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Filmdrama «Sound of Metal»Sehr sehr laut

Ein Schlagzeuger verliert das Gehör – den ZFF-Siegerfilm mit dem Oscarfavoriten Riz Ahmed gibt es jetzt online.

Metal ist die beste Therapie: Ex-Junkie Ruben (Riz Ahmed) an seinen Drums.
Metal ist die beste Therapie: Ex-Junkie Ruben (Riz Ahmed) an seinen Drums.
Foto: Amazon Studios

Eine Explosion aus Lärm und Schweiss eröffnet diesen Film. Schlagzeuger Ruben (Riz Ahmed) drischt auf seine Drums ein, sein drahtiger, tätowierter Körper verwandelt sich in eine perfekte Musikmaschine. Etwas weiter vorn auf der Bühne passiert mit seiner Freundin Lou (Olivia Cooke) dasselbe an der E-Gitarre. Die beiden spielen in wilder Trance, das Publikum des kleinen Clubs im amerikanischen Hinterland tobt.

Gemeinsam bilden Lou und Ruben das Duo Blackgammon. Für die Band in «Sound of Metal» haben sich die Filmemacher vom echten Duo Jucifer aus Georgia inspirieren lassen, das ein Subgenre des Metal betreibt: «Sludgecore». Kenner würden sagen, eine würzige Mischung aus Hardcore-Punk und Doom Metal. Für den Film reicht es aber vollkommen zu wissen: Es ist sehr, sehr laut, was Lou und Ruben da aus ihren Instrumenten herausprügeln.

«Please Kill Me» auf dem Arm

Ihre Lautstärke entspricht dem inneren Druck, den sie loswerden müssen. Ruben ist ein ehemaliger Junkie, seit vier Jahren weg vom Heroin, aber natürlich trotzdem lebenslänglich rückfallgefährdet. «Please Kill Me» lautet eine der vielen Tätowierungen auf seiner Brust. Auch Lou scheint schon eine ordentliche Portion Lebensleid abbekommen zu haben, die vielen Borderliner-Narben auf ihren Armen deuten das zumindest an.

Lou (Olivia Cooke) ist die Sängerin der Filmband «Blackgammon», für die die echte Band «Jucifer» als Vorbild dient.
Lou (Olivia Cooke) ist die Sängerin der Filmband «Blackgammon», für die die echte Band «Jucifer» als Vorbild dient.
Foto: Amazon Studios

Zu Beginn des Films scheinen die beiden es aber geschafft zu haben, alle Depressionen und Aggressionen in ihre Musik zu übertragen. In ihrem riesigen silbernen Wohnmobil, mit dem sie durchs Land und von Club zu Club pilgern, auf einer Art Neverending Tour, trinken sie grüne Smoothies zum Frühstück und haben einander lieb. Dass sie nicht nur beruflich, sondern auch privat ein Paar sind, scheint stabilisierend zu wirken. Dann kommt der emotionale Einbruch, vor dem sie sich gefürchtet haben, der verführen könnte zum Rückfall in alte Verhaltensmuster.

Als sie im nächsten Club ihren Merchandising-Stand aufbauen und sich mit den anderen Metalheads unterhalten, die an diesem Abend auftreten, wird es nach dem lauten Anfang plötzlich ganz still in diesem Film. Ruben fast sich überrascht ans Ohr. Das Geplapper der Kollegen, das Rascheln der Schachteln mit den Bandshirts, der Soundcheck auf der Bühne, das Klirren der Flaschen an der Bar – alles weg.

Klangperspektive des Drummers

Es folgt ein panischer Besuch beim Arzt. Ruben hat fast seine komplette Hörkraft verloren, wird nahezu taub, irreversibel. Ausgerechnet er, der seine Musik, den Lärm, nicht nur zum Leben, sondern zum Überleben braucht.

Regisseur Darius Marder, der sich bislang vor allem als Drehbuchautor einen Namen gemacht hat – unter anderem durch «The Place Beyond The Pines» mit Ryan Gosling–, wusste, dass bei diesem Film vor allem die Tonspur eine Herausforderung sein würde. Deshalb hat er sich die Hilfe des französischen Komponisten und Soundtüftlers Nicolas Becker geholt, der in Hollywood bereits die Klangkonzepte für «Gravity» und «Arrival» entworfen hat. Gemeinsam gestalten sie den Grossteil des Films aus Rubens Klangperspektive. Das gibt der Geschichte, die dramaturgisch eher den Weg des konventionellen Dramas einschlägt, eine bedrückende zusätzliche Dimension.

Weil Lou Angst hat, dass ihr Freund durch den Hörverlust auf die Idee kommen könnte, sich wieder mit Heroin zu betäuben, bringt sie ihn zu einer Therapiegruppe auf dem Land. Sie wird geführt vom Vietnamveteranen Joe (Paul Raci), der im Krieg sein Gehör verlor, zum Alkoholiker wurde, Hilfe fand und sich deshalb selbst der Suchthilfe für Hörgeschädigte widmet.

Ruben hat zunächst keinen Bock. Er will nicht erkennen, dass er sich an ein neues Leben wird gewöhnen, Gebärdensprache wird erlernen müssen. Und dass sein Musikerdasein in der bisherigen Form vorbei ist.

Immer wieder umgeht er die Regeln der Gruppe, versucht, sein altes Leben zurückzubekommen. Schliesslich verkauft er sein gesamtes Equipment und den Tour-Wohnwagen, um sich die Operation für ein Cochlea-Implantat leisten zu können, eine Hörprothese. Was er danach aber hören kann, ist nicht das, was er hören wollte, und die Zuschauer hören es durch die Tonspur des Films mit ihm: Seine Welt klingt wie ein merkwürdiger Widerhall, eine Rückkopplung – metallisch, lückenhaft, fehlerhaft. Mehr kann die Schulmedizin nicht für ihn tun, auch wenn er es nicht fassen kann.

Bester Film am ZFF 2019

Der Brite Riz Ahmed spielt Ruben. Der 38-Jährige dreht schon lange in Hollywood, war unter anderem in «Star Wars: Rogue One» und «Nightcrawler» zu sehen. «Sound of Metal» dürfte für ihn den endgültigen Durchbruch bedeuten. Der Film mit ihm in der Hauptrolle ist bereits 2019 am Zurich Film Festival von Jurypräsident Oliver Stone als bester Spielfilm ausgezeichnet worden.

Viele Branchenmagazine feiern Riz Ahmed für seine Darstellung des verzweifelten Schlagzeugers schon jetzt als potenziellen Grossgewinner der anstehenden Preisverleihungssaison, von den Golden Globes bis zu den Oscars. Tatsächlich könnte er dort sehr gute Chancen haben. Denn so überwältigend hat man in einem Film lange nicht mehr gesehen, dass der Mensch ein maximal tragisches Wesen ist. Weil er sein Leid zu potenzieren gewillt ist, nur um nicht wahrhaben zu müssen, was er trotzdem niemals mehr wird ändern können.

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