überschritten haben. Und das mache ich mehrmals im Jahr. Italien ist meine zweite Heimat seit meiner Kindheit. Damals besuchte ich das Land mit meinem Vater, später studierte ich in Perugia. Seit 1983 pflegen wir unser Weingut in Montepulciano.

Italien sei zum Klischee seiner selbst geworden, war kürzlich in der «SonntagsZeitung» zu lesen. Erstarrt in seiner Geschichte, lebe das Land in der Vergangenheit und verpasse die Zukunft, schrieb die Autorin. Die Italianità wirke bloss noch klebrig und ewig gestrig.

Italien widersteht der kurzlebigen und oberflächlichen Trendkultur, pflegt und verfeinert bewährte Traditionen und begeistert mit Innovationen.

Wenn dem so wäre, würden dann jedes Jahr Heerscharen von Touristen aus allen Kontinenten dorthin reisen? Italien gehört zu den Ländern mit dem grössten Tourismusaufkommen, gemessen am BIP. Die Schweiz kann nicht mithalten. Das im Artikel hochgelobte Dänemark auch nicht.

Italien bringe nichts Neues zustande, lautet der Vorwurf. Ich sehe das anders: Italien widersteht der kurzlebigen und oberflächlichen Trendkultur, pflegt und verfeinert bewährte Traditionen und begeistert mit Innovationen. Nicht zufällig hat die Renaissance in Italien 200 Jahre früher eingesetzt als im übrigen Europa.

Dazu passt, dass die Sparquote der italienischen Privathaushalte vorbildlich hoch ist. Der Staatshaushalt dagegen ist extrem verschuldet. Und die Regierung wechselt fast im Jahrestakt. Ziemlich sicher lassen sich die Italiener gar nicht regieren. Sie sind zu sehr Individualisten, eigenwillig, freiheitsliebend, fleissig.

Noch nie hat mir ein Italiener schlüssig erklären können, weshalb der Staatsapparat derart wuchert. Vielleicht, das ist meine Erklärung, sollte er die fehlende Führung und Verlässlichkeit der Regierung auffangen. Doch selbst eine erstickende Bürokratie hat im Land der Sonne noch ihr Gutes: Diese fast prohibitive Bürokratie bildet irgendwie stimulierenden Humus für Pionierunternehmer. Namen wie Antinori, Barilla, Gucci und Ferrari sprechen für sich.

Sie schwatzen so gern, die Italiener (meistens alle gleichzeitig), zeigen sich gerne, beobachten das öffentliche Leben. Geniessen leidenschaftlich.

Je mehr die Italiener gefordert werden, desto eher entsteht daraus der Antrieb, zu zeigen, was sie können. Ein besonderes Talent der Italiener zeigt sich im Handwerk, mit tiefen Spuren bis zurück zu den Etruskern. In kaum einem anderen Land treffen wir eine Kulturdichte an wie in Italien, von Nord bis Süd, durch das ganze Land. In jedem Ort, mag er noch so klein sein, begegnen wir Kunstwerken, Kirchen, Tempeln, Palästen, schönen Häusern, Anlagen, Gärten.

«L’Italia è il paese delle piazze.» Wo gibt es mehr öffentliche Plätze als in Italien? Klima und Schönheit der Landschaft sind der Grund, weshalb sich das Leben nach aussen richtet und draussen abspielt, auf den Plätzen, in der Arena, im Theater, in Bars, Restaurants. Sie schwatzen so gern, die Italiener (meistens alle gleichzeitig), zeigen sich gerne, beobachten das öffentliche Leben. Geniessen leidenschaftlich.

Ich freue mich. Auf mein nächstes Mal. Italien. Mittags Spaghetti, abends – zur Abwechslung – Pasta.

Macht es etwas, dass der grossen italienischen Küche «der Rang abgelaufen wurde», wie die Autorin in der «SonntagsZeitung» schreibt? Was sind schon internationale Restaurant-Ranglisten im Vergleich mit Produkten und Rezepten, die so einfach, essenziell und klassisch sind, dass sie seit Jahrhunderten den Geschmack so vieler Menschen treffen? Woher kommen die beliebtesten Teigwaren der Welt?

Nein, nicht aus Dänemark.

Kurz: Italien verlöre seinen Reiz, wenn es mit anderen Ländern wetteifern würde um Innovationspreise in Küche, in der Kultur, auf dem Fussballplatz. Die Lebensfreude, das Herzliche, Spontane, Charmante – sie gingen verloren.

Ich freue mich. Auf mein nächstes Mal. Italien. Mittags Spaghetti, abends – zur Abwechslung – Pasta.

17 Kommentare
    Gerold von Rickenbach

    Bravo, Hr. Bindella. Genau so ist es. Was kennen wir schon von Dänemark? Food, Beverage? Fehlanzeige! Vielleicht Kleider und blonde (weisse) Haare.

    Was ist das gegen Prociuto, Parmesan, Spaghetti, Vitello Tonato tönt schon wie eine Sequenz einer Arie, Olio, Mozzarella,.... Spaghetti, Pasta è basta, e il vino, le dolce. Das ist nur ein Bruchteil der Kultur die wir fast alltäglich auch zumindest zum Teil nutzen ohne es wahr zu nehmen. Alles von bel paese Italia