Als die Bilder sprechen lernten

Das Fotomuseum Winterthur zeigt eine erstaunliche Paul-Strand-Retrospektive.

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Jeder kanns, jeder tuts, Fotografieren ist der neue Sex. Aber wer hats erfunden? Nicht das bilderverrückte Amerika. In Europa ist es passiert. Die europäische Kunstavantgarde – Picasso, Brancusi, Cezanne, der Kubismus und seine Kinder – hat amerikanische Fotografen angespornt, ihre Bildsprache immer wieder vorwärts, weiter und in die Moderne zu peitschen. Mit dem Effekt: Fotografie ist heute Weltsprache und als Kommunikationsmedium fast so erfolgreich wie Geld.

Wem diese Erklärung zu polemisch erscheint, wird im Fotomuseum Winterthur feststellen müssen, dass es tatsächlich so war. Und wie spannend ist diese Wahrheit! Co-Direktor Duncan Forbes hat die erste Retrospektive des amerikanischen Modernisten Paul Strand an Land gezogen. «Paul Strand – Fotografie und Film für das 20. Jahrhundert» heisst sie, und die grossen Worte über ein Werk, das 60 Jahre umfasst, lösen ihr Versprechen in jeder Silbe ein.

Ein McCarthy-Opfer

In der Figur von Strand (1890–1976) lässt sich ablesen, wie das Medium zur Moderne kam. Strand ist einer der wichtigsten Wortführer der fotografischen Avantgarde: durch seine Person, seine Arbeit (Fotos, Filme, Fotobücher), durch seine Reisen und Beziehungen in Europa. Hier lebte er ab 1950 bis zu seinem Tod, nahe Paris, nicht ganz freiwillig; er war wie viele kritische Künstler ein Opfer der McCarthy-Kreuzzüge und musste die USA verlassen.

Dass dieser Rädelsführer der Neuzeit in seiner Mission mindestens so wichtig ist wie sein Landsmann, der Fotograf und Galerist Alfred Stieglitz, erkennt man in Winterthur sofort. Obwohl der Name und der Ruf von Stieglitz (1864–1946) bis heute ungleich populärer ist. Stieglitz war Strands früher Förderer in New York, und seine zweite Frau, Georgia O’ Keeffe, war elektrisiert von dessen direktem Stil. Doch schnell überflügelte der Jüngere den Älteren so offensichtlich, dass sich die beiden nur noch beschweigen konnten, um sich nicht bekämpfen zu müssen.

Ein überzeugter Demokrat

Strands Kampf galt der ästhetischen und politischen Arbeit hinter der Kamera. Er war ein Besessener der Idee eines gesellschaftlichen Wandels durch Kunst, ein Besessener des Glaubens an Demokratie. Er war besessen von der Überzeugung, dass das Verständnis von Geschichte und Geografie für eine Gesellschaft entscheidend sei, und beides wäre durch Fotografie ideal festzu­halten.

Duncan Forbes hat sich die erste grosse Übersichtsschau nach Strands Tod direkt an der Quelle geangelt. Dort, im Philadelphia Museum of Art, liegt seit Ende des letzten Jahres das Strand-Archiv. Und dort hat der Fotokurator Peter D. Barberie eine Schau zusammen­gestellt, die nach Philadelphia lediglich dreimal gezeigt werden kann. Dann müssen die fragilen Abzüge zurück ins Schonklima der Depots. Die Schau reist, teils verschlankt, nach Madrid in die Fondación Mapfre und nach London, ins Victoria and Albert Museum. Dass sie jetzt als Erstes nach Winterthur kommt, ist für Foto- und Filmfreunde wie Weihnachten und Ostern zusammen.

Schlüsselwerke

Denn es ist ja hier nicht nur Strands kurzer Avantgardefilm «Manhatta» zu sehen – jene Grossstadtsinfonie von 1920/21, die er zusammen mit dem Maler Charles Sheeler realisierte. Hat man überhaupt schon mal so viele bekannte Fotoklassiker in einem einzigen Raum erlebt? Schlüsselwerke der Fotogeschichte sind es, Meilensteine: Auf dem frühen Bild «The Wall Street» (1915) arbeitet Strand mit Schatten, Architektur und dynamisierenden Elementen wie Fussgängern, um festzustellen, «ob sich diese Art von Bewegung auf eine abstrakte und kontrollierte Art» wiedergeben liesse. Oder dann «The White Fence» (1916, Port Kent), jenes Bild, das ein Fachwerkhaus hinter einem weissen Holzzaun so zeigt, dass der Betrachter das Haus nächstens betreten wird. Die ganze Bedeutung von Heim und von Heimat wird hier sprichwörtlich Bild, wird Metapher und ist doch konkret.

«The White Fence» gehört zur frühen Gruppe von Stadtlandschaften, die das Bild so fragmentieren, dass nicht nur eine, sondern mehrere Geschichten gleichzeitig lesbar sind. Strand hat den fotografischen «Split Screen» erfunden, vor Erfindung des Wortes sogar. Als Beispiel seiner kurzen Episode als Strassenfotograf wiederum glänzt über allem die ikonische «Blind Woman» (1916), das Bild einer Frau, die ein Schild mit der Aufschrift «Blind» um den Hals trägt. Was ist verstörender? Der unübersehbare physische Defekt oder der brachiale Aufruf, der dem Defekt Aufmerksamkeit zollen und bei Passanten eine Geldspende locker­machen soll?

Der Junge ohne Namen

In anderen Sälen hängen die Naturstudien aus Maine von 1926. Und hier glaubt man endlich, was in der Fotogeschichte Legende ist: Strand beherrschte nicht nur die Verwendung des Naturlichts und die lange Belichtungszeit hinreissend. Dem stur Geduldigen gelang auch die Arbeit in der Dunkelkammer meisterhaft. Die Wucht der Details, die hier aus den Abzügen in Richtung des Betrachters schiessen, ist bestürzend. Pilze, Pflanzen, Felsen, Treibholz dringen in komplexen Verwachsungen und Verknotungen aus der Tiefe des Bildraums scheinbar durch die Oberfläche des Bildträgers.

Und dann, endlich, steht man vor dem Gesicht, das alle kennen und doch keiner kennt: Der «Young Boy» (1951, Gondeville, Frankreich) blickt frontal in die Kamera, provokant, intensiv. Er hat keinen Namen, doch ist es wichtig, wie er heisst? Strands Können lässt der Schönheit ihr Geheimnis, und das schliesslich macht Kunst zur Kunst.

Vernissage Freitag, 6. März, 18 Uhr. Bis 17. Mai. Zur Ausstellung erscheint ein umfassender Katalog.

Erstellt: 04.03.2015, 18:14 Uhr

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