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Kommentar zur FilmkriseIst das der Anfang vom Ende des Kinos?

Der Disney-Blockbuster «Mulan» läuft statt auf grosser Leinwand nur im Netz. Was das für uns als Publikum und für den neuen James-Bond-Film bedeutet.

Die James-Bond-Premiere zu Hause für 30 Franken? Dann doch lieber ins Kino. Szene aus «No Time to Die».
Die James-Bond-Premiere zu Hause für 30 Franken? Dann doch lieber ins Kino. Szene aus «No Time to Die».
Foto: PD

Am 12. November soll der neue «James Bond» in den Kinos starten. Besonders in Europa ist das der Film, auf den alle warten, mehr noch als auf die jetzt immer wieder verschobenen Sommerblockbuster «Mulan» und «Tenet». Aber wie wäre es, wenn wir den 007-Agenten bequem zu Hause auf dem Sofa empfangen könnten, mit hochgelagerten Beinen und einem Wodka Martini in der Hand? Wären wir bereit, dafür bis zu 30 Franken zu bezahlen (ohne Getränk, natürlich)?

Genau das bietet Disney mit «Mulan» an. Weil Ende August ein weltweiter Start des Actionfilms um die chinesische Kriegerin nicht möglich ist, wurde die Premiere ins Netz verlegt: Kunden der Plattform Disney+ können den Film ab dem 4. September daheim anschauen. Aber nicht gratis. 30 Dollar verlangt Disney für den «Eintritt», also mehr als den Preis eines Kinobilletts.

Kämpft ab 4. September nur im Netz, auf der Plattform Disney+: Liu Yifei in der Titelrolle von «Mulan».
Kämpft ab 4. September nur im Netz, auf der Plattform Disney+: Liu Yifei in der Titelrolle von «Mulan».
Foto: Keystone

Das sei kein neues Geschäftsmodell, betont Disney-CEO Bob Chapek, sondern ein «einmaliger Fall» angesichts der Corona-Krise. Und doch dürfte das Schicksal des Films einen entscheidenden Einfluss auf die Gewohnheiten von uns Kinogängerinnen und Kinogängern haben. Funktioniert es, werden sich auch andere Hollywood-Studios überlegen, ihre Blockbuster nur noch online zu lancieren. Das wäre für diese erst noch finanziell lukrativ, weil die Abgaben an die Säle und Zwischenhändler entfallen.

Ist das also das Ende des Kinos, wie wir es kennen? Ja und nein. Ja, weil Onlinepremieren längst eine Tatsache geworden sind: Universal hat seinen Animationsfilm «Trolls World Tour» im Frühling nur online gestartet und damit im Netz mehr eingenommen als vor vier Jahren mit dem Vorgängerfilm «Trolls» in den Kinos. Nein, weil das bei bestimmten Filmen wie dieser musikalischen Komödie für ein junges Publikum funktionieren kann. Aber nicht bei James Bond.

Es gab auch erfolgreiche Kinos

Die Onlinedienste sind auf die viel beschworene Magie der Kinosäle genauso angewiesen wie auf zugkräftige Filme mit Stars und Glamour. Dafür braucht es mediale Verbreitungsmaschinen wie das 2020 ausgefallene Festival von Cannes oder grosse Kinopremieren in Los Angeles und London. Dafür braucht es aber auch das kleine, mit Liebe programmierte Studiokino, wo man eine Entdeckung machen kann, die man in den Weiten des Netzes niemals finden würde. Es gibt nämlich nicht nur Hiobsbotschaften von der Front: Das Berner Kino Rex hat im Juni und Juli, trotz Corona, mit Vorführungen mehr eingenommen als vor einem Jahr.

Selbstverständlich sind die Kinos in der Krise. Wie in vielen Branchen werden die Karten, beschleunigt durch das Virus, neu gemischt. Dazu gehört, dass das Nebeneinander zwischen Online und Vorstellungen im Saal anders definiert wird. Im Arthouse-Bereich erahnt man, wie das funktionieren könnte: ein breites Angebot online, das in seiner Vielfalt Lust macht auf diesen einen Film, den man sich im Saal ansehen möchte.

Die Corona-Krise verlangt den traditionellen Kinos viel ab. Viele Säle bleiben leer. Hier ein Desinfektionstrupp in Indien.
Die Corona-Krise verlangt den traditionellen Kinos viel ab. Viele Säle bleiben leer. Hier ein Desinfektionstrupp in Indien.
Foto: Keystone

Das kann nicht nur mit Nischenfilmen funktionieren, sondern auch mit Hollywood-Produktionen. Die Traumfabrik muss uns, auch um ihre an Bedeutung zunehmenden Onlinedienste zu bewirtschaften, mit Filmen versorgen, die in den Sälen laufen. James Bond wird – im November oder allenfalls erst im nächsten Frühjahr – in den Kinos starten. Nicht zuletzt trägt sein neues Abenteuer einen geradezu programmatischen Titel: «No Time to Die».

Es ist nicht Zeit für das grosse Kinosterben. Darauf wette ich einen Wodka Martini. Natürlich geschüttelt, nicht gerührt.