Auf steilem Aufstieg

Extrembergsteiger gehören heute zu den medialen Figuren mit Starqualitäten. Wie Alpinisten zu zeitgenössischen Helden werden konnten, zeichnet das Alpine Museum in Bern in seiner neuen Ausstellung nach.

Im «Extremraum»: Die Expedition Guillarmod am Kangchenjunga.

Im «Extremraum»: Die Expedition Guillarmod am Kangchenjunga. Bild: Fonds Jules Jacot Guillarmod

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Weisse Papierwände, weisse Stühle, eine hölzerne Wand voller Bücher mit dem immer gleichen bärtigen Konterfei von Reinhold Messner. Über die weissen Kopfhörer kommt die Stimme des Extremalpinisten zum Besucher – die Box aus japanischem Papier im Alpinen ­Museum mutet an wie eine Kapelle. Eine Kapelle für einen Bergsteiger? Aber ­natürlich. Kult- und Wallfahrtsorte sind längst nicht mehr Göttern und Heiligen vorbehalten. Elvis Presley zum Beispiel machte sein Graceland in Memphis zur Pilgerstätte.

Nun, Reinhold Messner ist zwar noch lebendig. Das Alpine Museum in Bern hat ihm dennoch eine Huldigungsstätte eingerichtet – in seiner neuen Ausstellung «Himalaya Report – Bergsteigen im Medienzeitalter». Die Inszenierung ergibt gerade unter diesem Titel sehr wohl Sinn, werden doch mittlerweile die ­Regungen von Bergsteigern auf ähnliche Art wahrgenommen wie die von Popstars. Die mediale Inszenierung der Protagonisten am Berg und ihrer Abenteuer ist aber, wie die Ausstellung zeigt, kein neues Phänomen. Sensationelle Erstbesteigungen von bisher unbenannten Bergen fernab der Zivilisation, übermenschliche Leistungen, Dramen einsamer Kämpfer im ewigen Eis – und alles eingefangen von Kameras: Das gab es schon um 1900. Auch wenn dann Messner der erste breit bekannte Star am Berg war.

Pionier auf allen Kanälen

Was also ist passiert? Was ist passiert, dass Alpinisten wie Messner oder seine jüngeren Kollegen, die Schweizer Ueli Steck und Stephan Siegrist, die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner oder ihr Landsmann David Lama, heute Starqualitäten haben? Es ist der Zeitgeist, der auch den Alpinismus bestimmt. Und dieser Zeitgeist ist, spätestens seit den Sechzigerjahren, von Pop-Phänomenen bestimmt, die längst über die Musikwelt ­hinausweisen.

Tatsächlich lässt sich mit den Mechanismen des Pop die Geschichte des medial inszenierten Alpinismus, wie sie die Ausstellung zeigt, gut erklären. Denn Pop, das ist die Vorstellung, die sich die Menschen von einem Idol machen. Diese setzt sich vielfältig zusammen: aus Bildern, Tönen, Texten. Und für jeden Fan sieht sie eigen aus, bietet eine persönliche Projektionsfläche. Trotzdem bezieht sich das Bild des Popstars auf etwas Grösseres, Gemeinsames. Höhepunkt ist der persönliche Auftritt des Verehrten, der Beweis: Es gibt ihn wirklich.

Reinhold Messner war der erste Alpinist, der zum Star wurde – gerade weil er nicht nur ein Pionier am Berg war, sondern auf allen Kanälen auftrat. Als philosophischer Vordenker seiner Gilde. Seine Vorträge füllen Stadien, seine Veröffentlichungen Büchergestelle. Seine Geschichte und Interpretation der Bergwelt präsentiert er in den Messner Mountain Museums. Er gehörte zu den Ersten, die ihre Expeditionen «nur für sich» machten und die nationale Vereinnahmung bekämpften. So dient Messner nicht nur als Projektionsfläche, er hat auch selbst ergründet, was da projiziert wird.

1902 im Himalaja

Nützlich sei das Bergsteigen nicht, sagt Messner, aber es diene der Sinnproduktion. Die Alpinisten müssen für jede ihrer Handlungen unmittelbar die Folgen tragen. Sie müssen Risiken abwägen, sich auf den Moment fokussieren. Dafür werden sie belohnt mit klar definierten Erfolgen: auf dem Gipfel gewesen zu sein, eine Route erschlossen zu haben. In einer kontrollierten Welt, in der es scheint, als könne der Einzelne kaum mehr was verändern, sind die Bergsteiger in ihrem Kampf zwischen Leben und Tod so etwas wie «Ersatz­erlebnisproduzenten». Doch dabei sein können wir nicht; erst durch die mediale Vermittlung erfahren wir von diesen Erlebnissen – was sie freigibt für unsere eigenen Vorstellungen und Träume.

Die Kapelle für Messner und die Videoboxen mit den Porträts der vier Profialpinisten Steck, Siegrist, Kaltenbrunner und Lama befinden sich in «Himalaya Report» erst im zweiten Stock. Zunächst zieht die Ausstellung die Linie bis in die Gegenwart, setzt aber weit in der Vergangenheit an. Sie hält sich dabei an eines der mythenreichsten Massive in der Alpingeschichte, den Himalaja. Und fokussiert auf die Schweizer Geschichten in diesem alpinistischen «Extremraum», wie ihn Museumsdirektor Beat Hächler nennt.

Im Kern zeigt die Ausstellung die Aufnahmen und Aufzeichnungen der Himalajaexpeditionen des Schweizers Jules Jacot Guillarmod um 1902 und 1905. Es sind die ersten Aufnahmen des K2 überhaupt, die Guillarmod realisierte, und vom Kangchenjunga brachte er erstaunliche 3-D-Bilder mit. Der Alpinist berichtete schon damals fortlaufend von seiner Tour – auf dem Briefweg, während die Expedition noch im Gange war.

Die Sponsoren kommen

Von Guillarmod führt die Geschichte weiter, zu ersten Dokumentar- und Spielfilmen aus höchster Höhe in den Dreissigerjahren: Eine neue Form der Medialisierung des Bergerlebnisses und eine gewaltige organisatorische Leistung, die auch das professionelle Sponsoring von Bergexpeditionen einführte. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte eine Phase der Nationalisierung, Alpinisten waren als «Astronauten der Berge» für ihre Nation unterwegs, bis dann eben Pop und mit ihm Messner auf den Plan treten.

Die Ausstellung vertraut erfolgreich auf ihr umfangreiches und attraktiv aufbereitetes Archivmaterial. Eine kritische Sicht, etwa auf den Massentourismus am Medienstar Himalaja, gibt es hingegen nur am Rand. Interaktivität und Diskussionen sind ausgelagert, ins Internet und in die Führungen. Das Museum führt einen Blog, der für Kommentare offensteht, und das Führungskonzept enthält eine Variante, bei der die Besucher während des begleiteten Besuches zur Diskussion aufgefordert werden. Die offensichtlichen Widersprüche zwischen Individualismus und Vermarktung, zwischen Authentizität und Inszenierung tauchen dennoch auf, in der Selbstreflexion der modernen Profialpinisten im Videoporträt.

Die Vermarktung sei Mittel zum Zweck, sagen sie; das Bergsteigen selber, das würden sie für sich selbst machen. Er kenne keinen Alpinisten, der zum Medienstar tauge, sagt Lama. Das müssen sie auch nicht: Die Medien und das Publikum machen sie sowieso dazu.

www.alpinesmuseum.ch

Erstellt: 27.04.2014, 17:53 Uhr

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