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Gespräch zum neuen Album«Jetzt wird es ernst!»

Auf «Wünsch mir Glück» schwanken Steiner & Madlaina zwischen Schlager und Punk – und besingen die grossen Themen, die ihre Generation bewegen.

Am 29. Januar kommt das neue Album von Nora Steiner und Madlaina Pollina heraus.
Am 29. Januar kommt das neue Album von Nora Steiner und Madlaina Pollina heraus.
Foto: Dominique Meienberg

Die Texte auf eurem zweiten Album «Wünsch mir Glück» sind nicht immer fröhlich, der erste Song aber schon, er heisst «Es geht mir gut». Stimmt das heute?

Madlaina Pollina: Ja, heute gehts mir megagut.

Nora Steiner: Ich hab die Nase voll. Alles wird abgesagt. Fuck off. Und wenn ich mir Videos von tanzenden Menschen anschaue, dann werde ich traurig. Aber eigentlich geht es mir auch gut.

Die neuen Songs sind noch vor der Pandemie entstanden. Sie behandeln Themen, die weit über Corona hinausgehen: Gleichberechtigung, Egoismus und die Liebe. Dieses Glücklichsein, das ihr beschreibt, hat das auch mit eurer Heimat zu tun, die ihr als «heile Welt» besingt?

Pollina: Schon, ja. In gewissen Bereichen geht es uns viel zu gut.

Steiner: Du kannst dich in der Schweiz halt wirklich ausleben. Wenn du eine gute Idee hast und etwas machst, dann bekommst du schnell Fördergelder.

Pollina: Die Schweiz ist das Land der Sicherheit. Das ist aber auch ein bisschen der Tod der Kreativität. Wenn du in absoluter Sicherheit lebst, dann kommst du nicht auf Ideen, zumindest nicht auf gute. Ich versuche, diese Sicherheit deshalb ab und zu ein bisschen zu verlassen.

Wie geht das?

Steiner: Ja, wie machst du das?

Pollina: Indem ich zum Beispiel meinen Job gekündigt habe, obwohl ich noch nicht wirklich von der Musik leben konnte. Ich habe dann eine Zeit lang mit sehr wenig Geld gelebt. Das hat gutgetan.

Steiner: Hustle.

Mal abgesehen vom Geld, wieso sind Zürich und die Schweiz sonst noch eine heile Welt?

Steiner: Wenn die Menschen über die Schweiz reden, dann immer von einem Paradies. Es ist wie ein Disneyland.

Pollina: Doch eigentlich ist es eine mega Fake-Welt. Wir machen uns reich mit dem Geld der anderen. Und die Reichen werden reicher, weil sie einfach schon reich sind. Es ist grusig, aber wir profitieren alle davon. Und wir sind auch froh, dass wir die Auserwählten sind, die es so gut haben dürfen. Schon im Chindsgi wird dir gesagt, du musst froh sein, in der Schweiz zu leben.

Steiner: Und im Gymi sagen sie dir dann: Ihr seid die Elite.

Pollina: Du darfst dich über nichts beklagen. Das macht Druck. Aber auch über diesen Druck darfst du dich nicht beklagen.

«Wir haben nur auf uns geschaut, wie alle anderen auch» singt ihr in einem Stück. Ziemlich düster...

Pollina: ... aber wahr. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein.

Steiner: Bei allen Themen auf dem Album sagen wir: Es gibt ein Problemund wir sind Teil davon. Wir scheitern auch.

Pollina: Wir wissen es halt auch nicht besser.

Seht ihr euch als Kritikerinnen?

Steiner: Es ist nicht so, dass ich sage: Ich will jetzt einen kritischen Text schreiben. Auf dem Album erzählen wir einfach Dinge, die uns beschäftigen.

Pollina: Es sind Themen, die Nora und ich auch am Küchentisch bereden.

Steiner: Als ich «Wenn ich ein Junge wäre» schrieb, war ich hässig. Bei Freunden habe ich mit einem Kollegen aufgelegt, der Architektur studiert. Dann sind die Boxen ausgestiegen, und alle haben ihm die Kabel in die Hände gedrückt, damit er sie neu verkabelt, und nicht mir, der Musikerin. Ich fand das komisch.

Pollina: Das ist auch komisch.

Steiner: Und an einer Party unserer Booking-Agentur, kurz danach, kam ein Mann zu mir, der gefunden hat, er merke, dass ich mich unwohl fühle. Und dann habe ich ihm gesagt, er solle bitte weggehen, und dann hat er mich noch irgendwie angefasst. Diese beiden Vorfälle haben mich derart genervt, und so ist dann der Song entstanden. Ich habe alles aufs Papier gekotzt.

Die Musik von Nora Steiner und Madlaina Pollina ist mal leise, mal laut, mal zart und mal trotzig.
Die Musik von Nora Steiner und Madlaina Pollina ist mal leise, mal laut, mal zart und mal trotzig.
Foto: Dominique Meienberg

«Du darfst dich über nichts beklagen. Das macht Druck.»

Madlaina Pollina

Auch musikalisch ist es kein Stück geworden, zu dem man einschlafen will. Das Lied schockt.

Steiner: Ja, chillig ist es definitiv nicht.
Pollina: Ich spiele in diesem Lied nur ein E. Ein tiefes und ein hohes auf der Orgel. Es ist ätzend. Aber es macht so Spass. Wir haben den Song live eingespielt. Wir dachten, der muss einfach Rock’n’Roll sein.

Auf dieses punkige Stück folgt auf dem Album «So schön wie heute», ein ruhiges Lied, das einen wie Watte umhüllt, fast schon schlagermässig. Wieso diese Brüche?

