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Vor Duell mit der SchweizKritik an Löw begleitet das deutsche Nationalteam weiter

Die Taktik des deutschen Trainers wird vor dem Spiel gegen die Schweiz erneut bemängelt. Löw will aber nicht viel ändern.

Joachim Löw ist von seinem Spielsystem überzeugt: «Wir haben einen klaren Plan.»
Joachim Löw ist von seinem Spielsystem überzeugt: «Wir haben einen klaren Plan.»
Foto: Stanislav Vedmid (Getty Images/DeFodi Images)

Wahrscheinlich hätte Bastian Schweinsteiger es genauso versucht. Er hätte sich hinten den Ball geholt, zwischen lauter Verteidigern; ein abkippender Sechser, so hat man ja auch ihn früher genannt. Er hätte dann aber auch viel Platz vor sich gehabt und seine offensiver aufgestellten Mitspieler erst in weiter Ferne gesehen, und es wäre ihm vielleicht nichts anderes übrig geblieben, als ihnen einen langen Pass mit unsicherem Ausgang zuzuspielen. Vielleicht hätte er dabei wenigstens so abgekämpft ausgesehen wie im WM-Final von 2014. Damit hätte er dann womöglich immerhin das Fernsehpublikum mal wieder abgeholt.

Schweinsteiger (36) stand am Samstagabend natürlich nicht auf dem Rasen in Kiew, auf dem die deutsche Nationalmannschaft erstmals seit dem 19. November 2019 wieder ein Fussballspiel gewann, mühsam 2:1 gegen die Ukraine. Schweinsteiger ist inzwischen Experte für die ARD, und so stand er mit unversehrtem Gesicht und im weinroten Sakko im TV-Studio – und analysierte.

Studio statt Fussballplatz: Bastian Schweinsteiger (links) wirft dem deutschen Nationalteam in der ARD mangelnde Attraktivität vor.
Studio statt Fussballplatz: Bastian Schweinsteiger (links) wirft dem deutschen Nationalteam in der ARD mangelnde Attraktivität vor.
Foto: Screenshot ARD

«Man kann sich nicht mehr so einhundertprozentig identifizieren mit der Nationalmannschaft, das ist schade. Ich hoffe, dass das Ruder wieder rumgerissen wird», sagte er etwa zur ungemütlichen Gesamtsituation rund um den Deutschen Fussball-Bund (DFB). Doch er äusserte auch konkrete Kritik an der Taktik des Bundestrainers. Drei Innenverteidiger, sagte Schweinsteiger zum Beispiel, die hätte es in diesem Spiel gegen eine ukrainische Ersatzmannschaft nicht unbedingt gebraucht.

Die Kritik an Joachim Löw ist weiterhin ein Thema, welches das deutsche Nationalteam begleitet, wenn es sich nun in Köln auf das dritte Länderspiel binnen sieben Tagen vorbereitet, an diesem Dienstag gegen die Schweiz (ab 20.45 Uhr hier im Liveticker). Kritik hatten die Alt-Nationalspieler Lothar Matthäus, Jürgen Kohler und Berti Vogts vorgebracht, Löw sprach in Kiew in der Pressekonferenz ausführlich darüber: «Jeder kann Kritik äussern. Aber ich stehe über den Dingen», sagte er, «ich sehe das grosse Ganze auf dem Weg zur EM.»

Doch dass es auf dem Weg zur EM 2021 noch ein paar komplizierte Baustellen gibt, das war auch gegen die Ukraine kaum übersehbar. «Geht so», lautete das Zeugnis, das Innenverteidiger Matthias Ginter seinem Team im ARD-Interview ausstellte.

Die Abwehrreihe hat Probleme

Einen Hauptkritikpunkt der vergangenen Tage wird Löw bereits gegen die Schweiz weiter zu entkräften versuchen. Er werde «bei der Startaufstellung nicht viel ändern, wenn alle fit sind» – also wieder die Formation aufstellen, die sich einspielen soll, keine Ersatzspieler zur Schonung der Stammelf wie beim 3:3 gegen die Türkei. In Kiew spielten wieder alle Profis des FC Bayern sowie Toni Kroos mit, nur Timo Werner kam nach einer Erkrankung unter der Woche erst als Einwechselspieler. Doch auch in der Stammelf gibt es nicht nur die von Löw erwähnten guten Ansätze.

