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Kanon der QuarantäneJamie Olivers «böser Bruder»

Er war der Rockstar unter den Chefs: Anthony Bourdains «Geständnisse eines Küchenchefs» haben das Image des Kochberufs bis heute verändert.

Nach seinem Bucherfolg reiste er als TV-Küchenchef um die Welt: Anthony Bourdain in Singapur.
Nach seinem Bucherfolg reiste er als TV-Küchenchef um die Welt: Anthony Bourdain in Singapur.
Foto: Keystone

«Was Sie über Restaurants nie wissen wollten» lautete der Untertitel der deutschen Version. Leider war das komplett falsch: Die «Geständnisse eines Küchenchefs», im Jahr 2000 vom amerikanischen Küchenchef Anthony Bourdain veröffentlicht, waren eigentlich genau das Gegenteil davon.

Denn klar wollten alle lesen, wie in teuren New Yorker Sternelokalen das Chateaubriand unsachgemäss in der Fritteuse landete, wenn Gäste es gut durchgebraten bestellten. Alle wollten erfahren, wie aus alten Fischabfällen Eierkuchen für den Brunch wurden, weil die Helden am Herd zugedröhnt und angepeitscht von harter Rockmusikdachten, die Kundschaft bestünde eh aus Idioten. Oder, noch schlimmer, aus Extra-Saucen-Bestellern, Vegetarierinnen und Laktose-Intoleranten.

In Bestform unter Drogeneinfluss

Anthony Bourdains autobiografisches Werk kennt kein Pardon. Weder in der Offenheit darüber, was in den Küchen New Yorks in den Achtzigerjahren der Usus war, noch in der Schonung des Autors selbst. Er versucht erst gar nicht zu verharmlosen, dass er damals am besten in Form war, wenn Alkohol, Drogencocktails und Schlafmangel ihn zum Zombie machten. Und dass es auch mit seinen Kochkünsten bachab ging, wenn er mal klar und nüchtern unterwegs war. Dies, notabene, unterschied ihn deutlich von der zweiten Küchenchef-Figur, welche diese Epoche prägte: von Jamie Oliver.

Der Brite Oliver war der smarte Schwiegersohn, der in der Küche die richtigen Tricks zeigte und in die Kamera lächelte. Der Amerikaner Bourdain dagegen (der sich zuvor auch als Krimiautor versucht hatte) war gewissermassen Jamies «böser Bruder», der das echte, knallharte Underdog-Leben in den Küchen der Weltkulinarik zeigte. Der von verbrannten, mit Narben übersäten Händen berichtete, vom schnellen Sex in der Kühlkammer mit der Barfrau. Von der Hierarchie, in welcher der Tellerwäscher und die Serviceangestellte immer zuunterst stehen. Kurzum: Er konnte glaubhaft darstellen, wie nahe das Leben eines Küchencracks an demjenigen eines Rockstars sein kann.

Dank ihm wurde der Kochberuf sexy

Und damit hat Anthony Bourdain, der sich vor zwei Jahren in einem Hotelzimmer in Frankreich das Leben nahm, wohl mehr dazu beigetragen als Jamie Oliver, dass der Beruf des Kochs nach der Jahrtausendwende plötzlich sexy geworden ist – auch hierzulande. Man kann getrost behaupten, dass es all die extrovertierten, von Kopf bis Fuss tätowierten Köchinnen und Köche von heute ohne die «Geständnisse» nicht gäbe. Die jungen Frauen und Männer, sie wären ohne Bourdain wohl Gärtnerinnen oder Gitarristen geworden.

Anthony Bourdain: Geständnisse eines Küchenchefs: Was Sie über Restaurants nie wissen wollten. Taschenbuchausgabe von Wilhelm-Goldmann-Verlag, München 2003. 352 S., ca. 16 Fr.
Anthony Bourdain: Geständnisse eines Küchenchefs: Was Sie über Restaurants nie wissen wollten. Taschenbuchausgabe von Wilhelm-Goldmann-Verlag, München 2003. 352 S., ca. 16 Fr.
4 Kommentare
    Claire Deneuve

    Soviel "Sex, Drugs and Rock 'n Roll" brauche ich in der Gastronomie eigentlich gar nicht. Aber wenn Corona dazu beiträgt, dass den auch in der CH leider nicht wenigen sogenannten "Grüselbeizen" endgültig den Garaus zu machen, dann hätte dieses Virus im Gastgewerbe wenigstens etwas positives bewirkt, denn pingelige Hygiene wird in Zukunft für die Gastronomie das A & O sein und man kann nur hoffen, dass die Lebensmittelinspekteure in Zukunft knallhart durchgreifen werden mit drakonischen Strafen für eine unbelehrbare Minderheit der "Grüselköche"!