Zum Hauptinhalt springen

Auftakt im FootballKomm mir bloss nicht zu nah!

Vollkontakt trotz Social Distancing: Ausgerechnet American Football ist eine der ersten Teamsportarten im Land, die nach der Zwangspause wieder loslegt.

Zahnschutz statt Maske: Auf dem Sportplatz in Witikon ist die Lust auf kernigen Sport grösser als die Furcht vor Corona.
Zahnschutz statt Maske: Auf dem Sportplatz in Witikon ist die Lust auf kernigen Sport grösser als die Furcht vor Corona.
Sabina Bobst

Schreie ertönen auf dem Sportplatz neben dem Schulhaus Looren in Witikon. Während auf zwei Nebenfeldern Amateurteams beim Kicken sind, prallen als Hauptattraktion des Tages die Footballer der Zurich Renegades und Thun Tigers aufeinander. American Football? Es ist ausgerechnet diese Vollkontakt-Angelegenheit schlechthin, die als eine der ersten Sportarten wieder aktiv ist. Corona und Social Distancing mit seinen 1,5 bis 2 Meter Abstand scheinen passé.

Es ist keine reguläre Meisterschaft, die gestern begann. Normalerweise küren NLA, NLB und NLC in der ersten Jahreshälfte ihre Champions mit dem Swiss Bowl als Highlight, dem Finalspiel der höchsten Liga, bei dem der Schweizer Meister ermittelt wird. Die Saison 2020 fiel wie vieles andere auch Corona zum Opfer. Doch die meisten Clubs wollten dennoch spielen, jetzt, da es wieder erlaubt ist. Und so organisiert der Verband ein mit NLA- und NLB-Teams gemischtes Turnier, dessen Sieger sich aber nicht Schweizer Meister wird nennen dürfen.

Die Spieler der Zurich Renegades (links) und der Thun Tigers gehen aufeinander los.
Die Spieler der Zurich Renegades (links) und der Thun Tigers gehen aufeinander los.
Sabina Bobst

Ganz unumstritten ist das Ganze in der Szene nicht, mit Bern und Genf verzichten zwei Top-Teams auf die Teilnahme. Und auch innerhalb der teilnehmenden Teams gibt es für die einzelnen Spieler keine Pflicht zum Mitmachen. Per Gentlemen’s Agreement verzichten die Clubs zudem auf die sonst in der NLA übliche Verpflichtung von Import-Spielern aus Nordamerika.

Die Junioren müssen weg

Doch was, wenn nicht alles rund läuft? Wenn ein Spieler an Corona erkrankt ist, dies aber erst nach dem Spiel festgestellt wird? Theoretisch müssen dann rund 80 bis 90 Spieler in die Quarantäne. Und dann? Die Antwort liefert Claudio Spescha, Präsident des Schweizer Verbandes SAFV: «Bei Corona-bedingten Spielabsagen suchen wir einen neuen Termin. Wir würden versuchen, so lange wie möglich alle Spiele zu spielen.» Erst wenn sich ein Team wegen kantonalen Richtlinien komplett zurückziehen müsste, würde man die Situation neu beurteilen.

Vorgaben gibt es natürlich auch rund um die Spiele. Man gibt sich alle Mühe, diese einzuhalten, auch hier in Witikon. Ein paar Junioren der Renegades, die die Partie in der Teamzone am Spielfeldrand verfolgen wollen? Geht nicht! Sie werden von einem Spieler hinter die Abschrankung zu den Zuschauern verscheucht: «Ihr seid nicht auf der Liste! Keine Ausnahmen!» So ist das in Zeiten von Corona: Jeder Akteur beider Teams muss seine Kontaktdaten hinterlegt haben, nur wer notiert ist, darf auf den Rasen. Die Schiedsrichter sind vor dem Spiel angehalten, zu kontrollieren, ob das Heimteam Massnahmen getroffen hat, um das Contact Tracing zu vereinfachen. Und damit es zu keinem Gedränge kommt, sind die Teamzonen grösser eingezeichnet als üblich.