Da ist zum Beispiel die von Schweinsteiger infrage gestellte Dreierkette in der Innenverteidigung aus Ginter, Antonio Rüdiger und Niklas Süle. Rüdiger und Ginter waren zwar höchstpersönlich für das Führungstor nach 20 Minuten verantwortlich. Doch Süle war auch höchstpersönlich für das Penalty-Gegentor in der 76. Minute verantwortlich, vor dem er Roman Jaremtschuk in die Beine grätschte. «Unnötig», fand Löw, einfach «begleiten» und «dabei sein» müssen hätte der Münchner Verteidiger: «Da besteht keine Gefahr, wenn der Nik Süle auf den Beinen bleibt.»

Grätsche im Strafraum: Niklas Süle säbelt den Ukrainer Roman Jaremtschuk um und verursacht damit einen Penalty.
Grätsche im Strafraum: Niklas Süle säbelt den Ukrainer Roman Jaremtschuk um und verursacht damit einen Penalty.
Foto: Joosep Martinson (Getty Images)

Süle (25) ist nach seinem Kreuzbandriss noch nicht bei alter Stärke. Doch es war auch Grundsätzlicheres, das Schweinsteiger monierte. Er würde sich wünschen, sagte er, dass gerade in der Verteidigung mehr Spieler zu hören wären. Und er schien sicher zu sein, dass er typische Führungsspieler-Kommandos nicht überhört hatte, weil die 17’573 Zuschauer, die im Corona-Risikogebiet Kiew im Stadion waren, zwischenzeitlich durchaus Lärm machten.

Auch Antonio Rüdiger (27) macht gerade eine komplizierte Phase durch, bei Chelsea ist er unter Trainer Frank Lampard nur Ersatz, ein Transfer scheiterte. Ginter (26) war ein Hauptdarsteller des trotz aller Mühsamkeit wichtigen Siegs, er spielte nicht nur wegen seines Treffers gut, und er bewertete das Spiel danach ehrlich: «Wir hatten gerade in der ersten Halbzeit viele einfache Ballverluste, einfache Fehler», sagte er; die Mannschaft brauche noch «ein bisschen Zeit».

Vielleicht gilt das auch für ihn selbst. Ginter muss sich an seine neue Rolle als Abwehrchef des Nationalteams womöglich noch etwas gewöhnen. Bei Borussia Mönchengladbach ist der Ergänzungsspieler der Weltmeistermannschaft von 2014 zu einem herausragenden Bundesligaspieler gereift, auch mit Qualitäten im Spielaufbau. Die sind von ihm beim DFB aber mindestens genauso gefragt – jedenfalls in einem System mit Dreierkette.

«Wir wissen schon, was wir machen.»

Joachim Löw nach dem Ukraine-Spiel

Folgt man Schweinsteigers Analyse, dann ist die Wahl dieses Systems gegen schwächere Gegner ein Grund dafür, warum die Abläufe holprig wirkten, die Mannschaft laut Löw «zu oft lange Bälle von hinten ins Mittelfeld» spielte und viele Fehlpässe passierten. Obwohl die Gegenwehr der durch 14 Ausfälle geschwächten Ukrainer überschaubar war, holten die Mittelfeldspieler Kroos und Joshua Kimmich sich den Ball oft hinten zwischen den drei Innenverteidigern – und hatten dann vorne nicht genug Anspielstationen.

«Wir haben einen klaren Plan. Davon sind wir überzeugt. Ich vertraue meinen Spielern, wir haben sehr gute Ansätze. Wir wissen schon, was wir machen», auch das hat Joachim Löw gesagt, als er in Kiew geduldig über die Kritik an ihm referierte. Zuvor hatte er in der ARD auch mit Bastian Schweinsteiger gesprochen. Die Spiel-Eröffnung? Sei «schon auch ein Thema bei uns», eigentlich ständig, sagte Löw. Er wirkte sehr gelassen, über den Dingen eben.

1 Kommentar
    Guido Lima

    Löw ist der einzig Nationaltrainer der Welt , der als Mitfavorit an einer WM, in der Vorrunde als Gruppenletzter ausscheidet und trotzdem seinen Posten noch behalten konnte. Also ist es nicht verwunderlich, dass er sich benimmt wie eine Diva und völlig Kritikresistent geworden ist.