Italien wird von einem politischen Ultra regiert

Die Fankurven der italienischen Fussballclubs werden von Rechtsextremen dominiert. Innenminister Salvini lässt sich mit ihnen fotografieren.

Opfer der Rassisten: Der Senegalese Kalidou Koulibaly. Foto: AP, Keystone

Opfer der Rassisten: Der Senegalese Kalidou Koulibaly. Foto: AP, Keystone

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Es soll auch Italiener geben, die sich nicht für Fussball interessieren. Viele sind es allerdings nicht, und auch sie können sich dem Sog des Calcio schlecht entziehen. Mit seinen Ritualen durchdringt er alles, den ganzen italienischen Alltag. Der Fussball ist ein Spiegel des Belpaese, im Moment blitzt mal wieder die hässliche Fratze zurück. Nicht ganz zufällig.

Die Italiener schauen Fussball, spielen Fussball, sprechen über Fussball, wetten auf Fussball, streiten und lachen über Fussball, necken sich gegenseitig mit Fussball, leiden am Fussball. Ständig, quasi religiös. Jeder weiss von jedem, welchem Verein er anhängt. Man weiss das auch von jedem Politiker, Schauspieler, Schriftsteller, Grossunternehmer. Wer sehr viel Geld hat, kauft sich in Italien einen Fussballclub. Für Ruhm und Gunst im Volk. Silvio Berlusconi brachte es so bis an die Macht.

Nichts vereint Nord- und Süditaliener, die sonst fast alles trennt, mehr als Fussball. Es ist das Spiel aller, «il gioco di tutti», die grosse Ersatzreligion. Und vielleicht ist die Welt des Calcio gerade deshalb archaisch geblieben. Spiele sind wie Stammesfehden und Glaubenskriege. Während sich die Stadien in anderen Ländern mittlerweile zivilisiert wie Theatersäle anfühlen, sind italienische Arenen noch rotzig aufgeladene Kampfbühnen. Immer nahe an der Explosion, immer ein bisschen gefährlich. Wenn man zum Beispiel ins römische Olympiastadion will, muss man davor drei, manchmal vier Leibesvisitationen erdulden. Die Polizisten prüfen sogar, was auf den Schals steht: Es könnte etwas Unsägliches sein, etwas Rassistisches oder Antisemitisches.

Ausserparlamentarische Gruppen haben die Kurven unterwandert, das ging ganz einfach.

In den Kurven der Ultras, der harten Fans, die sich untereinander gerne «Krieger» nennen, herrscht die extreme Rechte, und zwar fast überall. Man sieht es an den faschistischen Insignien, an den Tattoos mit Adlern und Kreuzen, an der einschlägigen Mode, den rasierten Schädeln. Man hört es auch an den Chören, an den gebrüllten Affenlauten gegen afrikanische Spieler. Ausserparlamentarische Gruppen haben die Kurven unterwandert, das ging ganz einfach. In manchen Städten sind die Ultras so mächtig geworden, dass sie ihre Vereine erpressen können. Zufrieden sind sie nur, wenn sie Gratiskarten, Reisetickets und Lizenzen für den Verkauf von Fanartikeln erhalten. Sonst drohen sie mit Gewalt. Spieler, Clubpräsidenten, Verbandsleute, Polizisten: Alle fürchten die kriminellen Banden.

Seit 20 Jahren geht das schon so. Manchmal empört sich das Land – wie jetzt wieder, nach den rassistischen Chören gegen den senegalesischen Spieler Kalidou Koulibaly am Stephanstag im Mailänder Stadion San Siro. Dann heisst es, Italien brauche «eine Margaret Thatcher», jemanden also, der die Hooligans in die Knie zwinge, wie das die britische Premierministerin in den Achtzigern geschafft hatte. Doch die Empörung verpufft immer schnell.

Der italienische Staat bekommt das Problem nicht in den Griff. Kann er nicht? Oder will er nicht? In Italien gibt es 45'000 Hooligans, organisiert in 450 Gruppen. Man kennt sie. Die Zeitungen zeigen regelmässig Landkarten mit ihrer geografischen Verortung und politischen Gesinnung. Der Ultra aus Varese etwa, der bei den Randale vor dem Spiel Inter Mailand gegen Neapel umgekommen ist, gehörte Blood & Honour an, einer Gruppe von Neonazis.

Nur einige Tage vor dem schändlichen Weihnachtsspiel hatte sich Matteo Salvini, der rechteste Innenminister seit republikanischem Gedenken und angefressener Anhänger des AC Milan, mit einer Abordnung von Ultras seines Leibvereins getroffen. Für Selfies. Er nannte sie «gente perbene», anständige Leute. Stadionsperren wegen rassistischer Chöre? Findet Salvini falsch. Von wegen Margaret Thatcher: Italien wird von einem politischen Ultra regiert.

Erstellt: 31.12.2018, 10:56 Uhr

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