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Kommentar zu Schule und CoronaJetzt übertreibts mal nicht!

Wegen Corona dürfen Eltern am ersten Schultag in manchen Schulen und Kindergärten die Kleinen nicht ins Klassenzimmer begleiten. Das liesse sich anders lösen.

Was jetzt wohl kommt? Erster Schultag in Zürich.
Was jetzt wohl kommt? Erster Schultag in Zürich.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Geht man an die Orte seiner Kindheit zurück, dann staunt man, wie viel grösser in der Erinnerung alles ist als in Wirklichkeit: Der Spielplatz war ein zerklüftetes Gelände, der zehnminütige Schulweg eine Reise, das Kinderzimmer ein Land. Denselben Vergrösserungs- undaus der Sicht von Erwachsenen Dramatisierungseffekt gibt es bei biografischen Ereignissen, etwa beim ersten Kindergarten- oder Schultag.

Für viele Kinder, die zuvor nicht in einer Kita waren, ist es ein einschneidendes und potenziell angsteinflössendes Erlebnis, zum ersten Mal mit fremder Lehrperson und fremden Mitschülern in einem fremden Raum zu sein. Dass es Eltern nun wegen des Coronavirus in einigen Kantonen und Gemeinden verboten ist, ihre Kinder am ersten Schul- oder Kindergartentag ins Klassenzimmer zu begleiten und eine Zeit lang zu bleiben, ist völlig übertrieben.

Wochenlang gab es hierzulande ein Hin und Her um Masken im öffentlichen Verkehr, während sie in unseren Nachbarländern längst vorgeschrieben waren. Jetzt wiederholt sich das Theater bei der Maskenpflicht in Läden. In Clubs und anderswo sind Menschenmengen von bis zu 1000 Personen erlaubt. Und ausgerechnet bei Kindergärtlern und Erstklässlern schlägt die im internationalen Vergleich relativ grosszügige Schweizer Corona-Regelung mancherorts in hartherzige Überängstlichkeit um?

Der Helikopter bleibt am Boden

Das ist auch deshalb verfehlt, weil sich problemlos Kompromisse finden liessen, die das Risiko minimieren: Nur ein Elternteil begleitet das Kind, es herrscht für die Erwachsenen Maskenpflicht, die Fenster bleiben offen, um die Konzentration an potenziell infektiösen Aerosolen zu verringern.

Ein Kind, sagt der Psychologe Fabian Grolimund zur Zeitung «20 Minuten», sollte sich mit einem fremden Menschen nicht alleingelassen fühlen. Es sollte merken, dass seine Eltern die Lehrperson kennen und ihr vertrauen. Mit dem beliebten Mediensujet der übervorsichtig-paranoiden Helikoptereltern hat es deshalb für einmal nichts zu tun, wenn Erziehungsberechtigte gegen das Begleitverbot am ersten Schul- oder Kindergartentag protestieren. Sondern mit der Forderung nach gesundem Menschenverstand und Augenmass. Und mit der Erinnerung, wie es damals bei einem selber war.