Korrupte Beamte, Agenten und ein Surfer

Krimi der Woche: Weil Iraner in Südafrika angereichertes Uran kaufen, kommt sich im Thriller «Sleeper» von Mike Nicol ein ganzer Haufen Agenten in die Quere.

In genau 100 Kapiteln auf rund 500 Seiten erzählt Mike Nicol brillant wie in seinen früheren Werken eine brisante Geschichte aus dem heutigen Südafrika.

In genau 100 Kapiteln auf rund 500 Seiten erzählt Mike Nicol brillant wie in seinen früheren Werken eine brisante Geschichte aus dem heutigen Südafrika. Bild: Guido Schwarz

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Der erste Satz
Miller’s Point. Fish Pescado öffnete die Drosselklappe.

Das Buch
Bartolomeu «Fish» Pescado ist Privatdetektiv, Marihuana-Dealer und leidenschaftlicher Surfer in Kapstadt. Zum Surfen kommt er im neuen Thriller «Sleeper» von Mike Nicol jedoch nicht, denn es geht alles ziemlich drunter und drüber. Eine mysteriöse Amerikanerin, die vorgibt, im Finanzbereich tätig zu sein, und im Verdacht steht, den südafrikanischen Energieminister getötet zu haben, engagierte Fish, um den wahren Mörder zu finden. Doch dann bringt sich der mit Fish befreundete Polizist, der an dem Fall arbeitete, vor den Augen des Privatdetektivs um. Die Frau verschwindet, ihre Leibwächterin wird tot gefunden.

Polizisten sowie südafrikanische und amerikanische Agenten stehen bei Fish auf der Matte, meist mit unguten Absichten. Fishs Freundin, eine Ex-Agentin, wird von ihrem alten Chef zurückgeholt. Es geht um einen Uran-Deal zwischen korrupten südafrikanischen Beamten mit Verbindungen nach ganz oben in der Regierung und offenbar iranischen Agenten. Oder sind sie etwa Isis-Terroristen? Und was hat die mysteriöse Frau mit all dem zu tun?

Der südafrikanische Autor Mike Nicol entwirft in seinem dritten Thriller mit dem sympathischen Surfer und Kiffer Fish Pescado rund um das illegale Atom-Geschäft ein ziemlich bizarres Kuddelmuddel mit einer ganzen Reihe von Akteuren, von denen man teils nicht so genau weiss, für wen oder was sie wirklich arbeiten. Das ist einerseits ziemlich witzig, vor allem wenn am Ende zum Showdown auf einer verlassenen Farm in der Wüste die Männer mit den Knarren fast schon Schlange stehen, um sich den einen oder die andere von den Beteiligten zu greifen. Anderseits ist der Hintergrund durchaus ernst, wie gerade in den letzten Tagen etwa Meldungen über die Anreicherung von Uran im Iran zeigen. Im Roman nehmen zudem die meisten der Agenten die eine oder andere Leiche als Kollateralschaden auf die leichte Schulter. Was aber auch Rächer auf den Plan ruft, etwa den Vater der getöteten Leibwächterin.

In genau 100 Kapiteln auf rund 500 Seiten erzählt Mike Nicol brillant wie in seinen früheren Werken eine brisante Geschichte aus dem heutigen Südafrika. Actionreich, mit Humor, starken Dialogen, glaubwürdigen Figuren. Und voller kleiner Beobachtungen zu Gesellschaft und Politik, doch nie zu ausufernd, sondern immer genau auf den Punkt. Wer die früheren Werke Nicols kennt, kommt zudem, sozusagen als Bonus, auch noch zu einer Wiederbegegnung mit früheren Figuren, etwa dem unzimperlichen Helden der sogenannten Rache-Trilogie, der hier zurückkehrt, um seine Tochter zu rächen.

Die Wertung

Der Autor
Mike Nicol, geboren 1951 in Kapstadt, studierte an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg und arbeitete als Journalist. Als Schriftsteller veröffentlichte er 1978 einen Gedichtband, es folgten mehrere Romane und Kinderbücher sowie Sachbücher, darunter etwa «A Good-Looking Corpse, The World of Drum – Jazz and Gangsters, Hope and Defiance in the Townships of South Africa» (1991), die autorisierte Biografie «Nelson Mandela: The Authorised Portrait» (2006; Deutsch: «Mandela: Das Porträt») sowie Bücher über John Lennon und den Dalai Lama. In den 1990er-Jahren erschienen drei Romane von Nicol, keine Krimis, bei Rowohlt auf Deutsch. Als Krimiautor machte er seit 2008 mit der virtuosen «Rache-Trilogie» («Payback», «Killer Country», «Black Heart»; alle drei unter diesen Titeln auch auf Deutsch) von sich reden. «Of Cops & Robbers» (2013, Deutsch 2015 als «Bad Cop») war der erste Band der Kapstadt-Serie, die er mit «Korrupt» (2018, Original: «Agents of the State») und nun mit «Sleeper» fortsetzte; dazwischen erschien zudem der Thriller «Power Play» (alle bei btb). Mike Nicol lebt in Kapstadt.

Mike Nicol: «Sleeper» (Original: «Sleeper», Umuzi/Penguin Random House South Africa, Kapstadt 2018). Aus dem Englischen von Mechthild Barth. btb/Random House, München 2019. 512 S., ca. 15 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 10.07.2019, 16:25 Uhr

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