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Kolumne von Milo RauJust asking

Ein paar Fragen zu Corona, zum Älterwerden und zu Ihrem Blick auf das Leben. Wenn Sie diese ehrlich beantworten, könnten Sie von sich selbst überrascht werden.

Warum nicht sich einfach mal hinsetzen und sich ein paar grundsätzliche Fragen beantworten?
Warum nicht sich einfach mal hinsetzen und sich ein paar grundsätzliche Fragen beantworten?
Foto: Timothy Tolle (Flickr)

Auf was, worauf sie wegen Corona verzichten müssen, würden Sie auch in Zukunft gern verzichten? Sind Sie durch Corona einsamer geworden oder konzentrierter? Fehlt Ihnen die regelmässige Gesellschaft anderer Menschen, oder sind Sie froh, mehr Zeit für sich selbst und Ihre Familie zu haben? Haben Sie sich verändert, seit alles losging? Inwiefern? Würden Sie sagen, dass Sie sich unterdessen an Corona gewöhnt haben?

Wann haben Sie zum ersten Mal eine Online-Konferenz besucht? Seit wann sind Sie auf Facebook? Lesen Sie diese Kolumne digital oder auf Papier? Erinnern Sie sich, als sie zum ersten Mal ein Mobiltelefon sahen? Misstrauen Sie dem Internet? Beunruhigt es Sie, dass Amazon und Google Ihre geheimen Obsessionen besser kennt als Sie selbst? Oder halten Sie das Gerede von der «guten alten Zeit» für ein Vorurteil des Alters? Sind Sie der Meinung, dass alles zum Besseren bestellt ist im Vergleich zu, sagen wir, den 1970er-Jahren? Ganz ehrlich: Würden Sie sich eher zu den Gewinnern oder den Verlierern des digitalen Zeitalters zählen?

Können Sie sich an die Begeisterung erinnern, mit der Sie als Kind ein neues Buch oder das neue Album Ihrer Lieblingsband in der Hand hielten? Können Sie sich erinnern, mit welcher Selbstvergessenheit Sie sich als Teenager verliebt haben, gereist sind, Freundschaften geschlossen haben? Hatten Sie damals Überzeugungen? Engagierten Sie sich für den Weltfrieden, die Rechte von Minderheiten, die Umwelt? Waren Sie Vegetarier? Haben Sie als Teenager anstrengende Filme geguckt und Bands gegründet? Sind Sie damals auf Demos gegangen und haben Gedichte verfasst? Warum oder warum nicht?

Halten Sie Überzeugungen für etwas, das man sich nur leisten kann, wenn man nicht im wirklichen Leben steht?

Fühlen Sie sich älter oder jünger, als Sie tatsächlich sind? Neigen Sie zu Kopfschmerzen, zu eingebildeten Krankheiten? Erinnern Sie sich, als Sie zum ersten Mal auf der Strasse gesiezt wurden? Als Sie sich zum ersten Mal gewundert haben, wie jung die Lehrerin Ihrer Kinder ist? Könnten Sie diese Aussage mit Ja beantworten: Ich liebe mein Leben. Fürchten Sie sich vor langer Krankheit, vor Schmerzen, vor dem Tod? Oder machen Sie sich über solche Dinge keine Gedanken, da es sowieso nichts bringt?

Hätten Sie gern diese Eigenschaft: Schöne Dinge immer wieder zum ersten Mal zu tun? Erinnern Sie sich, als Sie das erste Mal klar erkannt haben, dass das, was Sie tun, und das, was Sie für richtig halten, zwei unterschiedliche Dinge sind? Nervt oder beeindruckt Sie moralische Konsequenz? Halten Sie Überzeugungen für etwas, das man sich nur leisten kann, wenn man nicht im wirklichen Leben steht?

Fühlen Sie sich eher Ihrem Land, Ihrer Region, Ihrem Quartier verbunden? Welche Partei würden Sie verbieten lassen, wenn es möglich wäre? Oder halten Sie Parteipolitik grundsätzlich für wenig ausschlaggebend? Wenn Sie ein Land entwerfen könnten, welches wäre das? Was wären die Farben der Fahne dieses Landes? Was wäre seine Regierungsform? Und was stünde ganz oben auf der Agenda? Oder interessiert Sie das alles nicht?

16 Kommentare
    Paul G.

    Aso, Herr Rau, damit lösen Sie grad meinen (imanginiert) latenten "Überforderten-Elternteil-Reflex" aus... "Hast Du Deine Hausaufgaben eigentlich schon gemacht?" "Ja, Papi". "Und das Zimmer hast Du auch schon aufgeräumt?" "Jaaah, Papi". Gut, dann geh doch jetzt einfach noch ein bisschen auf den Spielplatz, solange es noch hell ist". "Aber.." "Nüt abr!" Ansonsten sage ich (um auf Ihre Fragen zurückzukommen) grundsätzlich "Nein", es sein denn, ich sage "Ja", aber ein SVPler bin ich nicht... Aus dem Kinderzimmer erklingt "Es ist so schön auf der Welt zu sein, ..." Und so lösen sich zuweilen Fragen in Tränen auf und für einen kurzen Augenblick erfüllt einen die flüchtige Gewissheit, alles verstanden zu haben, um dann ebenso unvermittelt zu begreifen, dass man im Grunde nichts weiss. Frohe Weihnachten!