Assoziationen, die verstören

Die Genfer Künstlerin Silvie Defraoui hat im Kunstmuseum Solothurn ein neues Kapitel ihres «Archivs der Zukunft» geöffnet. Sie arbeitet mit Bildern, Projektionen und Texten – von «1001 Nacht» bis zu halben Gedichten.

Strahlende Poesie: Defraoui-Werke «Lune noir» (2014). Foto: Georg Rehsteiner

Strahlende Poesie: Defraoui-Werke «Lune noir» (2014). Foto: Georg Rehsteiner

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Eintauchen in eine Bilderwelt, die voller Poesie ist. Versinken in Bilder, die Bilder hervorrufen, Erinnerungen und Assoziationen wecken. Es geschieht wenig – und es geschieht viel in der Ausstellung der Genfer Videopionierin Silvie Defraoui. Eine angenehm spannende Stille herrscht vor.

Die Zeit wird ausgeklinkt, bewegt man sich in diesen meist neueren Kapiteln des «Archivs der Zukunft», das die Künstlerin 1975 zusammen mit ihrem Mann Chérif Defraoui begonnen und nach dessen Tod 1994 kontinuierlich weitergeführt hat. «Daraus ist eine Reise durch die Vielfältigkeit der Geschichte und der Geschichten geworden. Jede Werkgruppe ist ein Anhaltspunkt, wo Sinn und Widersinn sich treffen», so Silvie Defraoui.

Zerbrochene Erinnerungsbilder

Sinn und Widersinn: Das bedeutet komplexe Konstellationen von Bildern, die aber mit Leichtigkeit und eben mit poetischer Ausstrahlung daherkommen und erst nach und nach ihre Vielschichtigkeit entfalten. Das deutet bereits der vertrackt einfache Ausstellungstitel an: «Und überdies Projektionen». Das ist zuerst eine technische Feststellung: Viele der Werke sind Projektionen, die sich jedoch nach und nach auch als Projektionen von Projektionen entpuppen, also von verschiedenen übereinander projizierten Bildern, die sich zudem wie im wunderschön bildhaften Werk «Bruits de surface» von 1995 auf einer Marmorplatte spiegeln.

Projiziert sind Erinnerungsbilder, die zerbrechen und dabei im Betrachter wiederum neue Erinnerungsbilder hervorrufen. Das ist die zweite Ebene der Projektion: Bilder, die sich beim Betrachten einstellen, die sich vor dem inneren Auge abspielen, im psychoanalytischen Sinn die Übertragung des Eigenen auf das Fremde, das Ergänzen von bewusst offen gehaltenen Leerstellen, die – wie bei Gedichten die Leerzeilen – einen Widerhall auslösen.

So heisst denn eine grosse Projektion auch «Widerhall und Luftzug». Wir befinden uns in einem offenbar südlichen Landhaus, gehen mit der Kamera von Zimmer zu Zimmer, Ferienstimmung kommt auf, Sehnsucht auch. Dann schwenkt, wie eine Kapitelüberschrift, ein Tuch durch das Bild.

Und eine Stimme beginnt auf Französisch zu erzählen, etwa: «Der grosse Affe kennt die Schrift. Seine Kalligrafie ist schön. Er schreibt die besten Verse. Er findet die guten Reime. Seine Manieren sind perfekt. Er benimmt sich rücksichtsvoll. Er kennt die grossen Weine, die guten Speisen, die beste Kunst. Auch spielt er Schach und gewinnt immer. Infolgedessen und im Hinblick auf all dies hat man ihm menschliche Gestalt gegeben.»

Erzählt werden so Paraphrasen aus «1001 Nacht». Eine neue Ebene, neuer Stoff für die Fantasie ist ins Landhaus ­gekommen, in dem im Übrigen kein Mensch, aber durchaus die fast intim wirkenden, liebevoll arrangierten Spuren von Bewohnerinnen und Bewohnern zu sehen sind.

Die Gleichgültigkeit unterlaufen

Neben den Bildern ist es also auch die Sprache, die im Werk von Defraoui eine zentrale Rolle spielt. Vielleicht müsste man eher von Sprachzeichen ausgehen, die sich bis ins Ornamentale verwandeln und so wiederum eine grosse Offenheit erlauben. Wie liest sich also ein Gedicht, von dem immer nur die Hälfte jedes Buchstabens zu sehen, die andere jedoch abgedeckt ist? $

Wie liest sich das Wort MÄUSCHENSTILL, wenn nur die obere Hälfte lesbar ist? Und wie schaut man eine Fotografie an, in die augenscheinliche Buchstabenfragmente eingefügt sind wie in der Serie «Grille de Lecture» (2013/14)?

Es ist fast ein Automatismus der Wahrnehmung, der hier in Gang gesetzt wird. Denn das rasterartige Zeichenfragment wird zu einer Leitlinie für die Lektüre des Bildes, lenkt und durchkreuzt den Blick, irritiert das Bild, das als freilich gute Reisefotografie eigentlich ganz harmlos wäre.

Ähnliches gilt für die neue Serie «Faits et Gestes». Es sind grossformatige Fotodrucke, bei denen der Hintergrund aus Katastrophenbildern besteht, im Vordergrund eines Tsunami-Bildes etwa prangt jedoch eine üppig blühende Narzisse. Hier irritiert der Kontrast, das Auge springt hin und her auf diesem Stillleben, das keines ist – und sich zudem durch feine runde Löcher im Papier nicht als eigentliches Abbild, sondern eben als Bild von Bildern erweist. Und das evoziert beim Betrachten verstörende Assoziationen.

Will man das politisch wenden, so unterläuft Defraoui mit Bildern subversiv die Gleichgültigkeit gegenüber Bildern, gegenüber dem raschen, oberflächlichen Blick, der aus der geläufigen Bilderflut resultiert. Dieser setzt die Künstlerin in ihrem Werk eine langsame und nachdenkliche Bildästhetik entgegen: ein Archiv für die Zukunft.

Kunstmuseum Solothurn, bis 3. August. www.kunstmuseum-so.ch

Erstellt: 22.07.2014, 08:20 Uhr

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