Als der Terror Deutschland erschütterte

Die RAF, ihre Opfer, ihre Gegner: Eine Berliner Ausstellung zeigt Parallelen und Unterschiede zu den jüngsten Anschlägen in Paris.

Wrackteil vom Sprengstoffanschlag auf den Atomwissenschaftler Karl Heinz Beckurts und seinen Fahrer Eckhard Groppler vom 9. Juli 1986 Foto: PD

Wrackteil vom Sprengstoffanschlag auf den Atomwissenschaftler Karl Heinz Beckurts und seinen Fahrer Eckhard Groppler vom 9. Juli 1986 Foto: PD

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34 Tote forderte der Terror der RAF zwischen 1971 und 1998. Viele Verletzte kamen hinzu, etliche auch in einem Zeitungshaus. Als 1972 im Springer-Verlag Bomben hochgingen, trafen sie keinen der verhassten Redaktoren, sondern Setzer und Korrektoren.

Rote-Armee-Fraktion nannte sich selbst, was in der Bevölkerung als «Baader-Meinhof-Bande» galt. Die Morde, die Bekennerschreiben, versehen mit dem Emblem aus fünfzackigem Stern und Kalaschnikow, die Fahndungsplakate überall, die häufigen, auf beiden Seiten angstbesetzten Polizeikontrollen: Westdeutschland durchlebte in den späten 70er-Jahren seine schwerste Krise.

Andere Motive, ähnliche Anmassung

Wer durch die Ausstellung «RAF. Terroristische Gewalt» geht, die jetzt im Deutschen Historischen Museum zu sehen ist, fühlt sich in jene beklemmende Zeit zurückversetzt – und zugleich genötigt, den Bogen zu schlagen zum jüngsten Anschlag in Paris. Verschieden die Motive, aber ähnlich die Mischung aus Rücksichtslosigkeit und Selbstüberhebung, die Anmassung, über das Lebensrecht anderer Menschen zu entscheiden.

Im Unterschied zu früheren Ausstellungsversuchen bezieht die neue Schau die Opfer mit ein, etwa am Beispiel der Familie Ulmer, die einen Sohn, einen Polizisten, verlor. Sie konzentriert sich natürlich dennoch auf die Täter, allerdings ohne sie zu mystifizieren. Erst recht umweht die Baader-Meinhofs keine Spur von Popkultur – solche Deutungs-Verirrungen hat es ja gegeben, und, um den Bogen wieder zu schlagen, die Strategen des IS wissen ja heute genau, wie sie ihre Mordzüge visuell und digital attraktiv umsetzen.

Es wird neu ermittelt

Es ist eine nüchterne Aufbereitung, die sich auf Texte, Fotos, Film- und Tondokumente und anschauliche Objekte stützt. Man liest die krude Rechtfertigungsprosa der RAF, erschauert vor einer Autotür, die einem gesprengten Fahrzeug gehörte. Man steht verblüfft vor der Suzuki GS 750, von deren Rücksitz aus am 7. April 1977 der damalige Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei Begleiter erschossen wurden.

Wer schoss, ist immer noch nicht bekannt; gerade wurde ein neues Ermittlungsverfahren eröffnet – ein Zeichen, dass die RAF nicht nur für die Opfer nie zur musealen Vergangenheit werden kann. Die ausgestellte Suzuki verrät nichts mehr. Fünf Jahre nach dem Attentat – der Fall galt als geklärt – wurde sie an einen Privatmann verkauft, der damit 20 Jahre in Europa herumfuhr. Damals gab es keine DNA-Analyse, heute gibt es keine brauchbaren Spuren mehr.

Spannend für den, dessen RAF-Bild von Uli Edels etwas krawalligem Kinofilm geprägt ist, originale Tonaufnahmen von den Prozessen zu hören. Sanft und einschmeichelnd wirkt die Stimme Andreas Baaders. Das ständige Sich­verhaspeln der Ulrike Meinhof zeugt ­dagegen schon von den Folgen der ­monatelangen Einzelhaft. Gerade diese Haft­bedingungen, von den Unterstützern als «Folter» propagandistisch aufbereitet, trieben der RAF neue Sympathisanten zu. Die Ausstellung differenziert hier genau; sie berichtet von den Folgen «sensueller Deprivation», dokumentiert aber auch, dass die Häftlinge später eher privilegiert waren.

Die Fehler der «anderen Seite»

Holger Meins etwa hatte etliche Presseprodukte abonniert (so die «Prawda», «Quick» und «Emma»), und das Foto der Zelle des toten Baader zeigt ein deckenhohes Bücherregal. Interessantes Detail: Die Gefängnisleitung liess die toten Häftlinge stundenlang liegen (bzw. hängen), bis Gerichtsmediziner aus Zürich, Wien und Lüttich eingetroffen waren. Auch deren neutrale Gutachten konnten nicht verhindern, dass die Legende vom Mord hinter Gittern jahrelang kursierte.

Was lehrt die Ausstellung Neues? Sie zeigt – ohne die Taten im Geringsten zu relativieren – die Fehler der «anderen Seite». Die RAF hatte nämlich eine Vorgeschichte, sie gedieh in einem Milieu, das sich auflehnte und aufregte aus berechtigten Gründen: die mangelnde Aufarbeitung der NS-Vergangenheit; der Vietnamkrieg; das Paktieren mit dem Schah-Regime; die brutale Polizeigewalt; die Hetze der reaktionären Presse.

All dies belegt die Ausstellung mit eindrucksvollen, teils noch nie öffentlich gezeigten Dokumenten, etwa Fotos eines «B. Z.»-Reporters vom sterbenden Benno Ohnesorg. Zum Protestmilieu gehörte auch der Schweizer Filmstudent Werner Sauber, der später ebenfalls in die Gewalt abdriftete und bei einer Polizeikontrolle erschossen wurde. Von ihm aufgenommene Filmbilder zeigen die «Schlacht am Tegeler Weg»: Demonstranten gegen berittene Polizei.

Die Auflösung der RAF

«Wir haben schrecklich überreagiert», sagte der frühere Innenminister Gerhart Baum nach dem Besuch der Ausstellung. Er meint die Verschärfung von Gesetzen, aber auch die Verweigerung eines Dialogs über die Verirrungen, bis in die 90er-Jahre. Nach und nach kamen die meisten der verurteilten Täter frei. Ralf Friedrich, einer von ihnen, spricht im Video über seine ursprüngliche Faszination für die RAF und seine Abkehr von der Gewalt.

Eindrucksvoller noch die Sendung, die Günter Gaus 2001 in seinem berühmten TV-Format «Zur Person» mit Christian Klar bestritten hat, einem Haupttäter der «zweiten Generation». 50 Minuten lang dauert sie. Es ist ein erkenntnisreiches Gespräch. Gaus fragt einfühlsam und eindringlich; Klar antwortet langsam, stockend, er scheint sich bis heute nicht ganz im Klaren zu sein über das Getane. Der erste Schritt in die Opposition war übrigens ein Flugblattverbot, das der Schulleiter des südbadischen Lörrach verhängte – es war Christian Klars Vater.

1998 erklärte die RAF in einem letzten Bekennerschreiben ihre Auflösung. Pathetische Sätze widmet sie «denen, die sich entschieden, im Kampf alles zu geben, und in ihm gestorben sind». Nach Einsicht klingt das nicht. Auf der folgenden Liste steht auch der Name Werner Sauber.

RAF. Terroristische Gewalt. Deutsches Historisches Museum Berlin, bis 8. März. www.dhm.de

Erstellt: 26.01.2015, 19:11 Uhr

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