Die Temperaturen setzen allen zu. Der Schatten der Bäume kommt in der Halbzeitpause gelegen.
Die Temperaturen setzen allen zu. Der Schatten der Bäume kommt in der Halbzeitpause gelegen.
Foto Sabina Bobst
Die Spieler der Zurich Renegades in der Pause.
32 Grad – eine Hitzeschlacht
Die Spieler der Zurich Renegades in der Pause.
Foto Sabina Bobst
Pausenerfrischung auch für die Schiedsrichter.
32 Grad – eine Hitzeschlacht
Pausenerfrischung auch für die Schiedsrichter.
Foto Sabina Bobst
1 / 3

Auch die Zuschauer müssen sich beim Eingang auf einem Notizblock eintragen: Name, Wohnort, Handy-Nummer. Ob die Angaben auch stimmen, lässt sich natürlich nicht überprüfen, man vertraut sich – genauso wie unter den Spielern, die von Clubs und Verband explizit darauf hingewiesen worden sind, bei Krankheit und Unwohlsein nicht den harten Kerl zu markieren, sondern Trainings und Spielen fernzubleiben. Zu viele Fans, das ist beim American Football in der Schweiz sowieso bei kaum einem Club ein Problem. Nur der Serienmeister aus Graubünden, die Calanda Broncos, lockt in Chur bis zu knapp 1000 Leute an seine Heimspiele. In Witikon an der Katzenschwanzstrasse sind es an diesem Tag zwar etwas mehr als sonst, aber dennoch nur 313.

Masken muss keiner tragen, es hat auch kaum jemand eine an. «Wir hatten die Wahl zwischen Maskenpflicht und Contact Tracing», erklärt Olaf Kupschina vor dem Spiel. Er ist nicht nur Präsident der Renegades, sondern auch Spieler. Er verrichtet vor jedem Spielzug der Zürcher Offensive die Knochenarbeit der Line-Spieler, der «schweren Jungs» im American Football. Es ist nichts Besonderes, dieses Doppelamt. Das Spiel mit dem Ei, es ist in der Schweiz wie überall in Europa in allen Belangen fern der Glitzerwelt der amerikanischen NFL – eine Randsportart. Hier stehen Herzblut und Leidenschaft im Vordergrund, nicht Dollar und Allüren.

Auch die Zuschauer sind wie eine Familie, man kennt sich, inmitten der Anhänger des Heimteams haben auch zwei Fans der Rivalen aus Winterthur Platz genommen. Dass sie ihre bordeaux-gelben Club-T-Shirts tragen, stört keinen. Die Winterthur Warriors hätten an diesem Tag gegen Argovia spielen sollen, doch die Buchser zogen sich kurzfristig ebenfalls aus dem Turnier zurück.

0:0 bis in die Schlussminute

Die Atmosphäre bei Heimspielen der Renegades ist besonders familiär, es gibt an der Katzenschwanzstrasse keine Tribüne. Die Mehrheit sitzt auf dem kleinen Hügel neben dem Spielfeld im Schatten der Bäume, die Sportplatz und Wohnhäuser voneinander trennen. Weil Terrassen und Fenster der Anwohner nur ein paar Meter weit vom Spielfeld entfernt sind, verzichten die Renegades auf den Einsatz eines Speakers.

Auch eine elektronische Anzeigetafel fehlt. Wen das Resultat interessiert und das handbetriebene kleine Scoreboard in der Spielfeldecke nicht sieht, muss selber mitzählen: 3 Punkte für ein Field Goal, 6, 7 oder 8 für einen Touchdown, 2 für ein Safety. Das ist an diesem Nachmittag nicht so schwierig, gescort wird erst in der turbulenten Schlussminute: Zunächst wird Zürich der vermeintliche Sieges-Touchdown annulliert, im Gegenzug gelingt Thun 18 Sekunden vor Ende die Entscheidung: 6:0-Sieg.

