Zum Hauptinhalt springen

Netflix-GrosserfolgeJapans versteckte Sehnsüchte

Romantische Serien aus Südkorea werden in Japan geliebt. Dabei sieht die politische Wirklichkeit ganz anders aus.

Screenshots aus der koreanischen Serie «Crash Landing on You». Die Serie wurde auch in der Schweiz gedreht, hier auf der kleinen Scheidegg.
Screenshots aus der koreanischen Serie «Crash Landing on You». Die Serie wurde auch in der Schweiz gedreht, hier auf der kleinen Scheidegg.
TVN / Netflix

Die Studentinnen Rika Obara und Miu Takahashi sind Vertreterinnen der japanischen Vernunft. Sie fügen sich den Abstandsregeln zum Coronavirus-Schutz. Aber dass sie die Pandemie ohne Trost und Ablenkung ertragen könnten, würden sie nicht behaupten.

Die Stayhome-Langeweile haben sie sich mit vielen Fernsehserien vertrieben, in erster Linie mit solchen aus dem Nachbarland Südkorea. Rika Obara, 20, und Miu Takahashi, 21, stehen nahe dem Bahnhof von Harajuku in Tokio in der Schlange. Sie wollen eine Sonderausstellung über das K-Drama «Crash Landing on You» sehen, ihre Lieblingsserie der vergangenen Monate, eine romantische Actionkomödie. «Ich habe das Gefühl, das ist für alle Altersgruppen», sagt Rika Obara und fügt später etwas grundsätzlicher hinzu: «Wenn man erst mal angefangen hat, südkoreanische Serien zu sehen, hört man auf damit, japanische zu schauen.»

Japans Vorliebe für die Unterhaltungskultur aus Südkorea ist ein wohltuender Kontrast zur politischen Wirklichkeit. Das Verhältnis zwischen den Regierungen beider Länder ist schlecht. Korea war zwischen 1910 und 1945 Japans Kolonie, heute wird über die Aufarbeitung dieser Zeit gestritten, über territoriale und wirtschaftliche Fragen. Aber wenn es um die K-Dramen geht, die in Streamingdiensten oder im Fernsehen laufen, sind viele Japanerinnen und Japaner bekennende Südkorea-Fans.

Südkoreas Menschen gelten als emotional, offen, launisch

Dass «Crash Landing on You» zum Pandemie-Hit wurde, liegt auch an der in Japan bekannten Son Ye-jin. Sie spielt eine reiche Geschäftsfrau, die von einem Sturm beim Gleitschirmfliegen nach Nordkorea geweht wird und sich dort in einen Offizier (Hyun Bin) verliebt. Ein Jahr nach ihrer Japan-Premiere rangiert die Serie immer noch konstant unter den ersten zehn der japanischen Netflix-Charts. Diese verteilen sich nur auf zwei Genres: japanische Anime und südkoreanische Romantikserien.

Der Hang zum K-Drama erzählt viel über Japans versteckte Sehnsüchte. Südkoreas Menschen gelten als emotional, offen, launisch – ganz anders als die reservierten und bis zur Selbstaufgabe höflichen Japanerinnen und Japaner.

Die K-Dramen sind Inszenierungen von Eigenschaften, die man in Japan wohl auch gern hätte. Menschen bekennen sich zu ihren tiefsten Gefühlen, weinen, zürnen, lachen, rennen gegen Widerstände an, erfüllen sich letztlich ihre Träume. Edle Männer treten auf, verschlagene Bösewichte – und starke Frauen, die bei Bedarf auch mal Gatten oder Geschäftspartner verprügeln. Das gefällt den Japanerinnen, die in einer relativ starren Machogesellschaft bestehen müssen. Rika Obara und Miu Takahashi stimmen zu, auch wenn sie bisweilen über den südkoreanischen Hang zur Übertreibung lächeln. «Manchmal ist es zu viel», sagt Miu Takahashi.

Manchmal gibt es vorsichtige Küsse

Möglicherweise mag man die K-Dramen in Japan auch deshalb so gern, weil sie etwas altbacken geblieben sind. Viele amerikanische Netflix-Serien zeigen eine Normalität um Sex und gleichgeschlechtliche Liebe. Für das eher konservative Publikum Asiens ist das wohl zu viel. Die ausschliesslich heterosexuellen Liebespaare in den K-Dramen schauen sich in ihren romantischsten Momenten vor allem lange an. Manchmal gibt es vorsichtige Küsse. Nicht immer wirkt das so steif, wie es klingt. In der Zurückhaltung liegt eine rührende Kraft. In «Crash Landing on You» oder der Seouler Aufsteiger-Geschichte «Itaewon Class» ist Liebe kein beliebiges Feuerwerk der Körperlichkeit. Sondern eine sehr tiefe, schmerzvolle, ehrliche Empfindung.

Über das überzeugende Spiel der K-Drama-Stars vergisst man in Japan die Realpolitik. Die jungen Leute machen ohnehin nicht mit beim Streit der Alten um die japanisch-südkoreanische Vergangenheit. «Wir gehören zu einer Generation, die nicht wirklich in dem Konflikt ist», sagt Miu Takahashi. Zuschauerinnen wie sie wollen gute Geschichten sehen. Und die besten kommen eben aus Südkorea.

5 Kommentare
    Pa We

    Ein sehr guter Artikel. Interessant geschrieben, kritisch und ausgewogen dazu. Da macht es Spass mitzulesen.