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«Tages-Anzeiger Youth Lab»«Jugendliche haben ein Recht auf Partizipation»

Die Schweizerin Sandra Cortesi forscht in den USA zu Jugendlichen und ihrer Mediennutzung und unterstützt als Expertin das «Tages-Anzeiger Youth Lab». Sie weiss, was wir von Teenagern lernen können.

«Unsere alte Vision von politischem Engagement braucht ein Upgrade»: Sandra Cortesi, Leiterin des Projekts «Youth and Media» des Berkman Klein Centers an der Harvard-Universität.
«Unsere alte Vision von politischem Engagement braucht ein Upgrade»: Sandra Cortesi, Leiterin des Projekts «Youth and Media» des Berkman Klein Centers an der Harvard-Universität.
Foto: zvg

Sandra, wir duzen uns, weil wir zusammenarbeiten. Du unterstützt unser neues Jugendprojekt «Tages-Anzeiger Youth Lab». Erklär doch kurz: Was ist die Idee des Projekts?

Das Youth Lab bietet eine einmalige Chance, in die Welt von Jugendlichen einzutauchen und uns ihre Bedürfnisse auf eine kreative und inspirierende Art erklären zu lassen. Spezifisch gilt es zu beantworten, was der «Tages-Anzeiger» von Jugendlichen – dem zukünftigen Zielpublikum – und ihren Verhaltensweisen und Vorlieben in Bezug auf Produkte im digital vernetzten Umfeld lernen kann. Umgekehrt hoffen wir, dass die jugendlichen Teilnehmenden Freude daran haben werden, ihre Meinungen und Perspektiven einbringen und somit den «Tages-Anzeiger» aktiv mitgestalten zu können.

Weshalb ist es für eine Zeitung wie den «Tages-Anzeiger» wichtig, die Jugendperspektive einzunehmen? Was können Journalistinnen und Journalisten von Teenagern lernen?

Junge Menschen verwenden Technologie und Informationsmedien oft auf unerwartete und auf uns eher unbekannte Weise. Ihnen zuzuhören, kann Journalisten helfen, ihren eigenen Alltag mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Zudem kann es möglicherweise auch eine Anregung für neue Inhalte, Formate und Darstellungsweisen sein, aber auch eine Quelle der Inspiration für eine Neuinterpretation von Konzepten wie Qualitätsjournalismus, Vertrauen oder Privatsphäre bieten. Das bedeutet nicht, dass Jugendliche immer eine Antwort auf komplexe Themen wie die Zukunft des Journalismus haben. Aber sie zu involvieren, kann informieren und inspirieren. Zudem bin ich der Meinung, dass Jugendliche ein Recht auf Partizipation haben. Auch wenn es darum geht, kritische Entscheidungen zu treffen, die bestimmen, welche Art von Informationswelt wir ihnen und künftigen Generationen hinterlassen werden.

Du arbeitest am Berkman Klein Center mit Teenagern zusammen. Wie informieren sich die Jungen denn heute? Nutzen sie noch traditionelle Medien?

Die James-Studie zeigt, dass Schweizer Jugendliche sich weniger über traditionelle Medien wie TV, Radio und Zeitungen informieren, sondern primär soziale Medien wie Instagram, Tiktok, Youtube oder Whatsapp nutzen, um sich über das aktuelle Geschehen zu informieren. Sucht man in Gesprächen mit Jugendlichen nach den Gründen, weshalb sie sich immer weniger aus traditionellen Quellen informieren, tauchen wiederholt die Stichworte «Verständlichkeit» und «Relevanz» auf. Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem «20 Minuten Youth Lab» sagten zum Beispiel: «Es gibt keine Zeitungen, die etwas überzeugend erklären können, sodass ich es auch verstehe.» Oder: «Ich lese nur sehr selten Zeitungen, weil einfach zu viele Wörter darin vorkommen, die ich nicht verstehe.» Diese Zitate fassen das Stimmungsbild gut zusammen: Auch junge Menschen wollen Inhalte konsumieren, die sie verstehen und die für sie relevant sind.

«Die Ausdrucksformen junger Menschen werden in der Erwachsenenwelt oft nicht erfasst oder verstanden.»

Gern wird behauptet, ein Grossteil der Jungen interessiere sich kaum für politische Themen. Trifft das zu?

Die Aussage, dass junge Menschen sich nicht für das politische Geschehen interessieren, hört man oft. Meist meinen Erwachsene damit formelles politisches Engagement, zum Beispiel in Form von Abstimmungen. Wenn man aber politisches Interesse und Engagement breiter fasst, wird aus unserer Forschung schnell deutlich, dass sich junge Menschen durchaus aktiv beteiligen. Diese Ausdrucksformen werden in der Erwachsenenwelt aber oft nicht erfasst oder verstanden. So beteiligen sich junge Menschen etwa auf informelle Weise an Aktivitäten, die einen politischen Bezug haben. Ein aktuelles Beispiel sind etwa Storys auf Instagram zu gesellschaftlichen Themen wie Genderfragen oder «Black Lives Matter». Wir sehen auch immer wieder, wie junge Menschen Zeit investieren, um auf kreative Weise mittels Technologie ihren politischen Überzeugungen Ausdruck zu verleihen. Oft geht es dabei um direkte Aktionen gegen mächtige Institutionen jüngst etwa im Kontext der US-Präsidentschaftswahlen, als sich Hunderte von Tiktokern und K-Pop-Fans gegen Trump verbündet haben. Anstatt sich auf den traditionellen Pfaden der Politik zu bewegen und dabei auch den Politikbereich in der Zeitung zu lesen, entwickeln also junge Menschen neue Ausdrucks- und Beteiligungsformen. Es ist meiner Meinung nach somit Aufgabe der Erwachsenen und der traditionellen Institutionen, unserer alten Vision von politischem Engagement ein Upgrade zu verpassen.

Warum sollten sich die Jugendlichen denn genau für das Youth Lab bewerben? Was können sie von einer Teilnahme erwarten?

Wir haben uns folgende Ziele gesetzt: Wir wollen erstens ein spannendes Programm bieten, geleitet von einem hochmotivierten Team. Dann ist es uns auch ein Anliegen, den Teilnehmenden wichtige Kompetenzen beizubringen, die ihnen hoffentlich auf verschiedenen Karrierewegen zugute kommen werden. Storytelling etwa, aber auch Teamarbeit und Kreativität. Und natürlich werden wir dafür sorgen, dass die Jugendlichen tatsächlich etwas bewirken können. Die Inputs, die wir von Teilnehmenden erhalten werden, werden extrem wertvoll sein, und ihre Perspektiven werden sich direkt auf die Arbeit oder bestimmte Produkte auswirken.

15 Kommentare
    Nati L.

    Ich hatte einen Lehrer in Geschichte und Politik der das meiner Meinung nach sehr gut gemeistert hat. Am Anfang jeder Stunde gab es kurz 5-10 Minuten ein Kahoot mit Fragen zu aktuellen Themen, aus Gesellschaft und hauptsächlich Politik. Am Ende konnten die Gewinner*innen ein kleines Geschenk auswählen. Ich habe auch sonst gerne Zeitung gelesen und es ging mir dabei nicht um das Geschenk sonder darum zu zeigen was man weiss und sich zu informieren. Ich fand das eine sehr gute Art um Gesellschaftliches Intresse zu fördern. Liebe Grüsse gehen raus an Herrn Rey :)