Ab in den Schatten: Zuschauer (und Hunde) schauen sich das Spiel unter den Bäumen an.
Ab in den Schatten: Zuschauer (und Hunde) schauen sich das Spiel unter den Bäumen an.
Foto Sabina Bobst
Einige Football-Fans trotzen der Sonne.
Blick aufs Spielfeld
Einige Football-Fans trotzen der Sonne.
Foto Sabina Bobst
Wieder nichts: Den Zurich Renegades gelingt an diesem Sonntagnachmittag in der Offensive so gut wie nichts.
Enges Spiel
Wieder nichts: Den Zurich Renegades gelingt an diesem Sonntagnachmittag in der Offensive so gut wie nichts.
Foto Sabina Bobst
1 / 3

Auf dem Feld ist alles wie ohne Corona. Selbstverständlich wird in der Line mit voller Kraft geblockt, und Tacklings werden genauso hart und leidenschaftlich ausgeführt wie immer. Nur für den Umgang mit den acht Schiedsrichtern auf dem Feld gelten Spezialregeln. Nur je ein Captain statt der üblichen vier nehmen an der Seitenwahl teil, zudem gilt «Social Distancing» während des Spiels: Wenn möglich soll man den Refs nicht zu nahe kommen, höchstens 1,5 Meter. Doch das ist generell kein Problem. Footballer grenzen sich stolz und gerne ab vom Fussball mit dem Hinweis, dass es so gut wie keine Rudelbildungen oder theatralisches Reklamieren gibt.

Auch im Publikum sind gewohnte Bilder zu sehen, bekannte Gespräche aufzuschnappen. Da sind die Fachleute, die auch Caps oder Shirts von NFL-Teams tragen und sattelfest in der Regelkunde fachsimpeln. Da sind aber auch jene, die Kollegen mitgenommen haben, für die das Treiben auf dem Feld wie ein Buch mit sieben Siegeln sind. Sie geben dann Antworten auf Fragen wie «Was ist ein vierter Versuch? Was bedeutet Interception? Wer spielt in welche Richtung?» Und dann wird natürlich auch hier (wo denn nicht?) hin und wieder auch über Corona diskutiert.

Kampf um jeden Meter: Ein Zürcher Angriff wird von Thuns Verteidigung gestoppt.
Kampf um jeden Meter: Ein Zürcher Angriff wird von Thuns Verteidigung gestoppt.
Foto Sabina Bobst
Seltener Anblick: Für einmal kommt ein Ball bei einem Passfänger an.
Umkämpftes Spiel
Seltener Anblick: Für einmal kommt ein Ball bei einem Passfänger an.
Foto Sabina Bobst
Am Ende mehr als nur Zaungäste: Die Thun Tigers beobachten am Spielfeldrand das Geschehen.
Umkämpftes Spiel
Am Ende mehr als nur Zaungäste: Die Thun Tigers beobachten am Spielfeldrand das Geschehen.
Foto Sabina Bobst
1 / 3

Dann ist Schluss, und eine weitere Corona-Regel wird ersichtlich: Aufs Handshake wird verzichtet, die Teams verabschieden sich gegenseitig mit lauten «Danke»-Rufen. Auch für Kupschina sind zwei schweisstreibende Stunden vorbei, als Line-Spieler war es für ihn bei dieser Hitze- und Defensivschlacht mit beidseits kaum Raumgewinn ein besonders hartes Stück Arbeit. Dennoch strahlt er, Niederlage hin, Corona her. «Es war schön, endlich wieder mal zu spielen», sagt er. Keine Bedenken, dass es an der Line am häufigsten zu Körperkontakt mit Gegnern kommt und es auf keiner anderen Position so oft hautnahe Duelle von Angesicht zu Angesicht gibt? Er schüttelt den Kopf: «An Corona denkst du im Spiel nicht.»