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Streit um InteressenkonfliktJanet Yellen kassierte Hunderttausende Dollar von CS und UBS

Nach ihrem Ausscheiden bei der US-Notenbank trat die künftige US-Finanzministerin als hoch bezahlte Rednerin auf. Nun muss sie beweisen, dass sie unabhängig von den Wallstreet-Banken ist.

Ex-Notenbankchefin Janet Yellen soll Finanzministerin werden. Deshalb rückt ihre frühere Vortragstätigkeit in den Fokus.
Ex-Notenbankchefin Janet Yellen soll Finanzministerin werden. Deshalb rückt ihre frühere Vortragstätigkeit in den Fokus.
Foto: Brendan Smialowski (AFP)

Die Beziehungen zwischen der Finanzindustrie und der Regierung in Washington sind traditionell eng. Ex-Notenbankchefin Janet Yellen, die zukünftige Finanzministerin werden soll, bildet hier keine Ausnahme. Nach ihrer Entlassung als Fed-Chefin im Februar 2018 trat sie mehr als 50-mal vor Wallstreet-Banken und Techfirmen auf und kassierte dafür über sieben Millionen Dollar, wie sie selbst publik machte. Auch die Schweizer Grossbanken waren mit von der Partie, wobei die Credit Suisse mit dem höchsten Honorar überhaupt glänzte.

Die designierte Finanzministerin macht dabei nichts anderes, was nicht schon US-Präsidenten, Generäle und Minister vor ihr praktizierten: Sie verkauften ihr Wissen, ihre Beziehungen und ihren Bekanntheitsgrad an Unternehmen. Prominentes Beispiel: Barack Obama sprach 2017 an einer Wallstreet-Konferenz über das Gesundheitswesen, kassierte 400’000 Dollar – und heftige Kritik.

Was Yellens Fall besonders macht

Was Yellen allerdings von ihren Vorgängern bei der Notenbank, Ben Bernanke und Alan Greenspan, abhebt, ist ihr Job. Bernanke und Greenspan gingen in die Privatwirtschaft und blieben dort. Yellen dagegen kehrt in die Politik zurück und muss exakt jene Banken beaufsichtigen, von denen sie sich in den vergangenen Jahren als gut bezahlte Rednerin engagieren liess.

Yellen selbst ist bemüht, den Interessenkonflikt zu entschärfen. So unterschrieb sie nach ihrer Nominierung im Dezember eine Erklärung, wonach sie sich ein Jahr von Geschäften distanzieren wolle, die frühere Kunden betreffen. Doch ganz ausgeräumt hat sie die Bedenken nicht. Die Zahl ihrer Kunden sei zu gross, um die Beziehungen sauber abzugrenzen, meint David Segal, Direktor von Demand Progress, einer auf Transparenz in der Politik spezialisierten Vereinigung mit zwei Millionen Mitgliedern. Die Lage sei «besonders unglücklich», sagt er, «weil sich Präsident Biden in Sachen Interessenfilz von Trump abheben will».

Interessenkonflikte mit der Finanzindustrie sind für die neue Regierung heikel. Biden hat versprochen, Trumps Laisser-faire abzustellen.

Auch die linke demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez ist kritisch. «Es ist vermutlich nicht populär, aber es ist wichtig, zu wissen, woher Regierungsmitglieder ihr Einkommen beziehen, und zwar unabhängig von Geschlecht und Partei. Mag sein, dass Frauen kritischer beurteilt werden, doch die Beziehungen zu Wallstreet sind wichtig genug, um sie zu untersuchen

Interessenkonflikte mit der Finanzindustrie sind für die Regierung Biden besonders heikel, hat der gewählte Präsident doch versprochen, das Laisser-faire von Präsident Trump abzustellen. Eine Rückkehr zu einer strikten Regulierung würde den Widerstand der Wallstreet-Institute provozieren. Insbesondere der Vorschlag, wonach keine Bank mehr als 10 Prozent der Konten in den USA kontrollieren darf, ist explosiv, da dies nur mit der Aufspaltung der grössten Banken zu haben wäre.

Weiter will Biden mit einer Postbank eine neue, günstige Konkurrenz schaffen, die Kreditvergabe an ärmere Haushalte erleichtern sowie die Unternehmens- und die Dividendensteuer erhöhen. Dies alles wird Yellen fordern: Sie wird beweisen müssen, dass sie es mit ihrer Unabhängigkeit von ihren früheren Kunden ernst meint.

Harte Fragen im Senat

Yellen verdiente mit Reden und Workshops 7,2 Millionen Dollar, überwiegend mit Wallstreet- und Auslandbanken und zweimal im Silicon Valley bei Google und Salesforce. Bei der Credit Suisse war sie im März 2019 eingeladen und kassierte ein Spitzenhonorar von 292’500 Dollar. Beim zweiten Mal im vergangenen September waren es noch 67’500 Dollar, wie aus Yellens offizieller Zusammenstellung hervorgeht. Bei der UBS trat sie im Juni 2019 für ein Honorar von 112’500 Dollar auf. Beinahe ein Stammgast war sie bei der Citigroup, wo sie neunmal auftrat und 992’000 Dollar verbuchte.

Ob Yellen ihre Reden vor den Banken nun publik machen muss, ist unklar. Der Druck könnte allerdings beim Bestätigungsverfahren im Senat wachsen. Wie im Jahr 2016, als Hillary Clinton während ihrer Wahlkampagne wegen ihrer Reden vor Banken kritisiert wurde. Zwischen 2013 und 2015 verdiente Clinton mit 92 Auftritten über 21 Millionen Dollar.

Das Team Biden verteidigte Yellen mit dem Hinweis auf ihre Zeit als Chefin der Notenbank: «Sie ist nicht jemand, der gegenüber Übeltätern und illegalen Aktivitäten nachgibtAls Exempel dient die Bank Wells Fargo, die Hunderttausende Kunden, vor allem mit tiefen Einkommen, mit Lockvogelangeboten betrogen hatte. Yellen verhängte harte Sanktionen und erzwang Wechsel in der Führungsspitze, von denen sich die Bank bisher nicht erholt hat.

7 Kommentare
    Theo Camenzind

    Keiner würde wohl das Geld der Banken ablehnen, wenn diese ihr Füllhorn über die Referenten ausschütten. Umso höher sind die Ansprüche an Yellen, ihre Unabhängigkeit zu wahren. Fragen bleiben dennoch. Wieso bezahlen die Banken derart viel? Weil sie damit eben doch goodwill kaufen wollen?