Zum Hauptinhalt springen

Milo Raus neuer Film«Jesus erscheint in der Bibel wie ein Irrer»

Wie verfilmt man die Bibel mit einem schwarzen Jesus? Milo Rau zeigt es im Film «Das Neue Evangelium» über ausgebeutete Tagelöhner, der jetzt in Venedig Premiere feiert.

Jesus (Yvan Sagnet) trägt das Kreuz in Milo Raus Film «Das Neue Evangelium».
Jesus (Yvan Sagnet) trägt das Kreuz in Milo Raus Film «Das Neue Evangelium».
Foto: Armin Smailovic

Er hat keine Angst, sich mit den Machthabern dieser Welt anzulegen. So war das jedenfalls in «Das Kongo Tribunal» (2017), Milo Raus letztem Projekt, worin er die Massaker in jenem afrikanischen Land mit Schauprozessen aufarbeitete und dabei nicht nur den Opfern, sondern auch den Tätern eine Plattform gab. «Es war ein Werk über die grossen Strukturen», sagt der Schweizer Theater- und Filmemacher in einem Garten am Lido di Venezia.

Im Film «Das Neue Evangelium», der jetzt am Festival in Venedig Premiere feiert, ist die Ausgangslage anders, «weil der Blick von unten von der Bibel vorgegeben war». Dieses Buch ermögliche eine identitätspolitische Sicht auf eine ökonomische Ungerechtigkeit, sagt Rau. Will heissen: «In der Bibel wird viel über die Gefühle von Unterdrückten gesprochen, und eigentlich sind die Figuren allesamt Loser.»

«Ein Flüchtlingslager in Süditalien liegt direkt neben dem Anwesen des Clans von Francis Ford Coppola.»

Milo Rau, Regisseur

Als der Regisseur 2018 von Matera (die süditalienische Stadt war 2019 Kulturhauptstadt Europas) für ein Projekt angefragt wurde, schwebte ihm zunächst eine Art Remake von Pier Paolo Pasolinis «Das 1. Evangelium – Matthäus» (1964) vor. Erst vor Ort habe er dann die wilden Lager von afrikanischen Flüchtlingen gesehen, die dort nächtigten, bevor sie für 30 Euro pro Tag auf Orangen- oder Tomatenplantagen schufteten. «Eines dieser Lager liegt direkt neben dem Anwesen des Clans von Francis Ford Coppola, der dort im Sommer jeweils Ferien macht.»

Regisseur Milo Rau richtet Jesus-Darsteller Yvan Sagnet die Dornenkrone.
Regisseur Milo Rau richtet Jesus-Darsteller Yvan Sagnet die Dornenkrone.
Foto: Armin Smailovic

Die Ausgangslage – biblischer Hintergrund, reale Ausbeutung – wurde zum Ausgangspunkt für ein Projekt, das nicht einfach zu beschreiben ist. Vielleicht so: «Das Neue Evangelium» ist ein Dokumentarfilm über schwarze und weisse Aktivisten und Tagelöhner, die tagsüber in der von Touristen gut besuchten Kulturhauptstadt für bessere Unterkunfts- und Arbeitsbedingungen demonstrieren und die dann abends – im Spielfilmteil – zu Bibeldarstellern mutieren. So weit typisch Rau. Er mischt in seiner provokativen Kunst, einer dicht an der Realität gebauten Fiktion, gerne Schauspieler mit Laien.

Making und Making-of fliessen ineinander

Das Hauptproblem bei «Das Neue Evangelium» war dann allerdings ein anderes: «Ich musste mein Drehbuch laufend aktualisieren, wenn etwa ein Lager von der Polizei über Nacht geschlossen wurde», sagt der Regisseur. «Ich reagierte auf die politische Aktualität mit entsprechenden Bibelszenen.»

Diese Konfusion, diese ständige Ungewissheit überträgt sich auch auf die Zuschauer: Man weiss nie genau, wo und woran man ist; Making und Making-of fliessen ineinander. Anfangs überwiegen die dokumentarischen Szenen, in denen man sich verlieren kann, am Ende kommts zur ergreifend inszenierten Passion, dem Weg zur Kreuzigung Jesu.

Das Bemerkenswerte dabei: Hauptdarsteller Yvan Sagnet – in Realität der Anführer der schwarzen Tagelöhner in Matera – legt die schauspielerische Leistung seines Lebens hin. Das war zuvor nicht absehbar. Auch wenn man miterlebt hat, wie Sagnet von Pasolinis seinerzeitigem Jesus-Darsteller Enrique Irazoqui
beim Acting gecoacht wurde, welcher nun als Johannes der Täufer auftritt.

Regisseur Milo Rau bei einem Interviewtermin in Salzburg im August.
Regisseur Milo Rau bei einem Interviewtermin in Salzburg im August.
Foto: Keystone

Apropos Taufen – Milo Rau lächelt: «Das ist ja in der Bibel PR-technisch ein Widerspruch, dass der Sohn Gottes von einem getauft wird, der schon vor ihm da war.» Er hält die Bibel für ein psychologisch extrem komplexes Buch mit defätistischem Touch: «Jesus erscheint da wie ein Irrer, einmal total weich, dann wieder völlig autoritär.»

«Jesus ist selbstgerecht und narzisstisch, er hat Sex mit einer Prostituierten, seine Anhänger verraten ihn, er erleidet die erniedrigendste Todesart
der Antike.»

Milo Rau, Regisseur

Dass das Christentum ausgerechnet mit dem Symbol der Kreuzigung zu einer Weltkultur aufsteigen konnte: «Wenn Ausserirdische uns besuchen kämen, würde sie das am meisten verwirren. Jesus ist selbstgerecht, narzisstisch, er hat Sex mit einer Prostituierten, seine Anhänger verraten ihn, er erleidet die erniedrigendste Todesart der Antike.» Da sei Mohammed im Islam ein anderes Vorbild gewesen: guter Krieger, viele Frauen, stets mit wohlfeilen Formulierungen zur Hand.

Tomatensauce mit Würde

Wichtiges Detail: Die Apostel werden in «Das Neue Evangelium» überwiegend von Muslimen gespielt. Nicht wegen religiöser, sondern wegen pragmatischer Gründe. Man wollte zusammenstehen, Schwarze und Weisse vereint. Der Weg war steinig – der Film dokumentiert es –, aber es gelang: In einer der letzten Szenen, sozusagen der «Wiederauferstehung» von Jesus, sehen wir, dass in Mantera für obdachlose Arbeiter ein «Haus der Würde» eröffnet wurde – auch dank Unterstützung der katholischen Kirche. Und im Supermarkt gibts eine «Salsa de dignita», eine Tomatensauce mit Würde.

So hat dieser Film etwas erreicht, was man selten auf Anhieb sieht: eine Verbesserung miserabler Umstände, ein Durchbrechen herkömmlicher Distributionswege. Was das filmisch bedeutet, darüber muss die Jury
in Venedig befinden.

Aber Milo Rau hat bereits eine Rückmeldung erhalten: Eine gute Freundin von Franziskus I. habe ihm eine SMS geschickt, sie sei begeistert vom Film. Jetzt wartet der Regisseur noch auf ein Zeichen des Papstes persönlich.

Filmstart von «Das Neue Evangelium» ist in der Deutschschweiz am 17. Dezember.