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John David Washington in «Tenet»James Bond, gerührt und zerstückelt

Der Sohn von Denzel Washington macht den neuen Film von Christopher Nolan erst zum Ereignis: Mit seiner Körperlichkeit überwindet er jede Hürde.

Der nächste 007? Der ehemalige Footballstar John David Washington vereint in «Tenet» Athletik mit Schlagfertigkeit.
Der nächste 007? Der ehemalige Footballstar John David Washington vereint in «Tenet» Athletik mit Schlagfertigkeit.
Foto: PD

Hallo John David Washington, ich sitze hier in Bern. Das ist die Stadt, in der gefälschte Goya-Zeichnungen verkauft werden…

…oh ja. Ha, ha. Kaufen Sie mir eine? Ich war leider noch nie in der Schweiz. Alles, was mich mit dem Land verbindet, ist meine Leidenschaft, es einmal zu besuchen.

So gehen Interviews im Corona-Zeitalter. Der Befragte sitzt in Los Angeles, der Befrager in der Schweiz. Am Mittwochabend gaben die Protagonisten von «Tenet» via Zoom Auskunft über den ersten Hollywood-Blockbuster nach der Krise, der nach einigen Verzögerungen nun endlich in die Kinos kommt. Es ist das erwartete bildgewaltige Spektakel von Christopher Nolan, in dem ein Agent ohne Namen – eben John David Washington – etwas verhindern soll, was als «schlimmer als der nukleare Holocaust» bezeichnet wird.

Retter des Kinos? Christopher Nolan (rechts) mit John David Washington auf dem «Tenet»-Set.
Retter des Kinos? Christopher Nolan (rechts) mit John David Washington auf dem «Tenet»-Set.
Foto: PD

Was genau? Da wird es schon kompliziert. Und John David Washington, 36, der da in einem modisch schwarzweissen T-Shirt vor pechschwarzem Hintergrund sitzt, wird bestimmt nichts verraten. Aber zwei gefälschte Goya-Werke spielen tatsächlich eine Rolle im Spektakel. Sie wurden, wird einmal gesagt, in der Schweizer Bundesstadt erstanden. Und bringen den Agenten auf eine Spur, die ihn zu einem russischen Oligarchen (Kenneth Branagh) und dessen Frau (Elizabeth Debicki) führt. Womit noch nichts verraten ist über den wahren Clou des Films. Und all seinen Verästelungen.

Ehrlich, John David Washington, haben Sie alles verstanden in «Tenet»?

Nein. Unmöglich. Aber ich will ihn noch mehrmals anschauen, wie jeden Film von Christopher Nolan. Und ich rate allen: Machen Sie sich beim ersten Mal nicht zu viele Gedanken, lassen Sie sich einfach treiben. Dann gehen Sie ein zweites Mal hin, um ein paar Dinge zu entschlüsseln.

Das ist natürlich eine Gebrauchsanweisung, die den Produzenten (und den Kinobesitzern) gefällt. «Tenet» ist im Lauf der letzten Monate zum Hoffnungsfilm geworden für die gebeutelte Branche, der das Publikum abhandengekommen ist. Es ist das bisher teuerste und ambitionierteste Projekt dieses Regisseurs. Der hat immerhin das Superheldengenre mit seiner «Dark Knight»-Trilogie neu definiert. Und im gleichen kraftvollen Stil auch immer wieder eigene Geschichten auf die Grossleinwand gehievt.

Nolan ist die perfekte Symbolfigur für einen Neustart. Der Sohn einer Amerikanerin und eines Engländers beherrscht das grosse Kino, all seine Filme haben trotz Riesenbudgets viel Geld eingespielt. Er inszeniert aber mit dem Gusto eines Autorenfilmers, seine Geschichten sind vertrackt und laden zum Rätseln ein. Das funktioniert auch gut, weil die Hauptrollen in der Regel von Stars gespielt werden.

Leonardo DiCaprio, Christian Bale, Al Pacino – als Hauptdarsteller eines Nolan-Films treten Sie ein grosses Erbe an. Hat Sie das nicht nervös gemacht, John David Washington?

