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Mamablog: Social DistancingKinder, Umarmen ist gefährlich!

Der kindliche Drang nach Nähe, Gemeinschaft und unbedachter Wildheit wurde durch Corona deutlich in die Schranken gewiesen. Was bedeutet das für ihre Entwicklung?

Beste Freundin und potenzielle Gefahr: Unsere Kinder wachsen in einer Gesellschaft auf, die von Angst vor Nähe durchdrungen ist.
Beste Freundin und potenzielle Gefahr: Unsere Kinder wachsen in einer Gesellschaft auf, die von Angst vor Nähe durchdrungen ist.
Foto: Getty Images

Als im August gleichzeitig bekannt wurde, dass die Tausendergrenze für Veranstaltungen freigegeben ist und es Kindergärten und erste Klassen gibt, in denen die Eltern ihre Kinder nicht zum ersten Schultag begleiten dürfen, platzte mir der Kragen. Was für ein Widerspruch! Doch leider erschloss sich mir seine Logik schneller als mir lieb war. Denn natürlich ist die monetäre Wertschöpfung eines fünfjährigen Kindergärtners im Gegensatz zu Milliardengeschäften wie Fussball gleich Null. Lasst uns dort rigide sein, wo kein Rubel rollt!

Die, die das beschlossen hatten, konnten von Glück reden, dass meine Kinder dieses Jahr keinen Schuleintritt zu bewältigen hatten. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ich als Wandtafel verkleidet durchs Fenster ins Schulzimmer gerobbt wäre, um bei ihnen zu sein. Weil ich weiss, wie bedeutsam Neuanfänge für sie sind.

Kontrolliert nach Fahrplan

Jedenfalls erschütterte mich, dass Geld in diesem Gerangel um Freiraum offensichtlich mehr Gewicht erhält als verletzliche Kinder. Was mich darüber nachdenken liess, was dieses gegenwärtige Klima der Vorsicht und Angst für ein Kind und sein zukünftiges Erwachsenen-Ich wohl bedeuten mag. «Ach, Kinder sind doch so flexibel, die stecken das alles locker weg», hört man immer wieder. Das mag sogar stimmen – tatsächlich nehmen auch meine Kinder die veränderten Umstände sehr gut hin. Doch gerade weil sie so problemlos verinnerlicht haben, dass wir füreinander eine Gefahr darstellen, macht dies deutlich, wie stark sich diese Message bereits in ihrem wachsenden Gehirn verankert hat.

Ich bin sicher, dass heutige Kinder als Erwachsene etwas in sich tragen werden, was ohne diese eigentümliche Zeit nicht da sein würde. Und zwar ganz unabhängig davon, ob wir Erwachsene die neuen Verhaltensregeln nun für richtig halten oder nicht. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Über die Meinung von Erwachsenen wurde ja schon genug geredet. Hier soll es für einmal einzig um die Kindersicht gehen. Und um die Tatsache, dass dem natürlichen Lebensdrang von Kindern eine globale Angst entgegengestellt wurde, welche ihre überschäumende Lebendigkeit zu einem kontrollierten Hüpfen nach Fahrplan gemacht hat. Davon wird etwas hängen bleiben, auch wenn es dann endlich vorbei sein wird. Doch was genau?

Dörf ich s’Gotti umarme?

Was unserer Tochter in der Zeit des Lockdown am schwersten gefallen ist, waren die Abstandsregeln. Denn mit ihrem impulsiven, gefühlvollen Gemüt, lebt sie sehr körperlich und nah. So schaute sie mich also eines Lockdownmorgens traurig an und wollte wissen: «Mama, dörf ich mini Fründe denn nie meh umarme?» Und als sich dann der erste offizielle Besuch ankündigte, kam sie stündlich zu mir und fragte: «Isch es schlimm, wenn ich s’ Gotti umarme?»

«Frag sie eifach, obs für sie in Ordnig isch», antwortete ich. «Und wenn ja, umarm sie fescht!» Doch als der ersehnte Besuch schliesslich eintrudelte und das kleine Mädchen ihn nur allzu gerne in die Arme geschlossen hätte, versteckte es sich. Sie hatte wohl Schiss, ihre Freude nicht zügeln zu können und damit Schlimmes anzurichten. Oder vielleicht war die Aussicht auf eine organisierte Umarmung auch einfach zu befremdend. Jedenfalls zeigte mir ihre Reaktion, dass diese neuen Regeln durchaus verwirrend sind, allem «Gut machen wollen» zum Trotz.

Ich werde meine Kinder bei Gelegenheit mal wieder fragen, wovor sie sich denn so richtig fürchten.

In der Pfadi nicht mehr mit den Leitern raufen zu dürfen, die Mimik der Lehrerinnen hinter der Maske nicht mehr lesen zu können (von den Babys in der KITA ganz zu schweigen), die Geburtstagsmuffins für den Hort wieder unberührt nach Hause tragen zu müssen, weil ihre schludrige Mutter nicht daran gedacht hat, jeden einzeln zu verpacken – all dies sind komplett neue und doch ziemlich lebensfeindliche Erfahrungen für meine Tochter. Ganz egal, was wir Erwachsenen von ihnen halten mögen.

Das Leben als Hochsicherheitstrakt

Dabei hat Corona einzig die Verwundbarkeit des Lebens an die Oberfläche gespült. Wir konnten uns bis anhin den Luxus leisten, unsere Verletzlichkeit und Endlichkeit nett zu verdrängen. Doch sie waren schon immer da. In jeder Minute. In tausenden von Variationen. Je weniger man sich allerdings der eigenen Verwundbarkeit bislang gestellt hat, umso grösser sind nun die Ängste. Sässe ich im Bundesrat, wäre meine nächste einzuführende Zwangsmassnahme, dass jede und jeder zu diesen Themen einen Workshop besuchen muss. Sich also damit auseinandersetzen soll, dass das Leben kein Hochsicherheitstrakt ist. Noch nie einer war – und hoffentlich nie einer sein wird.

Fakt ist: Unsere Kinder wachsen gerade in einer Gesellschaft auf, die von Angst vor Nähe durchdrungen ist. Und das ist in etwa das letzte, was ich ihnen für ihr Leben habe mitgeben wollen. Das grösste Geschenk der Kindheit, sein ungebremster Drang nach spontanem Kontakt, wurde genauso stark in die Schranken gewiesen wie unbedachtes Vertrauen.

Diesen Einschnitt in ihre Biographie will ich anerkennen. Ihn für einmal loslösen von den mehr oder weniger klugen Überlegungen von uns Erwachsenen. Darum werde ich meine Kinder bei Gelegenheit mal wieder fragen, wovor sie sich im Leben denn so richtig fürchten. Vielleicht brauchen sie dann als Erwachsene keinen Virus, der ihnen ihre verdrängten Ängste auf solch einschneidende und unbequeme Weise widerspiegelt.

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11 Kommentare
    C. Hydara

    Danke für den Beitrag. Danke für die Gedanken zu den längerfristigen Folgen der lebensfeindlichen und Angst gesteuerten Massnahmen - auf uns alle und vor allem auf die Kinder. Tatsächlich verweist der Virus uns auf das Thema der menschlichen Verletzlichkeit und Endlichkeit. Geht es hier allenfalls auch um das Abwägen von Lebensfreude- Lebendigkeit versus vermeintliche Sicherheit? Welche Verantwortung haben wir auch gegenüber der zukünfigen Generation?