Pollina: Ich finde es aufregend, wenn nicht jeder Song gleich klingt.

Was sich aber durchzieht, ist die dominante Gitarre.

Steiner: Ja! Die ist uns auch sehr wichtig. Wir sind da old-fashioned. Mich berührt das einfach.

Pollina: Mich auch. Mega.

Steiner: Ich liebe es. Auf der Bühne verpasse ich manchmal meinen Einsatz, weil ich so Freude an einem Gitarrensolo von jemandem aus der Band habe.

Was hört ihr selbst für Musik?

Pollina: Genau solche.

Steiner: Eine meiner Lieblingsbands ist The War on Drugs. Oder Khruangbin habe ich auch mega gern. Und alter Schlager. Zählt Elvis noch als Schlager?

Pollina: Jaja.

Steiner: Elvis, Patsy Cline. Und deutscher Schlager: Marlene Dietrich, Hildegard Knef.

Pollina: Oh. Ich habe grad so eine Hildegard-Knef-Phase. Ich höre nur noch Knef. Und Udo Jürgens.

Steiner: «Ich weiss, was ich will». Der ist Legende. Da heulst du.

Was man auf dem Album auch stark heraushört, ist die Ohnmacht, die ihr fühlt, wenn es um die grossen Probleme geht: «Zu faul für jegliche Debatten, bleib ich bei vierzig Grad im Schatten.»

Steiner: Da dachte ich an die Klimakrise. Wenn ich etwas verändere, dann reicht es immer noch nicht. Es ist, wie wenn du ins Universum schaust und dir überlegst, wie weit es geht, und dann drehst du fast durch. Dann bekommst du so eine Panik.

Pollina: Ja, das ist ein Ding unserer Generation. Wir müssen auffangen, was vorher schiefging. Und weil wir in dieser heilen Welt leben und die Mittel haben, müssten wir eigentlich anfangen. Jetzt wird es ernst. Auf allen Ebenen.

Steiner: Und ich ess ja immer noch Fleisch. Ich habe ein halbes Jahr keines gegessen. Aber irgendwann dann wieder. Scheisse.

Pollina: Mein Schuldgefühl als Schweizerin ist auch grösser. Ich denke: Jetzt muss ich einfach liefern. Jetzt muss ich zurückgeben. Was ja auch fair ist.

Steiner: Ja. Europa hatte jetzt lange genug Primetime.

Bereut ihr, dass ihr nicht mehr tut?

Pollina: Bereuen ist das falsche Wort.

Steiner: Schuldig fühlen.

Pollina: Ich lasse es nicht so nahe an mich ran, dass ich es bereuen würde. Man muss sich irgendwie bremsenaber eben auch sehr viel tun.

Was macht euch sonst noch Angst?

Pollina: Wie schlecht wir als Menschen miteinander umgehen.

Steiner: Ich war schockiert, als das Lager in Moria brannte. Da war ich gerade bei meinen Eltern in Griechenland. Und Bern sagt: Wir können zwanzig Leute aufnehmen, aber wir müssen noch darüber abstimmen. Wir sind so ein reiches Land. Es gibt die Möglichkeit, diese Menschen aufzunehmen. Das hat mich so ohnmächtig gemacht. Ich kann ja nicht sagen, ich nehme jetzt 500 Menschen in meine Wohnung. Das geht ja nicht. Was soll ich machen?

Der Musikgeschmack von Steiner & Madlaina ist breit. Sie hören gern Rock, aber auch mal Schlager.
Der Musikgeschmack von Steiner & Madlaina ist breit. Sie hören gern Rock, aber auch mal Schlager.
Foto: Dominique Meienberg

Neben den grossen Themen auf der Welt behandelt ihr auch grosse persönliche, die Liebe zum Beispiel.

Pollina: Wie führst du eine Beziehung in einer Welt, in der sich alles so schnell bewegt? Das hat mich beschäftigt.
Steiner: In «So schön wie heute» mache ich mich darüber lustig, dass es heute Szenen gibt, in denen man gewisse Dinge fast nicht mehr sagen darf. Etwa, dass man keine offene Beziehung hat...

Pollina: … sondern monogam ist.

Steiner: Es sind alle so cool. Niemand gibt etwas preis, denn du kannst ja alles verlieren. Ich finde es schön, wenn man sagt: Ich bin verliebt. Bist du auch verliebt? Wenn nicht? Dann ist auch gut.

Pollina: Nein, dann ist gar nicht gut. Dann ist u schlimm.

Steiner: Während wir das Album geschrieben haben, war ich sehr glücklich verliebt, und es war schwierig, traurige Liebeslieder zu schreiben.

Pollina: Ich habe ja genug davon gemacht.
Steiner: Das stimmt. Du hast etwas mehr Pech gehabt.

Pollina: Ja. Das hört man auf dem Album.

«Ich finde es schön, wenn man sagt: Ich bin verliebt.»

Nora Steiner

Bei welchem Lied?

Pollina: Am ehrlichsten finde ich «Und die bin ich». Mir ist jetzt – da das Album bald herauskommt aufgefallen, dass ich es schon krass finde, dass alle das hören.

Steiner: Hast du die Karten auf den Tisch gelegt?

Pollina: So was von.

Steiner: Plötzlich haben wir damit angefangen.
Pollina: Ja. So ehrlich zu sein in den Songs.

Das hat sich verändert?

Pollina: Ja. Vielleicht auch, weil wir gemerkt haben, dass die Texte dann besser werden.