Was soll ich da sagen? Ich bin Fan dieser Schauspieler, seit ewig. Es ist eine Ehre, in dieser Reihe zu stehen. Nachträglich betrachtet, war es vielleicht tatsächlich auch eine Belastung, mir war schon bewusst, dass ich Gewicht auf den Schultern trage. Aber beim Filmen habe ich zum Glück nie daran gedacht. Es hätte mir nicht gutgetan.

John David Washington trägt als Sohn von Denzel selber einen grossen Schauspielernamen. Als Kind stand er mit seinem berühmten Vater 1992 erstmals vor der Kamera, in «Malcolm X» von Spike Lee. Derselbe Regisseur holte ihn 25 Jahre später zurück für seine erste grosse Hauptrolle in «BlacKkKlansman». Aber vorher suchte John David eigene Wege, begann American Football zu spielen, machte sich dort einen Namen als Runningback in einer Profiliga. Bis ihn eine Verletzung mit 26 Jahren an der Fortsetzung der Karriere hinderte.

Memento (2000)

Guy Pearce Christopher Nolans erster Star war der Australier aus «Priscilla, Queen of the Desert». Damals im Zenit seiner Bekanntheit.

Die Zeit? Klar, die Geschichte um ein Verbrechen und Gedächtnisverlust wird rückwärts erzählt. Aber auch ein wenig vorwärts – damit ist einiges aus «Tenet» schon da.
Memento (2000)
Guy Pearce Christopher Nolans erster Star war der Australier aus «Priscilla, Queen of the Desert». Damals im Zenit seiner Bekanntheit.
Die Zeit? Klar, die Geschichte um ein Verbrechen und Gedächtnisverlust wird rückwärts erzählt. Aber auch ein wenig vorwärts – damit ist einiges aus «Tenet» schon da.
Foto: Alamy Stock Photo
Insomnia (2002)

Al Pacino Niemand hat so schöne Augenringe wie er. Schlaflosigkeit plagt seine Polizistenfigur bei Ermittlungen in Alaska, wo die Sonne nicht untergeht. Sein Gegenspieler ist Robin Williams.

Die Zeit? Im Zustand der Schlaflosigkeit verwischt alles, Erinnerungen und Imaginiertes werden eins. Mit der Zeit zerfällt deshalb auch die Hauptfigur.
Insomnia (2002)
Al Pacino Niemand hat so schöne Augenringe wie er. Schlaflosigkeit plagt seine Polizistenfigur bei Ermittlungen in Alaska, wo die Sonne nicht untergeht. Sein Gegenspieler ist Robin Williams.
Die Zeit? Im Zustand der Schlaflosigkeit verwischt alles, Erinnerungen und Imaginiertes werden eins. Mit der Zeit zerfällt deshalb auch die Hauptfigur.
Alamy Stock Photo
Tenet (2020)

John David Washington Der Sohn von Denzel trägt einen bekannten Namen. Aber nicht deswegen ist er der perfekte Hauptdarsteller für alle Zeitkapriolen – hier mit Elizabeth Debicki.

Die Zeit? Inversion heisst das Schlüsselwort. Mehr soll nicht gesagt sein. Seltsam ist, dass das – bei Nolans Vorliebe für I-Wörter – nicht zum Filmtitel wurde. Aber «Tenet» ist auch gut.
Tenet (2020)
John David Washington Der Sohn von Denzel trägt einen bekannten Namen. Aber nicht deswegen ist er der perfekte Hauptdarsteller für alle Zeitkapriolen – hier mit Elizabeth Debicki.
Die Zeit? Inversion heisst das Schlüsselwort. Mehr soll nicht gesagt sein. Seltsam ist, dass das – bei Nolans Vorliebe für I-Wörter – nicht zum Filmtitel wurde. Aber «Tenet» ist auch gut.
Bild: Warner Bros.
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«Bitte stellen Sie keine Fragen zum berühmten Papa», hat eine Agentin aus Los Angeles zwei Stunden vor dem Interview noch extra telefonisch durchgegeben. Das ist auch nicht notwendig, John David Washington hat sich oft dazu geäussert. Manchmal habe er als Kind erzählt, sein Vater sei im Gefängnis, um nicht mit dem Star in Verbindung gebracht zu werden. Die schönste Geschichte aber ist diese: «Kennst du Kirk Douglas?», soll ihn sein Vater einmal gefragt haben, als John David 11 Jahre alt war und auf keinen Fall Schauspieler werden wollte. «Nein», antwortete das Kind. Worauf der Vater sagte: «Aber Michael Douglas kennst du sicher, oder?» Ja!

