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Gastkommentar zum USZ-SkandalKannibalismus am ärztlichen Ethos

Der tiefe Fall des Unispitals Zürich wirft ein Schlaglicht auf die ökonomische Verseuchung der Medizin. Es braucht eine Abkehr von den Exzessen.

Was spielt sich hinter der Glastür ab? Der Haupteingang zum Universitätsspital Zürich.
Was spielt sich hinter der Glastür ab? Der Haupteingang zum Universitätsspital Zürich.
Foto: Walter Bieri (Keystone)

Das Universitätsspital Zürich (USZ) ist in Schieflage – es kämpft mit einem enormen Glaubwürdigkeitsverlust. Es ist die Rede von gravierendem wissenschaftlichem Fehlverhalten und unzulässiger Vermischung privater mit öffentlichen Interessen. Es gibt offenbar Chirurgen, die nicht nur an mehreren Orten gleichzeitig sein, sondern sogar in sechsfacher Gleichzeitigkeit operieren können. Berichte über das Frisieren und das blanke Erfinden von Daten führen zu einem Totalverlust der Reputation.

Die integren und aufopferungsvoll arbeitenden Ärzte und Ärztinnen tun einem leid. Sie müssen mit ansehen, wie das Ethos ihres Berufs mit Füssen getreten wird und zum Opfer eines leeren Buhlens um Prestige wurde.

Die Geschehnisse sind keine Einzelfälle. Das USZ stellt keinen Ölflecken inmitten eines ungetrübten Sees dar. Wir sind vielmehr zu Zeugen eines Systemversagens geworden. Die warnenden Signale werden aber seit Jahren geflissentlich überhört. Auf Fehlanreize bei Ärztevergütungen wurde vielfach hingewiesen – mit erheblicher Resonanz und geringer Konsequenz.

Die enormen Gelder, die im Gesundheitswesen fliessen, gelangen längst nicht immer an ihren Bestimmungsort, nämlich das tatsächliche Patientenwohl. Die Prioritäten haben sich verschoben – die Medizin wurde zum Garanten ökonomischer Prosperität.

Früher hätte man diese Verkehrung als Skandal empfunden, heute wird sie zähneknirschend oder stillschweigend toleriert, oft gar zur ausdrücklichen Handlungsnorm erhoben. Durch das Diktat der Ökonomie wird der Medizin unabsehbarer Schaden zugefügt.

Zu einem Generalverdacht gibt es freilich keinen Anlass. Persönliche Integrität ist ein hohes Gut, das zweifelsfrei von vielen Medizinern beherzigt wird. Wer auf sie Wert legt, wird den ökonomischen Zwang auf Dauer jedoch nicht schadlos überstehen. Resignation, Desillusionierung oder gar Aufgabe des Berufs sind weitverbreitet. Einige werden zu Zynikern oder entwickeln sich zu Profiteuren des neuen Regimes. Das Vertrauen, das Patienten – nicht zuletzt zur eigenen Genesung – aufbringen müssen, wird unterminiert. Der Verdacht, man sei Mittel zum Zweck, ist naheliegend.

Das ist Kannibalismus am ärztlichen Ethos. Der Soziologe Niklas Luhmann hat bereits in den 1970er-Jahren gewarnt, das ärztliche Ethos des Helfens sei auf dem besten Weg, zu einer «Attrappe» zu werden. Das ist nun zur traurigen Wirklichkeit geworden: Die Zahlen dominieren, das Zählen triumphiert.

Es braucht endlich eine ernste Besinnung und eine Abkehr von den Exzessen. Ein Nachdenken über die Sprache ist ebenfalls nötig. Es ist verräterisch, wenn eine Institution sich zur «weltbesten» kürt. Das Ideal der Exzellenz wird leicht zu einer Droge mit schweren Nebenwirkungen. Die Rhetorik der Konkurrenz ist verführerisch: Sie verspricht Ruhm, aber sie wirkt wie eine Illusionsmaschine, die blind macht vor den Grenzen einer guten Praxis. Die Grenzen der Medizin anzuerkennen, heisst auch, ihrem humanitären Auftrag Nachdruck zu verleihen.

Niemand ist machtlos. Wer dem anhaltenden Skelettieren des ärztlichen Ethos ein Ende bereiten möchte, sollte sich eines wirksamen Mittels bedienen – des Schweizer Eids, der in einfachen Sätzen die elementare Moral des heutigen Arztberufs enthält: Nichtkorrumpierbarkeit und das elementare Gebot des Patientenwohls. Ihre Einhaltung ist nötiger denn je und stärkt die Solidarität.

Der Eid ist ein Wegweiser für Mediziner, die die Würde ihres Berufs nicht riskieren möchten. Die Vereidigung soll gefördert oder gar gefordert werden. Der Eid stellt ein Gütesiegel dar und befreit eine Gesundheitsinstitution von dem Verdacht, vor der Vormachtstellung der Ökonomie kapituliert und die Medizin instrumentalisiert zu haben.