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Nachruf auf Oscar-RegisseurJirí Menzels Land war sein Nährboden

Er war Mitbegründer der tschechischen Nouvelle Vague und ein Meister des Ketzertums. Nun ist Jirí Menzel mit 82 Jahren gestorben.

Jirí Menzel glich seinen Helden in seiner Widerborstigkeit. Am Samstag ist der Regisseur gestorben.
Jirí Menzel glich seinen Helden in seiner Widerborstigkeit. Am Samstag ist der Regisseur gestorben.
Foto: Reuters

Ach, diese liebenswerten, unheroischen Helden in den Filmen des tschechischen Regisseurs Jirí Menzel, der am Samstag im Alter von 82 Jahren starb. Sie sind von so duldsamer Natur und immer so ausgesucht höflich. So friedfertig und gesittet und von philosophischer Beredsamkeit. Ihresgleichen werden wir nicht mehr sehen.

Am reinsten erschienen sie im Spielfilm «Ein launischer Sommer» (1968), dieser versponnenen Nostalgie nach einer Manierlichkeit, die dem Menschen abhanden kam, und nach einer Freundlichkeit, die es nie gab, wahrscheinlich nicht einmal, als Böhmen noch bei Österreich war. Die Erinnerung bewahrt, wie drei Männer da in einem Fluss baden, honorige Vertreter einer provinziellen Bourgeoisie, Major, Priester und Strandbadbesitzer, sozusagen Wehrstand, Lehrstand und Nährstand, treibend im Strom einer zeitlosen Zeit; und man isst und trinkt und redet übers Essen und Trinken und über Dichtung und Leben und einige nicht allzu unbequeme kategorische Imperative.

Selbst das Wetter war aktiver als diese drei (es war doch manchmal launisch, immerhin). Aber dann kam der Zirkus. Und mit ihm kamen das Bedürfnis nach Luftsprüngen und die Versuchungen der Erotik. Derart wurde die Idylle von Krokovy Vary aufgestört, dass von den Trägen die fröhliche Trägheit abfiel und sie sich zeigten als das, was sie auch sein konnten: «lachende Bestien».

Die närrischen Eigenschaften, die man der Macht entgegensetzt: Szene aus «Scharf beobachtete Züge».
Die närrischen Eigenschaften, die man der Macht entgegensetzt: Szene aus «Scharf beobachtete Züge».
Foto: Trigon

Der Ausdruck allerdings stammt aus einem anderen von Menzels Filmen, seinem berühmtesten: «Scharf beobachtete Züge» (1966), dieser bitterzarten Komödie aus der tschechischen Nazizeit, worin der Fahrdienstleiter Hubicka dem Telegrafenfräulein Svatá den nackten Hintern stempelte und wo einer starb, der grad das Lieben gelernt hatte und gern noch gelebt hätte. Von den lachenden Bestien redete dort ausgerechnet ein Nazi, der in die Seele der Tschechen geschaut hat und etwas begriff von ihrem defensiven Witz und dem Galgenhumor, mit dem sie im Haus des Gehängten vom Strick sprachen (und also – in einem Menzel-Film – etwas begriff vom Wesenskern aller Menzel-Filme).

Das ist: Von den närrischen Eigenschaften, die sie der immergleichen Brutalität der wechselnden Macht entgegenzusetzen haben. Und von der Möglichkeit, dass ihr Humor auch einmal in Wallung gerät und aus Hoffnung Tat wird, und dann schlagen sie ganz gegen ihre duldsame Natur zu.

Mit «Scharf beobachtete Züge» hat Jirí Menzel gleich den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen, 1968, kaum dreissig war er, ein sehr schüchterner, wortkarger Sieger, der sich einfach freute, «dass Amerikaner tschechische Filme mögen, danke sehr». Und möglich war das geworden, weil das Zeitfenster des Prager Frühlings gerade rechtzeitig offen stand für ihn, ein «glückliches Schicksal» sei das gewesen, sagte er einem einmal im Interview. Man müsse dankbar sein für das historische Timing.