Sehen Sie sich eigentlich immer noch als Anfänger?

Ja und nein. Klar habe ich nicht die Erfahrung von Michael Caine oder Robert Pattinson, mit denen ich spiele. Und ich weiss, dass sich Kollegen in Interviews immer gegenseitig loben. Aber die Routine dieser Kollegen hat mir beim Erarbeiten der Szenen wirklich geholfen. Besonders beim Herausarbeiten der versteckten Wahrheiten. Im konkreten Fall hatten diese oft mit der dunklen Seite der Geschichte zu tun, was die Sache nicht einfach machte.

Eben, diese Geschichte. Offensichtlich ist, ohne zu viel zu verraten, dass Christopher Nolan einmal mehr die Zeit zerhackt und zerstückelt. Inversion, lautet das Zauberwort, es geht um die Umkehrung der Zeitläufe. Der Schlüssel ist das titelgebende Wort «Tenet», das vor- und rückwärts gelesen werden kann. Es ist der Ursprung für die Anspielungen und Verwicklungen in alle Richtungen.

Nolan inszeniert dies aber unter dem Vorwand eines klassischen Spionagefilms. Und wenn er nach seiner Inspiration und Vorbildern gefragt wird, nennt er nicht etwa grosse Philosophen, wie ein Fragesteller am Mittwochabend suggerieren will. Nein, er kommt mit James Bond. Und zwar mit «The Spy Who Loved Me» mit Roger Moore, in dem die Schwerkraft – das Auto, das unter Wasser fährt – auch aufgehoben zu sein scheint.

John David Washington, haben Sie mit Christopher Nolan über den Begriff der Zeit diskutiert, wenn Sie gemeinsam eine Szene erarbeiteten?

Nein, ich bin da einfach reingesprungen. Meine Rolle war körperlich so anstrengend, dass ich mich voll auf die Bewegungen und Läufe konzentrieren musste. Da habe ich sicher auch von meiner Karriere als Sportler profitiert. Die Wissenschaft aber habe ich Christopher Nolan überlassen.

Die Körperlichkeit von John David Washington ist tatsächlich verblüffend im Film. Geschmeidig und tänzelnd bewegt er sich durch diese Welt mit all ihren Hindernissen. Dabei erinnert er an den jungen Sean Connery. Und wie dieser beherrscht er auch die kurzen Bonmots. Nach einer witzigen Dialogszene in einem steifen englischen Club, bei der er nicht zum Essen gekommen ist, weist er den Kellner an: «Packen Sie mein Essen ein!» Dessen Gesicht ist Gold wert.

«Wer würde das schon ablehnen? Ich bin ja nicht verrückt»

John David Washington über die James-Bond-Rolle

Apropos Sean Connery: «Goldfinger» ist der Lieblings-Bond-Film von John David Washington. Und da ist noch etwas: Die 007-Stelle wird doch, nachdem Daniel Craig seinen letzten Film gedreht hatte, wieder frei.

Könnte die Bond-Rolle nicht etwas für Sie sein, John David Washington?

Wer würde so etwas schon ablehnen? Ich bin ja nicht verrückt. Alle wollen doch James Bond spielen!

John David Washington wäre ein wunderbarer neuer Bond. Der einzige Nachteil: Er hat den Part in «Tenet» eigentlich schon gespielt, mit allen Accessoires: coolen Jachten, schnellen Autos, trockenen Sprüchen. Und ein besseres Drehbuch dafür dürfte er nicht mehr bekommen. Der Vorteil aber: Vielleicht würde ihn die Reise dann mal in die Schweiz führen. 007 schaut ja ab und zu hier vorbei.

«Tenet»: ab dem 26. August in den Kinos