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Proteste in WeissrusslandJetzt schiessen die Sicherheitskräfte scharf

Die Polizei ging noch brutaler gegen die Demonstranten vor als in den Nächten zuvor. Festgenommen wurde auch ein Schweizer, der sich privat in Minsk aufhält.

Geht besonders rabiat vor: Die Polizei in Minsk.
Geht besonders rabiat vor: Die Polizei in Minsk.
Foto: Yauhen Yerchak (EPA).

Nach der dritten schrecklichen Nacht gingen gestern Mittwoch in Minsk die Frauen auf die Strassen. Viele trugen Weiss, demonstrierten friedlich gegen die Gewalt von Polizei und Sondereinsatzkräften. Die waren in der Nacht zuvor besonders rabiat gegen die Protestierenden vorgegangen, sollen sogar scharf geschossen haben, das teilte das weissrussische Innenministerium mit.

Bisher hatten die Sicherheitskräfte Tränengas und Gummigeschosse eingesetzt. Bilder aus dem Internet zeigten auch, wie sie in Innenhöfe stürmen, gegen Fensterscheiben schiessen. Andere, wie sie Festgenommene schlugen, die bereits auf dem Boden lagen. Mindestens 200 Menschen liegen verletzt im Krankenhaus.

Auch ein Schweizer wurde festgenommen

Unter den Festgenommenen befindet sich auch ein Schweizer, wie SRF als Erstes berichtete. Gemäss «20 Minuten» handelt es sich beim Mann um einen Walliser, der in der Nacht auf Montag festgenommen wurde. Der 21-Jährige soll sich seit dem vergangenen Herbst in Minsk befinden. Der Schweizer ging nach Weissrussland, um dort zu ringen. Minsk gilt als weltweite Ringer-Hochburg.

Die Haftbedingungen seien prekär, sagt ein Augenzeuge, der zusammen mit dem Schweizer in der Zelle sass, gegenüber SRF. So wurden den festgenommenen Ausländern in dem Minsker Gefängnis weder Wasser noch Essen zur Verfügung gestellt. Die Haftbedingungen für weissrussische Staatsangehörigen seien allerdings noch schlimmer. Der Schweizer sei unverletzt.

«Hohe Dringlichkeit» für das EDA

Das Schweizer Aussendepartement EDA steht mit den weissrussischen Behörden in Kontakt, die Botschaft hat den Mann aber noch nicht besuchen können, wie das EDA in einer Mitteilung schreibt. Das Aussendepartement verfolge den Fall «mit hoher Dringlichkeit», stehe in Kontakt mit den Angehörigen und trete über verschiedene Kanäle für ihn ein. Der Fall sei auch bei einem Gespräch zwischen der Schweizer Staatssekretärin Krystyna Marty Lang mit Vize-Aussenminister Oleg Krawtschenko thematisiert worden.

Dennoch gehen immer noch Menschen auf die Strasse. Angehörige versammelten sich vor einem Gefängnis, in dem Demonstranten festgehalten wurden, riefen «haltet durch» über die Mauern. Auf den Bildern aus den Protestnächten sah man vor allem junge Männer, die sich der Polizei entgegenstellen. Aber hinter ihnen stehen viele andere, die ihre Unterstützung aus hupenden Autos und offenen Fenster bekunden.

Lukaschenko: «Kriminell oder arbeitslos»

Machthaber Alexander Lukaschenko traf sich am Mittwoch mit seinem Sicherheitsrat. Die wichtigste Aufgabe sei jetzt «die Gewährleistung der Sicherheit der Bürger» und das «Funktionieren staatlicher Verwaltungsorgane». Die Leute, die da demonstrierten, seien kriminell oder arbeitslos.

Die Demonstranten halten auf jeden Fall die Präsidentenwahl vom Sonntag für gefälscht. Bei ihr hatte Langzeitherrscher Lukaschenko nach offiziellem Ergebnis mehr als 80 Prozent der Stimmen erreicht. Die Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja, die sich am Dienstag im EU-Nachbarland Litauen in Sicherheit gebracht hat, erhielt laut Wahlkommission zehn Prozent. Ihre Anhänger halten sie aber für die Siegerin der Abstimmung vom Sonntag.

In 25 Städten versammelten sie sich wieder zum Protest, 1000 wurden nach offiziellen Angaben festgenommen, damit sind es insgesamt 6000 Menschen. Die Schüsse fielen in Brest an der Grenze zu Polen. Dort habe ein Polizist nach einem Angriff Warnschüsse abgegeben und dann gezielt geschossen. Ein Mensch sei verletzt worden. Sicherheitskräfte hätten auch angebliche Koordinatoren der Demonstrationen festgenommen, meldete die Staatsagentur Belta am Mittwochmorgen.

Spitalpersonal verrät Demonstranten bei der Polizei

Dass sich viele verletzte Demonstranten nicht trauten, sich medizinisch behandeln zu lassen, berichtet die belarussische Menschenrechtsgruppe Wjasna. «Wir haben Informationen, dass medizinisches Personal verpflichtet ist, alle Verletzungen und Wunden der Polizei zu melden», sagte Wjasna-Anwalt Pawel Sapelko.

Mehrere Medien berichten, dass das Regime auch gegen Journalisten vorgeht. Ein italienischer Journalist ist nach eigenen Angaben von der weissrussischen Polizei in Minsk «auf brutale Weise festgenommen» und fast drei Tage lang ohne Essen festgehalten worden. Am Mittwoch wurde der Reporter freigelassen. Das Aussenministerium in Rom bestätigte, dass der nicht fest angestellte Journalist «befreit wurde und sich aktuell in der italienischen Botschaft in Minsk befindet». Er soll mit dem nächstmöglichen Flug in die Heimat zurückkehren.

Das Schweizer Aussendepartement EDA ist gemäss einer Mitteilung «besorgt» über Berichte über ein massives Vorgehen der Sicherheitskräfte gegenüber Demonstranten und ruft zur Mässigung auf. Mit der zugespitzten Situation in Belarus wollen sich die EU-Aussenminister in dieser Woche bei einer ausserordentlichen Videokonferenz befassen. Es soll am Freitag auch darum gehen, ob Sanktionen reaktiviert werden sollten.