Ganz hat der dogmatische Druck natürlich nie nachgelassen, aber Menzels Witz atmete doch etwas freier. Aber nur für eine kurze Zeit. Die Illusion vom sogenannten Sozialismus mit menschlichem Antlitz – einen Irrtum von Anfang an, nannte ers später; aber später wisse man es halt immer besser – erlebte kaum den Sommer und zerscherbte unter den Panzern der sozialistischen Bruderstaaten. Auch das war 1968, da war Menzels dritter Film, «Lerchen am Faden», gerade fertig geworden, eine hinreissend friedliche Parabel über die Lästigkeiten des herrschenden Stumpfsinns.

Ihre Hinterlist erkannte allerdings auch die wieder dogmatisch werdende Zensur, und sie ist dann sehr grob über Regisseur und die «Lerchen» hergefallen. Jedoch, sie habens beide überlebt: der Film im Giftschrank, als «ein Gerücht von Genialität» (Menzel), bis er 1991 den Goldenen Bären der Berlinale gewann. Der Schöpfer weil er im Theater, seiner alten Liebe, wieder Heimat fand.

Er hätte seinerzeit gehen können. In die Schweiz zum Beispiel. Er hatte sich durch Inszenierungen am Basler Theater bereits empfohlen, und der Direktor Werner Düggelin hätte ihm in den Siebzigern Heimstatt geboten. Er sagte nicht zu, wie er in einem schönen Brief an Düggelin schrieb: weil man das eigene Land nicht kulturell ausbluten lasse in düsteren Zeiten. Auch weil ihm das eigene kulturelle Naturell sozusagen verdorrt wäre: ohne die Nährstoffe, die es aus den Quälereien der realsozialistischen Abwartskaste zog. Und weil die durchs partielle Berufsverbot erzwungene Faulheit auch ihre Annehmlichkeiten hatte.

Er verstand seine Komik als Erbgut einer «unseriösen Nation».

So arrangierte er sich, ohne sich korrumpieren zu lassen, und nährte sich bescheiden und manchmal kümmerlich und hüllte, wenn nötig und wenn er wieder einmal einen Film machen durfte («Die Schur», 1980, oder «Heimat, süsse Heimat», 1985), den Humor in einen Schein von skurriler Harmlosigkeit. Das war dann das ganz und gar nicht Harmlose an der Sache.

Denn an der Empfindlichkeit der Zensoren mass er die Verbindlichkeit seiner Kunst, und in der Begabung zur ausweichenden Höflichkeit und zur lächelnden Widerborstigkeit glich er wohl den eigenen Helden. Jedenfalls widersprach er nicht, wenn man ihm plauderlings die Ähnlichkeit unterstellte, und war sogar etwas geschmeichelt. So definierte Jirí Menzel ja seine Komödiantik: Als «Mischung aus Gescheitheit und Blödheit und Ketzertum», wie er sagte. Als Erbgut einer «unseriösen Nation», die nie Herrin war über die eigenen Geschichte und deshalb den Witz zur feinen Waffe schliff.

Mit der Schweiz übrigens verbanden ihn auch zirzensische Interessen und die Freundschaft mit dem Artisten und Maler Rolf Knie. Für ihn (und dessen Partner Gaston Häni) inszenierte er hier 1984 das Clown-Stück «Wir machen Spass», als man ihn wieder einmal reisen liess. Mit ihm drehte er in Deutschland die Edgar-Wallace-Parodie «Die Schokoladenschnüffler» (1986; so etwas hat dann aber niemand gern in seiner Filmografie; die Kritik schrieb von der bedenklichen Verluderung eines Talents).

Am Samstag ist Jirí Menzel, der darauf bestand, die Komödie sei die ernsteste Kunst, in Prag gestorben.